Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 27. Mai bis 22. Juli 2018 in fünf Hamburger Kirchen,
herausgegeben von Alexander Ochs und Veronika Schlör mit Fotografien von Uwe Gaasch und Texten unter
anderem von Johann Hinrich Claussen, Astrid Kleist, Hannes Langbein, Asher Eliyahu Reich, Georg Maria
Roers und Paul M. Zulehner

Kerber Culture, Kerber Verlag Bielefeld / Berlin, 2018, ISBN 978-3-7356-0493-4, 120 Seiten, 43 farbige und
3 s/w Abbildungen, Softcover, gebunden, Format 21 x 15 cm, € 16,00 / CHF 19,65

Ausstellungen von Gegenwartskunst in Kirchen haben eine inzwischen schon etwas längere Tradition. So
wurden 1982 unter anderem Harald Duwe, Jiři Kolāř, Timm Ulrichs und Klaus Staeck in der alten
Brüderkirche in Kassel ausgestellt, 1983 Franz Bernhard, Cordula Güdemann und Ben Willikens in der
evangelischen Kirche Wehr-Öflingen, 1987 Robin Page, Peter Angermann, Heinz Josef Mess, Eva Aeppli
und HA Schult im Hospitalhof und in der Hospitalkirche Stuttgart und Jürgen Brodwolf, Josef Mikl, Ansgar
Nierhoff und Markus Lüpertz in Sankt Peter in Köln. 1993 haben Madeleine Dietz und Ulrike Rein 19
Künstler in 11 Kirchen in Landau und Umgebung ausgestellt. In der Matthäuskirche in Berlin waren Michael
Triegel und Gilbert und George, im Großmünster in Zürich Bruno Jakob, Mario Sala und Judith Albert und
in der Brenzkirche in Stuttgart Christian Jankowski, Alexander Tovborg, Johanna Diehl, Florian Klette und
Philipp Schwalb zu Gast. Alexander Ochs und Veronika Schlör stellen sich in diese Reihe, wenn sie
Künstlerinnen und Künstler wie Ai Weiwei, Axel Anklam, Vanessa Beecroft, Rebecca Horn, Karolin
Schwab, Chiharu Shiota und Micha Ullmann in fünf Hamburger Kirchen ausstellen (vergleiche dazu https://
www.google.de/search?q=hinsehen.+reinh%C3%B6ren+die+kunst+ist+in+den+kirchen:
+bilder&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwiBg6jP9rfcAhUMOJoKHWoHBfEQsAQIJ
w&biw=1677&bih=869).

Rainer Volp hat Ausstellungen von Gegenwartskunst in Kirchen unter dem Stichwort Gastfreundschaft
verhandelt, wenn er nicht in die Fallen des noch immer als schwierig geltenden Verhältnisses von autonomer
Gegenwartskunst und theonomer Kirche und von Bilderverbot und bildlicher Darstellung des Glaubens
tappen wollte. Johann Hinrich Claussen greift diese Argumentationsfigur auf und erweitert sie um die Figur
der Zwillingsschwestern Kunst und Kirche, wenn er schreibt, dass Gastfreundschaft seit alters als christliche
Tugend gilt und Kirchen bei Ausstellungen als marktferne Asylorte des Unverkäuflichen und Zweckfreien
dienen. Wer Gastfreundschaft gewährt, „tut ein gutes Werk“ und wird mit vielfältigen Inspirationen
beschenkt. „Moderne Kunstwerke bringen die Gegenwart […] in die Kirche und stellen so notwendige
Bezüge zu der Welt von heute her. Das eröffnet überraschende Einsichten und ungeahnte Sehfreuden, aber
auch notwendige Konflikte. Provokationen sind dabei kein Selbstzweck, gehören aber zu einer echten
Auseinandersetzung zwischen Kunst und Kirche. Sie stoßen dazu an, prinzipielle, doch oft genug verdrängte
Fragen endlich anzugehen. So zum Beispiel die Frage nach der Bildlichkeit des Glaubens. Als Weltreligion
[…] muss das Christentum sich öffentlich zeigen. Aller Bilderkritik […] zum Trotz braucht auch der
christliche Glaube Bilder, in denen seine Sinngehalte angeschaut und angeeignet werden. Doch traditionelle
Formen des ästhetischen Sichzeigens haben sich überlebt. Die Konsequenz, die einige […] in der Moderne
gezogen haben, ist […] der Verzicht auf Bilder. Im modernen Kirchenbau […] fehlt […] das Bild. Wenn
moderne Kunst also in christlichen Kirchen etwas leisten kann, dann wohl dies: die Bildkritik zum Bild
werden lassen, die Möglichkeit und Unmöglichkeit […] von Glaubensbildern sichtbar darzustellen. Das wäre
ein wichtiges gemeinsames Anliegen, bei dem Kunst und Kirche sich wechselseitig so inspirieren und
irritieren sollten, wie man es von guten Geschwistern eben kennt“ (Johann Hinrich Claussen S. 25).

Auch Veronika Schlör und Alexander Ochs bedienen sich des Stichworts Gastfreundschaft. Wenn es zu einer
ernsthaften Begegnung zwischen Kunst und Kirche kommen soll, braucht es nach Schlör die Fähigkeit zu
echter Gastfreundschaft, „auf der Seite der Kirche wie auf der Kunst. Wenn beide auch eine jahrhundertealte
gemeinsame Geschichte haben, so sind sie einander doch auch schon lange fremd, und diese Fremdheit kann
nicht geleugnet werden. Kirchliche Kunst, die den Namen verdient, gibt es nicht (mehr). Die Fremdheit kann
jedoch produktiv genutzt werden, denn der fremde Blick sieht anderes und einem Fremden muss ich das
Eigene anders und neu erschließen. Gastfreundschaft rechnet mit dem bzw. der Fremden, sie öffnet das
eigene Haus und zeigt, was darin steckt. Sie hält Räume für den und die Fremde bereit, ohne das Eigene
aufgeben zu müssen“ (Veronika Schlör S. 29).

Ochs erzählt, dass die in Istanbul geborene Rechtsanwältin, Frauen- und Menschenrechtlerin sowie
Initiatorin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee Seyran Ates in der Matthäuskirche in Berlin über einen
Satz des Sufi-Mystikers Rumi gepredigt und nach der Predigt mit der dortigen Gemeinde Abendmahl
gefeiert und Paul M. Zulehner bei einer evangelischen Konferenz davon gesprochen hat, dass die Kirche
nicht in einer Krise, sondern im Übergang ›zur Normalität‹ sei. „Der alte Gelehrte zitiert Papst Franziskus:
Die Kirchen befänden sich nicht mehr in einer Ära des Wandels, sondern im Wandel einer Ära. Der Ära von
Kirche, verbunden mit weltlicher Macht, der Ära Konstantinopels, die zu Ende geht. Er spricht von einer
Kirche ›hin zum biblischen Normalfall‹. Für diesen Normalfall gilt, die Kirchen, auch die katholische, haben
ihren Alleinvertretungsanspruch auf Glück, auf Erlösung aufgegeben. Ist das die neue Gemeinde? Muslime
predigen in christlichen Kirchen und Katholiken referieren bei Protestanten. Künstlerinnen und Künstler
schenken uns ihre Kunst, darunter praktizierende Buddhisten, australische und israelische Juden, bekennende
Atheisten sowie geflüchtete Komponisten, Musiker aus dem Iran und Syrien. Sie alle sind von ihren
Gastgebern, christlichen Kirchen, eingeladen, Gemeinde zu werden. Teil eines Ganzen, das sich immer
wieder neu justiert, voneinander lernend verständigt und stetig fließend verändert. Und manche von ihnen
wissen: Kunst ist Kunst und alles andere ist alles andere“ (Alexander Ochs S. 34).

Die zu den Ausstellungen erschienene Publikation ist kein klassischer Katalog, sondern ein Lesebuch, das in
ausgewählte Grundfragen des Verhältnisses von Kunst und Kirche einführt, die in den Hamburger Kirchen
St. Marien, St. Georg, St. Jacobi, St. Katharinen und dem Ökumenischen Forum HafenCity gezeigten
Kunstwerke in atmosphärisch dichten Aufnahmen dokumentiert und in persönlich geschriebenen
Kunststücken meditiert. Am Anfang stellen sich die beteiligten Kirchen vor.

ham, 24. Juli 2018
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