Herausgegeben und erklärt von Barbara Senckel mit Illustrationen von Rotraut Susanne Berner

Verlag C.H.Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-73143-3, 304 Seiten, 14 farbige Illustrationen und 9 Scherenschnitte, Hardcover bedruckt, Lesebändchen, Format 24,5 x 17,2 cm, € 22,00 (D) / € 22,70 (A) 

Die 2016 verstorbene Märchenforscherin und -erzählerin Sigrid Früh hat es verstanden, nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene für die Weisheit der Märchen zu begeistern und ihre Zuhörer ein ums andere Mal für Stunden in den Bann zu ziehen. Zugleich war es ihr ein Anliegen, in die Hintergründe der Märchen einzuführen, mögliche Deutungen zu erörtern und auf Varianten aufmerksam zu machen. Die jetzt von der Entwicklungspsychologin, Psychotherapeutin und Heilpädagogin Barbara Senckel vorgelegte und von der vielfach ausgezeichneten Buchgestalterin Susanne Berner illustrierte Auswahl von 27 Märchen entstammt in der Mehrzahl den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und vereinigt beide Anliegen. Einige Märchen, so „Das tapfere Schneiderlein“, „Frau Holle“ und „Die Bremer Stadtmusikanten“ dürften allgemein bekannt sein, andere wie „Die Mammandráa“ oder „Sechse kommen durch die ganze Welt“ weniger. Letztere sind europäische Varianten zu „Frau Holle“ und zu den „Bremer Stadtmusikanten“.

Kriterien für die vorliegende Auswahl waren unter anderem

– der interkulturelle Vergleich, der zeigt, wie die strukturelle Ähnlichkeit und thematische Verwandtschaft der Märchen mit einer deutlichen Akzentverschiebung einhergehen kann;

– die bildhafte, wohlklingende Sprache der Märchen, ihr Reichtum an typischen Märchenmotiven und ihre ausgewogene Komposition;

– ihre typische Entwicklungsaufgaben und Konfliktsituationen aufgreifenden hilfreiche Botschaften;

– ihre hinreichende Zahl für Kinder verschiedener Altersstufen vom Kindergartenalter ab drei Jahren bis zum Grundschulalter und ein annähernd ausgeglichenes Verhältnis von männlichen und weiblichen Helden, das Jungen und Mädchen vergleichbare Chancen zur Identifikation gibt

– und schließlich der weitgehende Verzicht auf grausam wirkende Inhalte, obwohl die meisten Kinder kein Problem mit ›grausamen Strafen‹ haben (Barbara Senckel S. 13 f.).

Einer Einführung in die Welt und Wirkung der Märchen folgen sieben Kapitel mit jeweils drei bis fünf Märchen, die den Entwicklungs- und Lebensaufgaben im Kinder- und Jugendalter zugeordnet sind und alle mit „Glück ist …“ überschrieben sind: Glück ist … als verspottetes Kind zu triumphieren / … klein und pfiffig zu sein / … wenn Geschwister zusammenhalten /… nicht stets an den eigenen Vorteil zu denken / …als ausgestoßenes Kind seinen Platz zu finden / … Kränkungen zu überwinden und den eigenen Weg zu gehen. Jedes Märchenkapitel folgt demselben Aufbau: Nach einem kurzen Abriss der in den Märchen verhandelten kindlichen Erlebnisweise und Entwicklungsthematik wird das Alter angegeben, ab dem sich die Märchen zum Erzählen oder Vorlesen eignen. Es folgt der Märchentext in der Originalsprache und dann eine Deutung, die sich zunächst auf die Entwicklungsaufgabe bezieht und dann durch einige Bemerkungen ergänzt wird, „die für Erwachsene besonders interessant sind oder das jeweilige Märchen als ein ›innerpsychisches Drama‹ interpretieren“ (Barbara Senckel S. 14). Die auf die Märchen folgenden Deutungen und die ergänzenden Aspekte helfen Eltern, Großeltern, Erzieherinnen im Kindergarten und Grundschullehrern, eigene Zugänge zu den Märchen zu finden, sie zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort einzusetzen, das Erzählen oder Vorlesen der Märchen den Kindern, schlau zu werden: Albert Einstein soll einmal gefragt worden sein, wie Kinder schlau werden. Er soll geantwortet haben, dass ihnen die Eltern Märchen vorlesen sollen. Und wenn das nicht genüge, sollen sie ihnen noch mehr Märchen vorlesen. Die 27 Märchen aus dem Band könnten den Anfang machen.

ham 30. Oktober 2019

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2019 Helmut A. Müller