Aus dem Französischen übertragen von Hainer Kober

C. Bertelsmann Verlag, München 2019, ISBN: 978-3-570-10370-8, 128 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 20,4 x 13 cm, € 15,00 (D) / € 15,50 (A) / CHF 21,90

1989 schien mit der friedlichen Revolution, dem Fall der Mauer, dem Zerfall des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa und der Selbstauflösung des kommunistischen Blocks der Sieg der westlichen kapitalistischen Demokratie über den planwirtschaftlichen Staatskommunismus offenkundig. Francis Fukuyama vertrat in seinem schon im Sommer 1989 in der Zeitschrift ›The National Interest‹ veröffentlichten Essay ›The End of History?‹ die These, „dass die Geschichte ein Siegeslauf des ökonomischen und politischen Liberalismus sei, der sich künftig weltweit ausbreiten werde. Habe sich die westliche Demokratie als Regierungsform überall durchgesetzt, sei die ›final form of human government‹ erreicht – und damit das Ende der Geschichte“ (Stefan Jordan, Francis Fukuyama und das „Ende der Geschichte“ in: http://docupedia.de/zg/Fukuyama,_Ende_der_Geschichte).

Nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 (vergleiche dazu etwa https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/globalisierung/52584/finanz-und-wirtschaftskrise) drehte sich die Einschätzung. So hat der jüngst verstorbene Globalisierungskritiker Elmar Altvater 2005 vom Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, gesprochen und einer solidarischen Ökonomie und einer ökologisch nachhaltigen Gesellschaft das Wort geredet. Knapp zehn Jahre später fragen Immanuel Wallerstein, Randall Collins, Michael Mann, Georgi Derluguian und Craig Calhoun „Stirbt der Kapitalismus?“ (vergleiche dazu https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wissenschaft/soziologie/stirbt_der_kapitalismus-8562.html?print=pDr&cHash=e643c75094b2507b97d4c29e68cfab74). Nach Wallerstein könnte das kapitalistische System in den nächsten dreißig bis 40 Jahren unter dem Druck der gesellschaftlichen und ökologischen Kosten wirtschaftlicher Tätigkeit zusammenbrechen. Calhoun geht dagegen davon aus, dass ein reformierter Kapitalismus zu retten wäre, wenn die Politik die systemischen Kosten anders verteilen würde. Michael Mann vertritt „eine sozialdemokratische Lösung, beleuchtet aber auch tiefere Probleme. Neben dem Kapitalismus gehören dazu Politik, militärische Geopolitik, Ideologie und die Vielfalt der Weltregionen. Diese Komplexität macht, wie er meint, die Zukunft des Kapitalismus unvorhersehbar“ (a. a. O. S. 9). Friedrich Lenger und andere beleuchten die Leistung, Effizienz und Innovation kapitalistischen Wirtschaftens und diskutieren alternative historische Szenarien seiner Entstehung (vergleiche dazu etwa Friedrich Lenger, Globalen Kapitalismus denken. Historiographie-, theorie- und wissenschaftsgeschichtliche Studien. 2018. XI, Studien zur Geschichte und Theorie des Kapitalismus 1, Archiv für Sozialgeschichte 56, 2016 ; Friedrich Lenger, Die neue Kapitalismusgeschichte. Ein Forschungsbericht als Einleitung*:http://library.fes.de/afs-online/afs/ausgaben-online/band-56/die-neue-kapitalismusgeschichte-ein-forschungsbericht-als-einleitung und die Rezension von Roman Köster zu: Lenger, Friedrich: Globalen Kapitalismus denken. Historiographie-, theorie- und wissenschaftsgeschichtliche Studien. Tübingen 2018, in: H-Soz-Kult, 19.10.2018, ).

Für den emeritierten Genfer Soziologen, zeitweiligen Nationalrat im eidgenössischen Parlament, ersten UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und Vizepräsidenten des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats Jean Ziegler erübrigen sich vergleichbare Erörterungen. Er sieht sich als Feind des Kapitalismus, bekämpft ihn und will ihn radikal zerstören. Für ihn trägt die kapitalistische Produktionsweise die Verantwortung „für unzählige Verbrechen, für das tägliche Massaker an Zehntausenden von Kindern durch Unterernährung, Hunger und Hungerkrankheiten, für Epidemien, die schon lange von der Medizin besiegt wurden, für die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt, die Vergiftung der Böden, des Grundwassers, die Vernichtung der Wälder … Gegenwärtig sind wir 7,3 Milliarden Menschen auf unserem schutzlosen Planeten. 4,8 Milliarden, das heißt mehr als ein Drittel, leben in einem Land der südlichen Hemisphäre, davon Hunderte von Millionen unter unwürdigen Bedingungen […]. Für mich […] hat der Kapitalismus eine kannibalische Ordnung geschaffen: Überfluss für eine kleine Minderheit und mörderisches Elend für die große Mehrheit“ (Jean Ziegler S. 10).

Als seine Enkelin nach der Entstehung des Kapitalismus fragt, erinnert er an das Miteinander der wirtschaftlichen Produktions- und gesellschaftlichen Organisationsform im Kapitalismus, die Abfolge von Klassenkämpfen, die Bedeutung der Aneignung des Kapitals durch die einen unter Ausschluss der anderen, die Kritik der politischen Ökonomie durch Karl Marx, die Theorie des Mehrwerts und an die in der Französischen Revolution festgehaltene Vorstellung des Privateigentums. „Die ›Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 und die Einführung der Laizität […] sind zivilisatorische Errungenschaften, von denen heute noch Hunderte Millionen Menschen in aller Welt profitieren. Aber die vor allem durch die Jakobiner betriebene ›Heiligsprechung‹ des Eigentums, die Grundlage der kapitalistischen Ausbeutung, hat zu jener Katastrophe geführt, unter der wir […] heute leiden […]. Ich denke, der Hauptschuldige ist Maximilien Robespierre. Am 24. April 1793 hat er vor dem Nationalkonvent erklärt: Die Gütergleichheit ist eine Chimäre.‹ Einige Tage später wandte er sich an die Neureichen, die gerissenen Profiteure, die sich das Elend des Volkes zunutze machten, und versprach ihnen: ›Ich will eure Schätze nicht antasten.‹ Zu diesem Zeitpunkt war Robespierre auf dem Gipfel seiner Macht, die Lichtgestalt der ›Demokraten‹, die für die Abschaffung der Sklaverei, der Todesstrafe, für das allgemeine Wahlrecht und gleiche Rechte für alle eintraten“ (Jean Ziegler S. 34 f.).

Auf die Frage, ob sich der Kapitalismus verbessern oder korrigieren lässt, antwortet Ziegler mit einem kategorischen Nein. „Der Kapitalismus lässt sich nicht reformieren. Man muss ihn zerstören. Vollkommen, radikal, damit sich eine neue soziale und wirtschaftliche Weltordnung einrichten lässt […]. Von uns […] wird die Vernichtung des Kapitalismus, seine Überwindung erhofft. Damit eine neue, menschlichere Welt entstehen kann, müssen die Privilegien und die Allmacht der Kapitalisten im Mülleimer der Geschichte verschwinden, so wie einst die Privilegien und die Allmacht der Grafen und Herzöge“ (Jean Ziegler S. 116). Wie das System, das den Kapitalismus ersetzen soll, aussehen wird, weiß Ziegler nicht. Aber das hindert ihn nicht, darauf zu hoffen, dass die Generation seiner Enkelin den Kapitalismus stürzen wird. „Und diese Aussicht gibt mir eine Gewissheit: Das Handeln jedes Einzelnen zählt. Meine Hoffnung nährt sich aus der Überzeugung des Dichters Pablo Neruda: ›Podrán cortar todas las flores, pero jamás detendrán la primavera‹, was bedeutet: ›Sie können alle Blumen abschneiden, aber nie werden sie den Frühling beherrschen‹“ (Jean Ziegler S. 126).

ham, 2. April 2019

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