Apr 3

Basquiat, Boom for Real

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst, Sachbuch Kunst

Publikation zu den gleichnamigen Ausstellungen vom 21. September 2017 – 28. Januar 2018 in der Barbican
Art Gallery London und vom 16. Februar – 27. Mai 2018 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, herausgegeben
von Dieter Buchhart, Eleanor Nairne mit Lotte Johnson, einem Vorwort von Philipp Demandt, Texten von
Dieter Buchhart, Eleanor Nairne, Christian Campbell, Carlo McCormick, Glenn O’Brien, Francesco
Martinelli, Jordan Moore Saggese, einer Chronologie von Lotte Johnson und einem Gespräch zwischen Jean-
Michel Basquiat, Geoff Dunlop und Sandy Nairne

Schirn Kunsthalle Frankfurt, Barbican Center, Prestel Verlag, München . London . New York,
Format 29 x 24 cm, € 49,94 (D) / 51,40 (A) / CHF 69,00

Der am 22. Dezember 1960 in Brooklyn geborenen Jean-Michel Basquiat ist nach Beteiligung unter anderem
an der von Diego Cortez kuratierten Ausstellung New York / New Wave 1981 im P.S. 1 in New York, an der
von Achille Bonito Oliva kuratierten Gruppenausstellung Transavanguardia: Italia / America 1982 in
Modena und an der von Rudi Fuchs verantworteten documenta 7 in Kassel und nach Einzelausstellungen
unter anderem bei Bruno Bischofsberger, Zürich, Mary Boone, New York und Larry Gogosian, Los Angeles
zwischen 1978 und seinem frühen Tod am 12. August 1988 zu einem der am kontroversesten diskutierten
Shootingstars seiner Zeit aufgestiegen. So hat der Kunstkritiker Jeffrey Deitsch Basquiats erstes 1980 in der
Times Square Show ausgestellte Werk als „›eine Kombination aus de Kooning und Subway-Graffiti‹“
bezeichnet, „›die einen umhaut‹“ (Jeffrey Deitsch nach Eleanor Naire, Die Performance von Jean-Michel
Basquiat, S. 24). Für Rene Ricard wäre es Jean-Michel gewesen, wenn Cy Twombly und Jean Dubuffet ein
Kind gehabt und es zur Adoption freigegeben hätten (Rene Ricard nach Eleanore Naire, a. a. O). Der
Kunstkritiker Robert Hughes hat ihn dagegen auch noch drei Monate nach seinem Tod als wenig talentierten
Graffitimaler bezeichnet, der von der New Yorker Kunstszene hochgejubelt und überbewertet worden sei,
weil er schwarz war und das im weißen Establishment gepflegte Klischee eines urbanen Wilden perfekt
bedient habe. Sein Erfolg habe ihn dazu gezwungen, sich ständig zu wiederholen und darin gehindert, sich
weiterzuentwickeln (Robert Hughes nach Olga Kronauer, Jean-Michael Basquiat. In: https://
www.derstandard.de/story/2000077104824/jean-michel-basquiat-schwarzer-darling-des-weissenestablishments).

Seinem kommerziellen Erfolg hat dieses Urteil nicht geschadet. Im November 2010 ist Basquiats
Doppelporträt mit Andy Warhol Dos Cabezas, das auch Eingang in die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle
Frankfurt gefunden hat, bei Christie’s für 7,08 Millionen Dollar zugeschlagen worden (vergleiche dazu
https://www.christies.com/lotfinder/Lot/jean-michel-basquiat-1960-1988-dos-cabezas-5371726-details.aspx).
Im Mai 2017 hat der japanische Milliardär Yusaka Maezawa bei einer Sotheby’s-Auktion 110,5 Millionen
Dollar für ein für Basquiat typisches Totenkopfmotiv bezahlt (vergleiche dazu https://www.tagesspiegel.de/
kultur/sothebys-new-york-basquiat-gemaelde-fuer-110-millionen-dollar-versteigert/19827330.html).

Aus heutiger Sicht ist der zumeist dem Neoexpressionismus und /oder dem Konzeptualismus zugeordnete
Basquiat ohne Wenn und Aber „einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts“ (Philipp Demandt S. 9).
Die 30 Jahre nach seinem Tod und über drei Jahrzehnte nach seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland
unter dem Titel Boom for Real in der Schirn realisierte Ausstellung (vergleiche dazu http://www.schirn.de/m/
presse/newsroom/basquiat_boom_for_real/) beleuchtet erstmals das für den Künstler produktive
Wechselspiel mit der New Yorker Kunstszene der 1970er- und 1980er-Jahre. Nach Moore Saggese war
›Boom for real‹ einer von Basquiats ›Markensprüchen‹, ähnlich seiner Krone aus Dreadlocks und „den ©-
und ™- Symbolen. Ein Slogan, der eher sprachlich und performativ artikuliert und dann zeichnerisch notiert
wurde. Der Schriftzug ›BOOM FOR REAL‹ […] war mehr Ausdruck, künstlerische Strategie und
Gesamthaltung, wie Diego Cortez […] untermauert: ›Er benutzte den Ausdruck […] – Explosion – und du
hast am Ende nichts als Splitter, im Gegensatz zur kubistischen und postkubistischen Methode, die
Zerschnittenes wieder zusammenbastelte und zusammenflickte. Jean-Michels Werke sind kein Patchwork,
sie zeigen eine Galaxie der Realität, die wieder in die Luft gejagt wurde. Daher hat alles den gleichen Wert“.
Die aus dem Mitschnitt der Aussagen eines Obdachlosen hergestellte Tonschleife ›Bin auf den Arsch
gefallen, bumm, aber echt, bumm, bumm, bumm, aber echt, auf den Arsch gefallen, bumm‹ „spiegelt
Basquiats spielerischen Umgang mit der Sprache wider, sein Interesse für Rhythmus und Wiederholung, das
Sampeln und Scratchen. Das ›Bumm‹ war ›echt‹ – Inspiration und Explosion. Der Ausdruck trifft zudem die
Unmittelbarkeit und das Tempo, die für seine Graffiti und seine frühen Gemälde kennzeichnend
waren“ (Diego Cortez und Dieter Burchhart in: Dieter Buchhart, Boom, boom, boom for real, S. 19).

Der zur Frankfurter Ausstellung erschienene exzellente Katalog beleuchtet Basquiats Einstieg in die von
Andy Warhol geprägte New Yorker Downtown-Kunstszene und seine spätere Schlüsselrolle, sein
interdisziplinär zwischen Graffiti, Linie, Wort, Malerei, Performance und Jazz angelegtes künstlerisches
Gesamtwerk, seine Selbststilisierung als Kunstfigur und sein Verständnis von Performance: Besonders
„interessant ist die Art und Weise, wie Basquiat SAMO© zur Kunstfigur stilisierte und wie er den daraus
entstehenden Hype nutze, um in der Kunstszene Fuß zu fassen“. 1976 lernte er Al Diaz kennen, als er in die
alternative City-As-Schule wechselte. „Erste öffentliche Aufmerksamkeit erregte Basquiat, als er mit seinem
Klassenkameraden Al Diaz kryptische Statements an New Yorker Hauswände sprühte und mit dem Tag
SAMO© (die Abkürzung von ›same old, same old shit‹) unterzeichnete“. Basquiat hatte als Mitglied der
schulischen Theatergruppe begonnen, mit einer Rolle namens Samo zu experimentieren und aus den für die
Rolle entstandenen Texten knappe SAMO©-Statements„in verfeinerter Form“ zu komponieren. Diese
Statements tauchten 1978 überall in New York auf. Sie seien, so dachte man, das Werk „eines älteren,
desillusionierten Konzeptkünstlers“. „Entscheidend für den Erfolg von SAMO© war die Inszenierung in
dem neuen Künstlerviertel SoHo – das stachelte die Medien an“ (Eleanor Nairne S. 21 f., vergleiche dazu
https://www.google.de/search?q=jean+michel+basquiat+SAMO-
+Graffiti&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=wNDfOgYm2ITASM%253A%252CR5gCOnRnaehZLM%252
C_&usg=__43tHB6_IFl3W_CMWi2IkNWGhwdE%3D&sa=X&ved=0ahUKEwiU2uyS8ZvaAhUF_aQKHe
OYBPIQ9QEIMzAA#imgrc=wNDfOgYm2ITASM:).

Aus einem Treffen mit der im Kunstkontext viel kopierten Größe Andy Warhol wird eine Freundschaft. Wie
Warhol reflektiert Basquiat den Status des Künstlers: „Ich gehöre nicht zur Elite. Ich bin ein Autodidakt, der
gerne zur Familie der Künstler gehören würde“ (Jean-Michael Basquiat nach einem Interview aus
Demosthenes Davvetas). Nach seiner zeitweiligen Freundin Suzanne Mallouk hat er ständig beobachtet, wie
er sich anzog, wie er sprach, wie er dachte und über sich selbst gelacht. Auf seinen Werken protokollierte er
nicht nur, „was er gelernt hatte, sondern auch, wie er es gelernt hatte. Seine Bildflächen strukturierte er wie
gesprengte Dissertationen mit den Konventionen des Zitierens – Fußnoten, Ziffern, Register – sowie mit
Rastern, Linien und Vektoren, die an Mind-Maps oder Flussdiagramme erinnern. Seine besondere Vorliebe
galt schematischen Darstellungen von komplexen Zusammenhängen – von Leonardos Kodizes über
Sternkarten bis zu Illustrationen aus der Encyclopædia Britannica“ (Eleanor Nairne S. 24). Aus dem Jazz hat
er das Signifying und andere rhetorische Tropen wie die Metapher, die Metonymie, die Synekdoche und die
Metalepse übernommen (vergleiche dazu Francesco Martinelli, Basquiat, bird, beat und bop, S. 160), aus
Museumsbesuchen und seiner Lektüre Anregungen für seine Motive. In seinen Bildern finden sich unter
anderem Motive aus H.W. Jansens History of Art aus dem Jahr 1977, Anspielungen auf Manets Olympia,
Zitate aus Büchern von William S. Burroughs und auf einer Fotokopie für den Hintergrund von Grillo
(vergleiche dazu https://www.artsy.net/artwork/jean-michel-basquiat-grillo) ein „Symbol aus Robert Farris
Thompsons Flasch of the Spirit, mit dem Basquiat […] das Thema der kolonialen Vergangenheit des
Vereinigten Königreichs“ aufgegriffen hat (Eleanor Naire, Basquiats Bücher, S. 193).

Das für die TV-Serie State of the Art am 19. Oktober 1985 aufgenommene Gespräch zwischen Jean-Michel
Basquiat, Geoff Dunlop und Sandy Naire und die von Lotte Johnson verantwortete ausführliche Biografie
runden die rundum gelungene Publikation ab. An ihr wird man in den nächsten Jahren bei der Beschäftigung
mit Basquiat nicht vorbeikommen.

ham, 2. April 2018

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