Mai 30

Katalog zur Ausstellung Franz Bernhard. Die menschliche Figur – Skulpturen und Zeichnungen im
Skulpturenmuseum Glaskasten Marl vom 4. Februar bis 8. April 2018, herausgegeben von Georg Elben und
Andreas C. H. Schell mit Texten der Herausgeber, einem Essay von Gesa Bartholomeyczik und einer
ausführlichen Biografie

Wienand Verlag Köln / Skulpturenmuseum Glaskasten Marl /Andreas C. H. Schell Stiftung,
ISBN 978-3-86832-433-4, 80 Seiten, Hardcover, Format 30 x 22 cm, € 22,00 / CHF 27,90

Wer den 1934 in Neuhausen in den südlichen Sudeten geborenen und 2013 in seinem langjährigen Wohnund
Arbeitsort Jockgrim verstorbenen Bildhauer und Zeichner Franz Bernhard gekannt hat, weiß, der er um
seine Person nie viel Aufhebens gemacht hat und dass er auch bei Gesprächen über sein Werk mehr als
zurückhaltend war. Deshalb wird, wenn von den Grundthemen seines plastischen Werks und seiner
Zeichnungen Mensch und menschliche Figur die Rede ist, immer wieder folgende Aussage von ihm zitiert:
„Ausgangspunkt meiner Figuren ist der Mensch. Es geht mir nicht um das Erarbeiten eines Abbilds, sondern
um die Realisation eines Bildes. Das Abbild ist ganz vom Vorbild abhängig und an ihm meßbar. Seine
Existenz wird durch das Vorbild bedingt. Das Bild lebt aus sich selbst. Das Abbild beruft sich auf seine
Ähnlichkeit mit dem Vorbild. Das Bild ist – dinghaft – autonom“ (Franz Bernhard).

Auch Georg Elben kommt in seinem Vorwort um diese Aussage von Franz Bernhard nicht herum, wenn er
daran erinnert, dass das von Bernhard realisierte Bild im Kontext der Abstraktion der Nachkriegsmoderne
verortet ist und dass die Gestalt des Menschen aus Körper, Gliedmaßen und Kopf das für ihn verfügbare
Dispositiv war. „Dazu gehört wie selbstverständlich auch das Weglassen, also der Grundtyp des Torsos ohne
Beine, Arme und Kopf oder die Gestaltung nur eines Teils des Körpers wie eine Büste. Hier ist der
Oberkörper mit Armansatz und zusammengezogenem Hals-Kopf als eine häufig variierte vertikale Form
aufgefasst“ (Georg Elben S. 7). Bernhards Werk wurde bereits 1994 in Marl unter dem Titel Köpfe und
Skulpturen vorgestellt. Die Retrospektive von 2018 realisiert einen Zirkelschluss: Sie geht aus von dem
zunächst aus Gips modellierten Torso mit der Werkverzeichnisnummer 1, der dann in Marmor gehauen und
später in Bronze gegossen wurde. Und sie endet mit „seinem unvollendeten Werk, das fast zwei Jahrzehnte
lang wie ein Wächter an der Schwelle vor seinem Atelier in Jockgrim stand“ (Georg Elben S. 11). Gezeigt
werden rund 60 Skulpturen und Zeichnungen aus über 50 Jahren (vergleiche dazu https://www.youtube.com/
watch?v=Yn067GSG_tU, abgerufen am 29. Mai 2018).

Für Gesa Bartholomeyczik geht es Bernard in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ähnlich wie Joannis
Avramidis, Michael Croissant und Wilhelm Loth um das Paradox, „eine Analogie zur menschlichen Figur“
anzuvisieren „und doch autonome Formen zu gestalten und damit ein existentielles Inbild zu geben […].
Viele dieser Künstler greifen dazu auf konstruktive, geometrische und architektonische Strukturen zurück
und alle auf sehr weit gehende Reduktion. Die Paradoxie besteht darin, dass sich die Werke scheinbar
vollständig einer über sie hinausgehenden Deutung entziehen, aber dennoch dem Betrachter figürliche
Assoziationen und Einfühlung ermöglichen. Unter ihnen hebt sich Franz Bernhards Position durch den
ausgeprägten Raum- und Bewegungsbezug und die sorgfältig herausgearbeitete Materialerscheinung hervor,
die jeder seiner Arbeiten einen individuellen ›menschlichen‹ Charakter verleihen“ (Gesa Bartholomeyzik S.
19). Wenn man fragt, welches Menschenbild Bernhard vertritt, verweist Gesa Bartholomeyczik zuerst auf
Bernhards Distanzierung von einem vollkommenen, intakten eindeutigen und ›natürlichen‹ Wesen. Er setzte
eher auf Mehrdeutigkeit der Kräfteverhältnisse und sogar auf Labilität und gehörte zu einer Generation, die
den Menschen nicht nur unheroisch, verletzlich und versehrt zeichnete, sondern ihn in einer grundsätzlich
prekären Lage sah. „Vielleicht geht darauf tatsächlich das verbreitete Auftreten labiler Zustände in der
Plastik seit den 1960-er Jahren zurück.

Trotz der Hinweise auf Gefährdung und Verunsicherung deuten Bernhards Arbeiten aber auch die
prinzipielle Offenheit menschlicher Existenz, das Vitale und ein aktives Potenzial an. ›Ich meine, die Dinge
tragen etwas Aktives in sich. Sie strecken ja – z. B. – einen Arm in den Raum, nehmen Besitz von ihm. Das
sehe ich als positiv an‹“ (Gesa Bartholomeyczik /Franz Bernhard s. 26 f.). In den inneren Gegensätzen von
Statik und Dynamik, Labilität und Massivität, Sprödigkeit und Sensibilität Fragmentierung und
Geschlossenheit scheint die ganze Widersprüchlichkeit seiner Zeit auf. „In Zeiten des deutschen
Wirtschaftswunders, rasanter technischer Entwicklungen und anonymer Konsumwelten formulierte Bernhard
Gegenpositionen, die mit Kargheit, Handwerklichkeit und formaler Dichte von unmittelbarer Erfahrung und
individueller Haltung sprachen“ (Gesa Bartholomeyczik S. 27).

Eigens erwähnt werden sollte schließlich auch noch die vorzügliche Gestaltung des zur Ausstellung
erschienene Katalogs, die Martina Zelle zu verdanken ist und die Franz Bernhard ganz sicher auch gefallen
hätte: Dass der Katalog etwas Besonderes ist und will, spürt man schon, wenn man ihn in die Hand nimmt
und sich fragt, warum sich Bernhards auf der Titelseite abgebildete ›Schlanke Büste‹ von 2008 wie leicht
angerosteter Cor-Ten-Stahl anfühlt. Wenn man ihn aufschlägt, freut man sich über jede Seite, weil von der
ersten bis zur letzten Seite im Satz, in der Verteilung von Wort und Bild und in der Gestaltung der
Bilderstrecken buchstäblich alles stimmt und auch die Abbildungen nichts zu wünschen übrig lassen.

ham, 29. Mai 2018

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