Kösel-Verlag, München 2019, ISBN 978-3-466-37238-6, 93 Seiten, Klappenbroschur, Format 21,5 x 13,5 cm, € 12,00 (D) / 12,40 (A)

Protestanten sollten nach Meinung des 1986 in Backnang geborenen und in Allmersbach im Tal aufgewachsenen Politikberaters, Beteiligungs- und Kampagnenexperten, Autors und auch in evangelischen Kirchengemeinden gefragten Redners Erik Flügge ein Stück weit katholischer werden, wenn sie die ihnen in die Wiege gelegten reformatorischen Impulse nicht verspielen wollen. Flügge hat sich in der katholischen Jugendarbeit, im Deutschen Roten Kreuz, bei den JUSOS und der SPD engagiert, nach dem Abitur an der Eberhard-Karls Universität in Tübingen das Studium der Germanistik und der Katholischen Theologie begonnen und nach drei Jahren von der Theologie zur Politikwissenschaft gewechselt. 2012 schloss er als Germanist und Politologe ab. 

Wie bei den Protestanten synodal mitentscheiden, Veränderungsprozesse anstoßen und gemeinsam um die Wahrheit ringen zu können findet Flügge großartig, Aber wer wie die Protestanten immer auf historische Belege und Konsens bedacht sein muss, muss nach dem Katholiken Flügge zu viele Ecken und Kanten abschleifen. Er verliert sein eigenes Profil und hat am Ende nichts mehr zu sagen. Deshalb wären ihm am Amt des Papstes orientierte protestantische Ämter wie die einer „Reformatorin“, eines „Reformators“ oder eines „evangelischen Bundespräsidenten“ lieber. Diese Führungspersönlichkeiten sollten dafür sorgen, dass protestantische Positionen besseres Gehör finden. Sie hätten fünf oder acht Jahren Zeit, ihre Vision von Kirche zu propagieren, auszuprobieren und voranzutreiben, ohne an synodale Beschlüsse gebundenen zu sein. Dann würde man sehen, ob sich ihre Visionen bewähren und durchsetzen. Danach kämen andere an die Reihe.

Da Gottesdienste nur von drei Prozent der Protestanten besucht werden, würde Flügge die mittelmäßigen Sonntagsgottesdienste mit ihren ewig gleich langweiligen Predigten abschaffen. Nach seiner Meinung braucht der durch religiöse Bildung zum Priester ermächtigte Protestant diese Form der Gottesdienste und Predigten 500 Jahre nach der Reformation nicht mehr. An ihre Stelle sollte das profilierte Zwiegespräch mit Gott und der praktizierte Glaube treten. Mit diesem aber meint er es ernst: Die Vorstellung, dass man im Protestantismus der Entmythologisierung das Wort geredet hat und dass Pfarrer glauben, dass Jesus in den Glauben seiner Jünger hinein auferstanden ist, irritiert und empört ihn: „›Niemand kann eine christliche Predigt halten, ohne an die Auferstehung Jesu zu glauben. Wer die Auferstehung nicht glaubt, hat als Predigerin oder Prediger den falschen Beruf‹ […]. Es tut mir leid, meine protestantischen Freunde. Das Fundament, auf dem eure Kirche steht, ist die Auferstehung […]. Keine Tageslosung und keine Zitatenschlacht kann euch vor der Konfrontation mit der Auferstehung bewahren“ (Erik Flügge S. 57ff.). 

Wenn es nur noch profilierte und damit deutlich weniger Gottesdienste gäbe, sollte man die Kirchentüren öffnen, auf Kirchenmusik und kirchliche Ausstellungen setzen und es den Gläubigen überlassen, ihren Gott eigenständig und ohne Belehrung von oben in der ästhetischen Fülle der Gotteshäuser zu suchen.  

Flügge könnte schließlich auch ganz auf die in Synoden erarbeiteten Papiere und Erklärungen verzichten, weil sie ja sowieso niemand mehr liest, wenn sie einmal veröffentlicht sind. Aber die Bibel würde er, ganz im Sinne des katholischen Traditionsverständnisses, in die Gegenwart weiterschreiben. „Wir brauchen den Text, der erklärt, was unter heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen die Auferstehung noch ist. Und wir brauchen diesen Text nicht nur in theologischen Bibliotheken, wo er längst zu finden ist. Wir brauchen diesen Text auch in jeder Bibel. Genauso, wie wir die paulinischen Texte angefügt haben, um mehr Orientierung zu geben, als die vier Evangelien können. Genauso müssen wir den Text unserer Zeit anfügen. Damit wir den Beweis antreten, dass unsere Welt nicht in unversöhnlicher Konfrontation zum Wort Gottes steht. Der Protestantismus ist die Kirche der Schrift. Aber eine Schrift, die nicht fortgeschrieben wird, verliert ihre Relevanz“ (Erik Flügge S. 61).

ham, 29. Mai 2019

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