Herausgegeben von Helmut Haug, Ulrich Hörwick, Uwe Schlenz, Sabine Stötzer für die Pfarrkirchenstiftung
St. Moritz Augsburg mit Beiträgen von Helmut Haug, Ulrich Hörwick, Alison Morris, Sabine Stötzer und
Fotografien von Felix Bernhard, Jakob Börner, Herbert Gairhos und Allan Crow

Hirmer Premium, Hirmer Verlag, München, 2018, ISBN 978-3-7774-3108-6, 120 Seiten, ca. 60
Farbabbildungen, Leinen gebunden mit Schutzumschlag, Format 28,5 x 24,5 cm, € 39,90 (D) / € 41,10 /
CHF 48,70

St. Moritz in Augsburg geht auf das 1019 von Bischof Bruno, dem Bruder Kaiser Heinrichs II. gegründete
Kollegiatstift St. Moritz zurück und war nach dem Dom, der Basilika St. Ulrich und Afra und St. Stephan die
vierte geistliche Gemeinschaft in Augsburg. Die Kirche St. Moritz wurde als Grablege und zum Gedenken an
Bischof Bruno errichtet (vergleiche dazu und zum Folgenden https://de.wikipedia.org/wiki/
St._Moritz_(Augsburg) ).

In ihrer Baugeschichte waren die Errichtung des gotischen Langhauses im Jahr 1440, der Bau des Ostchors
im Jahr 1442, die barocke Überformung der gesamten Kirche durch Johann Jakob Herkomer und der
Wiederaufbau nach der Bombennacht vom 24. zum 25. Februar 1944 durch Dominikus Böhm von 1946 bis
1950 zentrale Stationen. Böhms Konzept wurde in den Folgejahren durch weitere Baumaßnahmen stark
verwässert und verunklart. Die Künstlerin Juliane Stiegele hat den Kirchenraum 2007 für ihre
Kunstinstallation Void erstmals wieder leergeräumt (vergleiche dazu https://www.google.de/search?
q=juliane+stiegele,
+void&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=2ahUKEwjCmNOh8O7dAhWwl4sKHax0DDYQsAR6
BAgFEAE&biw=1500&bih=910) und für Ihre Arbeit 2008 den Artheon.Kunstpreis bekommen (vergleiche
dazu https://www.artheon.de). Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die jetzige Neugestaltung von Stiegeles
Void beeinflusst ist.

Mit der vollständigen Sanierung und Neugestaltung wurde der 1949 geborenen Londoner Architekt und
Designer John Pawson beauftragt. Die 2013 wiedereingeweihte Kirche (vergleiche dazu https://
www.google.de/search?q=St.+Moritz,
+Augsburg&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=2ahUKEwiWh7yH8uzdAhU2wAIHHaRSCPkQs
AR6BAgAEAE&biw=1500&bih=910) kann man gut und gerne mit den Ikonen des modernen Kirchenbaus
auf eine Stufe stellen, so unter anderem mit der von Rudolf Schwarz gebauten und 1930 eingeweihten Kirche
St. Fronleichnam in Aachen (vergleiche dazu https://www.google.de/search?
q=fronleichnam+aachen&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=2ahUKEwiyx-u78ezdAhWBKQKHStoCewQsAR6BAgDEAE&
biw=1500&bih=910): Pawson setzt wie Schwarz auf auf das Wesentliche
reduzierte Architektur, Licht, Klarheit und die Farbe Weiß. Farben haben für ihn „architektonisch nie Sinn
gemacht, von Weiß einmal abgesehen“. Dafür ist er umso bestimmter, wenn es um die Töne natürlicher
Materialien geht. „Als ich begann, dachte ich, es gibt nur drei: leicht graue japanische Eiche, Sandstein aus
York – und vielleicht noch weißen Marmor. Und dann kam jemand und sagte: Ich mag Sandfarbe nicht, ich
mag kein Grau – und so kamen neue Materialien und Töne hinzu“ (John Pawson am 03.10.2018 im
Gespräch mit Gabriele Thiels in https://www.welt.de/icon/design/article181732526/Architekt-John-Pawson-ueber-
Minimalismus-Luxus-und-Moenche.html).

Seine Materialien sind so gewählt, dass sie jede Art der visuellen Irritation auf ein Minimum reduzieren.
Alles, was das Auge sieht oder die Hand berührt, soll mit der Philosophie des Raums in Einklang stehen.
Pawsons Räume werden dann zwar als „leer“ erlebt, aber sie rufen Gefühle hervor und wirken trotz ihrer
Leere einladend und warm. Architektur muss für Pawson Gefühle evozieren, um wahre Architektur zu sein,
sonst bleibt sie bloßes Gebäude. Man spürt ihr ab, dass sie für die Menschen gemacht ist, die in ihnen leben.
Pawson kam bei seinem Japanaufenthalt mit Vorstellungen des Buddhismus in Kontakt. Im Büro des
japanischen Innenarchitekten Shiro Kuramata hat er erlebt, wie Kuramata zeitgenössische Ästhetik mit der
Einfachheit der japanischen Tradition verbindet. Es überrascht deshalb, dass Pawson seine Vorliebe für den
Minimalismus nicht auf Japan, sondern auf die baumlose, leere Landschaft seiner Heimat Yorkshire und den
Methodismus seiner Eltern zurückführt. Beide Eltern kommen „aus Methodisten-Familien, und selbst wenn
sie nicht praktizierten, war doch der Geist des etwas Kargen, fast Strengen, durchaus präsent“ (John Pawson
am 03.10.2018 im Gespräch mit Gabriele Thiels a. a. O.).

Für St. Moritz ist Pawsons Neugestaltung zum Glücksfall geworden. Nach Helmut Haug, dem Pfarrer und
von St. Moritz und Augsburger Stadtdekan erinnert der Bau jetzt an die Klarheit Architektur der
Zisterzienser. „Fast meint man, frühe >Zisterziensertöne< herauszuhören, wenn man bei John Pawson liest: >Die Leere erlaubt uns den Raum so zu sehen, wie er ist, die Architektur so zu sehen, wie sie ist, und
verhindert, dass sie durch zufällige und belanglose Details korrumpiert wird … [der leere Raum bietet] den
psychologischen und physischen [Ort] zum Nachdenken … ohne die störenden Ablenkungen von
Besitztümern.< Die Nähe ist verblüffend: >Außerdem waren sie entschlossen, im Hause Gottes … nichts
zurückzulassen, was von Hochmut und Überfluss zeugen könnte.< Ob es je so etwas wie >Baugesetze< der Zisterzienser gab, scheint eher unwahrscheinlich. Die wichtigste Quelle zum Verständnis der forma ordinis sind die Bauwerke selbst, deren spezifischer Charakter vor allem sichtbar wird im Vergleich mit der benediktinischen Kirchbaukunst des 12. Jahrhunderts, wo sich zunehmend eine Vorliebe für den sich ausbreitenden plastischen Schmuck der Gotik zeigt. Diese Quelle hat sich John Pawson in seiner >Referenzkiche< Le Thorenet (gegründet 1157) ausführlich erschlossen und die Moritzkirche zeugt davon. Was aber ist nun in einem leeren Raum? In der Architektur der Zisterzienser spielt vor allem ein Element eine tragende Rolle: das Licht. Durch die Glasfenster, >weiß und ohne Kreuze und Bilder< konnte es ungehindert einfallen. Es fällt auf reine Wandflächen […], ohne sich in Farbflächen zu verlieren. John Pawson schreibt über Le Thorenet, die Bögen scheinen nicht aus Stein errichtet, sondern als wären sie aus purem Licht erschaffen“ (Helmut Haug S. 79 f.). Nach Bernhard von Clairvaux ist es der Sinn jeden Kunstwerks und damit auch der Architektur, „>den blinden Geist zum Licht emporsteigen zu
lassen>“ (Bernhard nach Helmut Haug S. 81). Das Licht im Raum wird damit zum „Wegbereiter des inneren
Auges auf das Göttliche hin“. Dieser Bewegung „folgt auch die Neufassung der Moritzkirche durch John
Pawson“ (Helmut Haug a. a. O.). Die ganzseitigen Fotostrecken der Fotografen Felix Bernhard, Jakob
Börner, Herbert Gairhos und Allan Crow lassen diese Bewegung und das Spiel des Lichts an den Wänden
nachempfinden. Mann schaut sehr genau hin, wird neugierig und nimmt sich vor, die Moritzkirche bei einem
nächsten Aufenthalt in Augsburg aufzusuchen und ihre heutige Raumwirkung mit der zu vergleichen, die in
den Monaten von Juliane Stiegeles Rauminstallation Void zu erleben war.

ham, 5. Oktober 2018

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