Publikation zur gleichnamigen Ausstellung von Tatzu Nishi auf dem Karlsplatz in Eisenach zum
Lutherjubiläum, herausgegeben von Alexander Ochs und Johannes Sparsbrod mit Texten von Johann Hinrich
Claussen und den Herausgebern

Kerber Verlag Bielefeld, 2016, ISBN 978-3-7356-0341-8, 82 Seiten, 33 Farbabbildungen, Hardcover,
gebunden. Format 19 x 13 cm, € 15,90 (D)

Bettgeschichten interessieren immer. Das war auch schon in Luthers Zeiten so. Als der 41-jährige vormalige
Mönch Martin Luther am 13. Juni 1525 die 16 Jahre jüngere und 1523 in der Osternacht aus dem
Zisterzienserinnenkloster Marienthron bei Grimma geflohene Katharina von Bora heiratet, werden der
gewesenen Nonne voreheliche Beziehungen zu Wittenberger Studenten und zu Martin Luther unterstellt.
Erasmus von Rotterdam ätzt, dass das erste Kind wohl binnen weniger Wochen ankommen werde. Als dem
Paar aber erst 12 Monate nach der Vermählung mit Johannes das erste von sechs Kindern geboren wird, muss
Erasmus Abbitte tun.

Das hat den Lutherhasser Johannes Cochläus nicht davon abgehalten, über frivole Ehe-Rezepte von Luther
zu sticheln und seiner Frau blasphemische Äußerungen in den Mund zu legen. In seiner Literaturkomödie
Ein heimliches Gespräch von der Tragedia Johannis Hessens aus dem Jahr 1538 bildet das Liebesgestammel
der Käthe, das ihren Mann zum Einlenken bringen soll, eine Art Höhepunkt: „»Käthe: Jr seit mein Christus
und mein ewiges leben, begebe keins andern. – Martinus: Bey leyb, laß sonst niemant solche Wort hören.«
Solche erotische Mystik, die sich für heutige Ohren harmlos, allenfalls etwas verstiegen anhört, mussten
damalige Leser als schockierende Blasphemie empfinden. Vor allem aber wird Luther in dieser Szene als
leichtsinniger, lüsterner Liebesnarr hingestellt, der sein Handeln als Reformator von weiblichen Reizen
abhängig macht“ (Norbert Mecklenburg, Der Prophet der Deutschen: Martin Luther im Spiegel der Literatur,
Stuttgart 2016, S. 34 f.). Käthe wiederum wird in der zeitgenössischen katholischen Polemik als stolz,
hochmütig, verschwendungssüchtig, liederlich, trunksüchtig und geil dargestellt, auch wenn das mit der
realen Frau Luthers nichts zu tun hat. Man schlägt den Sack, um den Esel zu treffen. Das Selbstverständnis
der „Lutherin“ kommt erst in der heutigen Forschung in den Blick (vergleiche dazu etwa Sabine Kramer,
Katharina von Bora in den schriftlichen Zeugnissen ihrer Zeit. Leipzig 2016).

Wenn der 1960 in Nagoya, Japan geborene und heute in Tokio und Berlin lebende Tatzu Nishi seine im Jahr
2016 in Eisenach durchgeführte Kunstaktion „In bed with Martin Luther“ überschrieben und sein auf Stelzen
stehendes begehbares Schlafhaus für Martin Luther (vergleiche dazu http://sein-antlitz-koerper.de/lutherdenkmal-
eisenach/, abgerufen am 31.1. 2017) um das Lutherdenkmal von Adolf von Donndorf (vergleiche
dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Lutherdenkmal_(Eisenach), abgerufen am 31.1.2017) herum gebaut hat,
muss er wohl auch an die bleibende Faszination von Bettgeschichten gedacht haben. Nisi ist seit 1997 mit
zahlreichen Interventionen im öffentlichen Raum hervorgetreten. So hat er 2012 in New York eine
Penthouse-Wohnung um Gaetoano Russos Statue von Christopher Kolumbus gebaut und 2015 eine
temporäre Plattform auf dem Dach der Oude Kerk von Amsterdam (Der Garten, der Gott am nächsten ist,
vergleiche dazu https://www.youtube.com/watch?v=PlRx9eBa5KI, abgerufen am 31.1.2017) installiert.

Seine Baupläne für das Eisenacher Schlafzimmer von Martin Luther dürften einiges einfacher zu realisieren
gewesen sein. Neben einem schmalen Doppelbett waren in dem Schlafzimmer ein Sessel, zwei Stühle, ein
runder Tisch, eine Kommode, ein Spiegel, zwei Wand-, eine Lese- und eine Stehlampe zu finden; weiter ein
Papierkorb, Vorhänge, ein Heizkörper und zwei Bettvorleger. Luther selbst stand genau so, wie ihn der
Bildhauer Adolf von Donndorf 1895 in seinem Atelier in der Ameisenbergstraße 82 in Stuttgart entworfen
hat, aufrecht im Bett. Er hat seinen Talar umgelegt, trägt seine Bibel mit beiden Händen wie ein Schutzschild
vor sich her und schaut in Richtung Wartburg, auf der er das im September 1522 erschienene Neue
Testament in nur elf Wochen aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt hatte. An Katharina von Bora hat
er auf der Wartburg ganz sicher noch nicht gedacht und auch jetzt ist sie nicht zu sehen. Im Bett mit Marin
Luther liegt sie jedenfalls nicht. In den Büchern, die in dem Schlafzimmer auf der Kommode stehen und auf
einem der Stühle liegen, und in den Zeitungen und Zeitschriften auf dem Tisch mögen zwar die eine oder
andere Bettgeschichte zu finden sein. Aber ansonsten geht es in dem Schlafzimmer ziemlich kühl und
nüchtern zu: Es findet sich nichts, was aufregen oder an sex and crime denken lassen könnte. Wer anderes
erwartet hatte, wird enttäuscht aus dem Schlafzimmer hinausgegangen sein. Und schließlich: Kein Besucher
hat dem bronzenen Luther, anders als in den Public Relations versprochen, auf Augenhöhe begegnen können.
Dazu war Donndorfs Luther mit seinen 320 Zentimetern selbst noch in dem auf Stelzen stehenden
temporären Schlafhaus von Tatzu Nishi schlicht und einfach zu groß.

ham, 31. Januar 2017

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