Wohin geht die fotografische Entwicklung?

Herausgegeben von Corina Gertz, Christoph Schaden, Kris Scholz zu den Ausstellungen im NRW-Forum Düsseldorf vom 7.12.2018 –10.3.2019, Museum für Fotografie Berlin, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz vom 12.4. – 25.8.2019 und in der Kunsthalle Darmstadt vom 29.9.2019 – 5.1.2020 mit Texten von Ute Famulla, Kai-Uwe Hemken, Christoph Schaden, Kris Scholz, Arbeiten von László Moholy-Nagy, Erich Consemüller, Marianne Brandt, Lucia Moholy, Viviane Sassen, Dominique Teufen, Daniel T Braun, Wolfgang Tillmans, Doug Fogelson, Max de Esteban, Stefanie Seufert, Kris Scholz, Taiyo Onorato & Nico Krebs, Thomas Ruff, Antje Hanebeck, Douglas Gordon und Arbeiten von Studierenden der Klassen von Prof. Michael Jostmeier und von Prof. Dr. Christoph Schaden an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm, Fakultät Design sowie von Studierende der Klassen von Prof. Dr. Kris Scholz und Daniel T Braun an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gestaltung, Studienschwerpunkt Fotografie

Kerber Art, Kerber Verlag Bielefeld / Berlin, 2019, ISBN 978-3-7356-0547-4, 288 Seiten, um 90 farbige und 50 s/w Abbildungen, Hardcover gebunden, Format 31 x 24,2 cm, € 58,00 (D) /CHF 71,22

Seit der 1839 von dem französischen Maler Louis Jacques Mandé Daguerre mittels Licht und chemischer Prozesse auf einer versilberten Kupferplatte her- und vorgestellten ersten Daguerreotypie (vergleiche dazu https://wwwDaguerreotypie.ifolor.de/inspirationen/geschichte-fotografie-teil1) konkurrieren Fotografie und Malerei miteinander. Für den Maler Hans Thoma (1839 –1924) konnte die Fotografie kein Kunstwerk sein, wenn man den Begriff dessen, was Kunst ist, nicht vollständig verschiebt (vergleiche dazu Annette Borchardt-Wenzel, Eine furchtbare Hassliebe: Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert. In: https://bnn.de/lokales/karlsruhe/eine-fruchtbare-hassliebe-fotografie-und-malerei-im-19-jahrhundert). Für den ab 1923 am Bauhaus in Weimar lehrenden ungarischen Maler, Typografen, Bühnenbildner und für seine experimentellen Fotoarbeiten bekannten László Moholy-Nagy war die Fotografie dagegen „›die erste form der lichtgestaltung. wenn auch in transparenter und – vielleicht gerade dadurch – fast abstrahierter gestalt‹“ (László Moholy-Nagy nach Kriz Scholz im Vorwort S. 7, vergleiche dazu auch https://www.bauhaus100.de/das-bauhaus/lehre/werkstaetten/fotografie/). Das 20. Jahrhundert gehörte für ihn deshalb dem Licht – und damit der Fotografie.

Nach dem Ersten Weltkrieg dominierten die Neue Sachlichkeit und das Neue Sehen die Fotografie in Deutschland. „Beide lehnten den Pictorialismus, die vorherrschende kunstfotografische Stilrichtung des 19. Jahrhunderts ab. Die Neue Sachlichkeit betrachtete die Welt aus einer nüchternen Distanz. Ihr Ziel war es, die Dinge möglichst exakt und objektiv zu dokumentieren. Dagegen wollte das Neue Sehen das Bewusstsein der Menschen erweitern und für eine neue sozialistische Gesellschaft öffnen. László Moholy-Nagy formulierte dieses Wollen auf einer Ausstellungstafel der Werkbundschau ›Film und Foto‹ in Stuttgart im Jahr 1929 so: „aber es kommt nicht darauf an, aus der fotografie wieder im alten sinne eine kunst zu machen, sondern auf die tiefe soziale verantwortung des fotografen, der mit den gegeben elementaren mitteln eine arbeit leistet, die mit anderen mitteln nicht zu schaffen wäre, diese arbeit muss das unverfälschte dokument der zeitlichen realität sein, die wertschätzung der fotografie darf nicht auf einer fotografischen ästhetik beruhen, sondern mehr auf der menschlich-sozialen intensität des optisch erfassten, die das einzige kriterium jeder fotografie schlechthin ist“ (László Moholy-Nagy nach Ute Famulla S. 62). 

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Fotografenausbildung in Deutschland zum einen von Hans Steinerts ›Subjektiven Fotografie‹ an der Folkwangschule für Gestaltung Essen (1959 – 1978) und zum anderen von Bernd Bechers Klasse an der Kunstakademie Düsseldorf (1976 – 1996) geprägt. Die Subjektive Fotografie machte formale Anleihen beim Neuen Sehen und beim experimentellen Bauhaus (– Merkmale sind kontrastreiche Abzüge, radikale Ausschnitte, Negativbilder oder Polarisation –); die Düsseldorfer Schule war anfänglich strikt der Neuen Sachlichkeit und der straight photography verpflichtet. „Mit Großbildkameras wurden Industrieanlagen, Gebäude oder Straßenzüge nach strengen Regeln aufgenommen: zentralperspektivisch, ohne stürzende Linien, bei bedecktem Himmel. Das Bauwerk wurde als anonyme Skulptur gefeiert. Auch Porträts wurden aus neutraler Sicht mit gleichmäßiger Lichtsetzung fotografiert“ (Kris Scholz S. 8).

Die zu den Ausstellungen in Düsseldorf, Berlin und Darmstadt vorgelegte Publikation ›Bauhaus und die Fotografie‹ (vergleiche dazu https://www.kerberverlag.com/de/1659/bauhaus-und-die-fotografie und dort ›Blick ins Buch‹) fragt wie Moholy-Nagy bei der Werkbundausstellung in Stuttgart nach zukunftsweisenden Tendenzen in der Fotografie. Deshalb werden Arbeiten unter anderem von László Moholy-Nagy, Lucia Moholy, Man Ray, Jan Tschichold, Hedda Walther, Florence Henri, Hans Robertson, Erich Consensmüller mit Werkgruppen von Thomas Ruff, Dominique Teufen, Daniel T. Braun, Wolfgang Tillmans, Doug Fogelson, Max de Esteban, Viviane Sassen, Stephanie Seufert, Kris Scholz, Taiyo Onorato & Nico Krebs, Antje Hanebeck und Douglas Gordon konfrontiert und darüber hinaus auch mit studentischen Arbeiten aus den Klassen von Prof. Michael Jostmeier und Prof. Dr. Christoph Schaden an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm, Fakultät Design (Amir Khan Djahanschahi Afschar, Felix Berndt, Markus Eschrich, Eduard Gross, Daniel Höllinger, Heidi Fabiola Hofmann, Tatjana Hofmann, Alexander Hunzek, Remigius Kalisz, Svitlana Khisamutdinova, Thea Leyendecker, Katrin Mader, Thomas Michalczyk, Anastasia Miller, Max Müller, Robert Nixdorf, Philipp Oehler, Julius Rosen, Daria Schreiber, Ludwig Seibt, Benno Sellin, Stefanie Sordon, Marco Steiner, Kerim Turay, Simon Velthuis und Christian Wölfel, Paul Leyendecker und Markus Sauerbeck) sowie mit Arbeiten von Studierenden der Klassen von Prof. Dr. Kris Scholz und Daniel T Braun an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gestaltung, Studienschwerpunkt Fotografie (Christian Himmelspach, Didem Alunbas, Dominik Kramm, Dominik Schmitt, Eda Sarikaya, Jasmin Dories, Mirko Müller und Philipp Rabe) mit einbezogen.

Von Douglas Gordon wird unter anderem sein sterbender Elefant ›Play dead; Real Time‹, 2003 gezeigt (vergleiche dazu https://www.youtube.com/watch?v=Q-XD6fuf0ho), von Onorato & Krebs ›Ghost 2 und 3‹, 2012 (vergleiche dazu https://www.sieshoeke.com/artworks/taiyo-onorato-nico-krebs-ghost-1) und von Thomas Ruff Arbeiten aus seiner phg-Serie (vergleiche dazu https://www.google.de/search?q=Thomas+Ruff+Arbeiten+aus+seiner+PHG-Serie&tbm=isch&source=univ&sa=X&ved=2ahUKEwi24YK6h43mAhXQJFAKHVJ4AxMQsAR6BAgHEAE&biw=1174&bih=916). Ruffs Werkserie ist von digitalen Prozessen geprägt. Seine Arbeit ›phg_5‹ rezitiert in seiner Spiralform eines der berühmtesten Fotogramme von László Moholy-Nagy aus dem Jahr 1922. Das Dreibuchstabenkürzel verweist auf das Dateiformat der computerbasierten Bildgenerierung. „›Der Prozess ist vollständig virtualisiert. Sowohl die Generierung der Gegenstände als auch die Simulation der Schatten auf dem Papier findet in einem immateriellen Raum statt. Mit phg transferiert Ruff eine analoge Technik in den virtuellen Raum – und hinterfragt damit zugleich sämtliche dem Fotogramm zugewiesene Attribute wie Unmittelbarkeit und Objektivität, wie sie für die ›Photographie des Neuen Sehens‹ Moholy-Nagys von Belang waren‹“ (Martin Germann nach Christoph Schaden S. 94). In der virtuelle Dunkelkammer sind die Bilder nicht auf die Größe des Fotopapiers beschränkt, am Computer können Gegenstände und Lichtquellen schnell und unproblematisch verändert werden und es entstehen im Gegensatz zur analogen Welt farbige Fotogramme. „Indem Ruff in seiner phg-Serie die analoge Essenz des Fotogramms radikal ausradiert, zugleich aber die Begrifflichkeit der photograms beibehält, löst er für die digitale Gegenwart einen zentralen Glaubenssatz der Fotografie ein, denLászló Moholy-Nagy bereits 1928 auf eine Formel brachte: ›Fotografie ist Gestaltung des Lichts“ (Christoph Schaden S. 95).

ham, 28. November 2019

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