Kösel-Verlag, München, 2018, ISBN 978-3-466-34702-5, 192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag,
Format 22 x 14,3 cm, € 20,00 (D) / € 20,60 (A) / CHF 26,90
Notfallseelsorger und Polizisten sind mit der Frage, wie schlechte Nachrichten gut zu überbringen sind,
ständig konfrontiert, Ärzte natürlich auch. Für den Leiter der gynäkologischen Klinik der Charité und
Krebsspezialisten Prof. Dr. Jalid Sehouli gehört sie zu den schwersten Aufgaben nicht nur im klinischen
Alltag eines Arztes, sondern in nahezu allen Berufen und Bereichen des Lebens. Die Aufgabe ist mit großen
Emotionen verbunden, sie belastet extrem und sie verlangt in aller Regel einen individuellen Umgang mit
den Betroffenen. Deshalb ist es gut und richtig, dass Sehouli mit Erlaubnis seiner Klienten Geschichten aus
seinem Klinikalltag erzählt und darauf hinweist, dass ein gut verlaufendes Gespräch auch in ›hoffnungslosen
Situationen‹ für beide Seiten zu einer positiven Erfahrung werden kann. „Für Patienten mit
lebensbedrohlichen Erkrankungen ist die offene und empathische Kommunikation eine der wichtigsten
Hilfen in der Auseinandersetzung mit der Krankheit“ (Jalid Sehouli S. 16).
Nach Sehouli ist für das Gelingen des existenziellen Gesprächs unter anderem die gute Vorbereitung wichtig.
Der Patient sollte frühzeitig erfahren, dass es so bald wie möglich nach dem Vorliegen aller medizinischen
Befunde stattfinden wird. Angehörige sollten noch vor dem Gespräch verständigt werden und der Klient
sollte sich Fragen notieren können. Entscheidungen sind wenn irgend möglich erst in einem zweiten
Gespräch zu treffen. Unabdingbar ist, dass der Arzt die Vorgeschichte des Patienten und die Befunde kennt,
dass die Diagnose stimmt und dass er ausschließen kann, dass er den falschen Patienten informiert. Es
empfiehlt sich, vor dem Gespräch noch einmal tief durchzuatmen, zu Beginn des Gesprächs einen guten
Kontakt und eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen und sich auf die Bedürfnisse des Patienten
einzulassen. Der Arzt sollte aktiv zuhören, die richtigen Fragen stellen, Mut zur Pause haben, sich
versichern, dass die Zusammenhänge und die Befunde verstanden werden, vor den Emotionen keine Angst
haben und offen sein für den Prozesscharakter des Gesprächs.
In Lehrschriften über die Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen, werden die in dem Akronym
SPIKES gebündelten Regeln von Walter Baile besonders häufig zitiert, einem Arzt und Psychotherapeuten
am MD Anderson Krebszentrum der Universität Texas. Baile unterscheidet und empfiehlt sechs Schritte:
1. S, das ›Setting up the interview‹, steht für die qualifizierte Vorbereitung, die Rahmenbedingungen, die
Bereitstellung möglichst störungsfreien Räumlichkeiten und die Möglichkeit, vertraute Personen des
Patienten einzubeziehen.
2. P, das ›Assessing The Patient´s Perception‹, steht für die Abklärung der Aufnahmefähigkeit, der
Erwartungshaltung und des Informations- und Kenntnisstandes des Patienten. ›Before you tell – ask‹.
3. I, das ›Obtaining the Patient’s Invitation‹, steht für die Abklärung der Frage, wie offen die Information
gewünscht ist. Es gibt auch ein Recht auf Nichtwissen. Und es sollte bekannt sein, welche nahestehende
Person beim Gespräch anwesend sein soll.
4. K steht für ›Giving Knowledge and Information to the Patient‹: Das Gespräch soll mit der Warnung
beginnen, dass eine schlechte Nachricht zu übermitteln ist. Einfache Sätze zu wählen wäre
empfehlenswert. Das Gespräch sollte nicht mit zu vielen Informationen überfrachtet werden; nach
wichtigen Informationen und Botschaften sind Sprechpausen einzulegen. Und schließlich und endlich
sollte überprüft werden, ob der Patient die wichtigsten Informationen verstanden hat.
5. E steht für ›Adressing the Patient´s Emotions‹, für das Wahrnehmen und Respektieren der Gefühle des
Patienten und für das Zeigen von Mitgefühl.
6. S steht für ›Providing Strategy and Summary‹, also für den Versuch, den Patienten in die aktive
Entscheidungsfindung für die nächsten Schritte einzubinden und seine Mitwirkung zuzulassen. Eine
kurze Zusammenfassung des Gesprächs und der Abschluss mit der Einleitung der nächsten Schritte sind
hilfreich.
Weitere Kapitel befassen sich mit dem Perspektivenwechsel, der guten Nachricht am Abend und der
traurigsten und schönsten Nachricht im Leben des Autors. Schlechte Nachrichten lassen sich offenkundig
besser merken und weitererzählen als gute. „Sympathie und Hoffnung zu entwickeln dauert länger und
erfordert mehr Muße als Angst, Ekel und Wut zu zeigen. Gute Nachrichten sind eher ›langsame‹
Nachrichten. Das heißt, sie wirken auch langsamer, dafür aber auch nachhaltiger als die aktuellen Bad News
[…]. Wir sollten versuchen, uns vom unnötigen Negativen zu befreien. Damit meine ich nicht einen
Zweckoptimismus. Sondern einen Sinn für das Unterscheiden und das Erkennen der guten Nachrichten
inmitten der schwierigen Befunde und Aussichten, die das Leben mit sich bringt“ (Jalid Sehouli S. 147).
Im Anhang finden sich Kurz- und Zusammenfassungen unter anderem von Regeln für das Überbringen von
Todesnachrichten, eine Checkliste für das Gespräch zur Übermittlung einer schlechten Nachricht und eine
Auswahl wissenschaftlicher Literatur.
ham, 27. Mai 2018

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