Okt 21

Jetzt! Junge Malerei in Deutschland

Von Helmut A. Müller | In Allgemein

Publikation zu den gleichnamigen Ausstellungen vom 19. / 20. / 21. September 2019 bis 19. Januar 2020 im Kunstmuseum Bonn, im Kunstmuseum Wiesbaden und in der Kunstsammlung Chemnitz – Museum Gunzenhauser und vom 7. Februar bis 24. Mai 2020 in den Deichtorhallen Hamburg, herausgegeben von Stephan Berg, Frederic Bußmann, Alexander Klar, Dirk Luckow, mit Beiträgen von S. Berg, A. Klar, A. Richter, L. Schäfer, C. Schreier u. a. und mit Werken von 

MONA ARDELEANU, ISRAEL ATEN, PAULA BAADER, LYDIA BALKE, CORNELIA BALTES, JAGODA BEDNARSKY, VIOLA BITTL, PEPPI BOTTROP, ANDREAS BREUNIG, PAUL CZERLITZKI, BENJAMIN DITTRICH, JENS EINHORN, JENNY FORSTER, PIUS FOX, MAX FRINTROP, SABRINA FRITSCH, INA GERKEN, FABIAN GINSBERG, GREGOR GLEIWITZ, LUKAS GLINKOWSKI, SEBASTIAN GÖGEL, HENRIETTE GRAHNERT, DANA GREINER, VIVIAN GREVEN, TOULU HASSANI, SABRINA HAUNSPERG, FRANZISKA HOLSTEIN, ANETA KAJZER, SUMI KIM, MAXIMILIAN KIRMSE, LI-WEN KUO, BENEDIKT LEONHARDT, DAVID LEHMANN, FLORIAN MEISENBERG, MONIKA MICHALKO, HANNES MICHANEK, SIMON MODERSOHN, BASTIAN MUHR, ANNA NERO, MORITZ NEUHOFF, VERA PALME, ALEXANDER PRÖPSTER, FRANZISKA REINBOTHE, DANIEL ROSSI, MARKUS SAILE, MORITZ SCHLEIME, JANA SCHRÖDER, DANIEL SCHUBERT, KRISTINA SCHULDT, ALICIA VIEBROCK, STEFAN VOGEL, JONAS WEICHSEL, TRISTAN WILCZEK

Hirmer Verlag München, 2019, ISBN: 978-3-7774-3419-3, 268 Seiten, 200 Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 30,6 x24,6 cm, € 45,00 (D) / € 46,30) / CHF 54,90

Deutsche Künstler und Künstlerinnen wie Gerhard Richter, Georg Baselitz, Sigmar Polke, Albert Oehlen, Katharina Grosse und Karin Kneffel haben mit ihrer Malerei weltweit Beachtung gefunden. Die 53 in der Ausstellung „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ im Kunstmuseum Bonn, im Kunstmuseum Wiesbaden und in der Kunstsammlung Chemnitz – Museum Gunzenhauser versammelten Künstlerinnen und Künstler zwischen 30 und 40 stehen für die nächste Generation, die das Gesicht der Malerei in Deutschland prägen wird (vergleiche dazu vergleiche dazu https://www.google.de/search?biw=1309&bih=866&tbm=isch&sa=1&ei=FQ-sXfOzIISp8gL5yqHYBQ&q=jetzt+junge+malerei+in+deutschland&oq=Jetzt%21+Junge&gs_l=img.1.0.0l3j0i8i30l2j0i24l5.41676.50790..

55336…0.0..0.138.674.11j1……0….1..gws-wiz-img…..0..0i131j0i67j0i131i67j0i30j0i5i30.1UwdmcGsOj0

). Sie haben sich dem Tafelbild verschrieben. In Bonn, Wiesbaden und Chemnitz werden von allen Künstlern jeweils drei bis fünf Arbeiten gezeigt, in den Deichtorhallen eine Auswahl aus den drei Ausstellungen. Das Spektrum reicht von den vielschichtigen Abstraktionen von Li-Wen Kuo (geb. 1980 in Viernheim, vergleiche dazu https://www.google.de/search?biw=1309&bih=866&tbm=isch&sa=1&ei=4l6sXf3eCLaFhbIPjtujmAg&q=Li-Wen+Kuo&oq=Li-Wen+Kuo&gs_l=img.12..0.8652.14690..18068…1.0..0.55.537.11……0….1..gws-wiz-img…..0..0i131j0i67j0i30j0i8i30.RfTS-rOCaWk&ved=0ahUKEwj917jW9qrlAhW2QkEAHY7tCIMQ4dUDCAY) über die Narrationen von David Lehmann (geboren 1987 in Luckau, vergleiche dazu https://www.google.de/search?q=david+lehmann+k%C3%BCnstler&tbm=isch&source=hp&sa=X&ved=2ahUKEwiJrbmT86rlAhUDb1AKHcyZCMQQsAR6BAgIEAE&biw=

1309&bih=866) und Moritz Schleime (geboren 1978 in Berlin-Köpenick, vergleiche dazu https://www.google.de/search?source=hp&ei=GVusXb36HbTJmwXZ9ZmoAg&q=moritz+schleime+bilder&oq=Moritz+Schleme&gs_l=psy-ab.1.1.0i13l5j0i13i30l4j0i22i10i30.1876.5770..8864…0.0..0.62.695.14….2..0….1..gws-wiz…….0j0i131j0i22i30.CqNFsjomCNg) bis hin zu den Figurationen von Simon Modersohn (geboren 1991 in Ottersberg, vergleiche dazu https://www.google.de/search?q=simon+modersohn+maler&tbm=isch&source=hp&sa=X&ved=2ahUKEwjagPP086rlAhXFYVAKHVTOACoQ7Al6BAgJECQ&biw=1309

&bih=866#imgrc=WWEnTt9Px1hnOM:), den Zwischenformen zwischen Figuration und Abstraktion von Peppi Bottrop (geboren 1986 in Bottrop, vergleiche dazu https://www.malerei.jetzt/de/werke/peppi-bottrop/) und den Bildzerstörungen von Franziska Reinbothe (geboren 1980 in Berlin, vergleiche dazu https://www.google.de/search?q=franziska+reinbothe+artist&tbm=isch&source=univ&sa=X&ved=2ahUKEwjx8s2W9arlAhUCJVAKHYgqA9oQsAR6BAgGEAE&biw=1309&bih

=866#imgrc=QnFFUWKGgKPkBM:).

Malerei ist in den letzten Jahrzehnten trotz ihrer Beliebtheit bei Kunststudenten, Sammlern, Galeristen und Kunstinteressierten ein ums andere Mal für tot und in der aktuellen Theoriebildung für randständig erklärt worden. So konnte Isabelle Graw in ihrer Einleitung zur Ausgabe der ›Texte zur Kunst‹ >Painting ist not the Issue< im Jahr 2010 feststellen, dass es um die „›Erörterung einer malerischen Praxis‹ geht, ›für welche die Frage, was Malerei als (Leit-)medium der Kunst, spezifische Gattung und symbolische Institution im Kern ausmacht, nicht der springende Punkt ist‹“ (Stephan Berg, Malerei und die produktive Paradoxie des Randphänomens, S. 7). Nach Stefan Berg konnte man über Jahre nur dann eine Aktualität und Virulenz in der Malerei entdecken, wenn man sie gleichzeitig als Medium ausblendete. „Einer der wesentlichen Gründe für diese widersprüchliche Exorzierung des Malaktes durch seine Verlagerung auf außerbildliche und außermalerische Felder ist nach wie vor in Clement Greenbergs ebenso radikalem wie problematischen Definitionsversuch der Malerei zu sehen. Demnach besteht die Essenz der Malerei in ihrer Rückführung auf die elementaren Komponenten Farbe auf Leinwand und Keilrahmen und ist folglich ausschließlich aus ihrer medienspezifischen ›flatness‹, ihrer strukturellen Flachheit heraus zu begreifen“ (Stephan Berg, a. a. O.). Aus heutiger Sicht ist die These „einer in ihrer Selbstthematisierung aufgehenden Malerei“ eine fantasmatische Konstruktion, „in der sich zudem vor allem die hegemoniale Selbstbehauptung der amerikanischen bzw. New Yorker Abstraktion gegenüber der europäischen bzw. Pariser surreal-figurativen Tradition ausdrückte. Dennoch ist es bemerkenswert, dass die […] Abwehr einer solchen Betrachtungsweise zugleich die Berechtigung einer auch medienspezifischen Betrachtungsweise der Malerei generell in Frage stellt und, wie dies Isabelle Graw tut, die Medienspezifik der Malerei ›längst in andere Genres, etwa die Großfotografie der Becher-Schule abgewandert‹ sieht“ (Stephan Berg a. a. O.). 

Berg schlägt stattdessen vor, den Selbst- und Weltbezug der Malerei an der Stelle zu diskutieren, „wo sie sich materiell wie metaphorisch am schärfsten zeigt, nämlich an der Grenze, die das Bild vom umgebenden Raum, in dem es sich befindet, einerseits trennt und andererseits auf widersprüchliche Art verbindet. Ist es nicht […] dieser strukturelle und unauflösliche Stresstest, dem jedes Bildgeviert durch seinen Rand ausgeliefert ist, der das Tafelbild als im Wortsinn paradoxes Randphänomen so hochproduktiv macht? Weil es nämlich einerseits damit zum per se virtuellen Medium wird, indem es seine malerische Behauptung in einen Raum stellt, der in der Regel keinerlei Verbindung zur Realität des Bildes aufweist. Und weil ein so definiertes Bildfeld andererseits in seiner paradoxen Verknüpfung von Rand und Inhalt immer schon den eigenen Totalitätsanspruch problematisiert, indem dieser mit den Ansprüchen einer umgebenden räumlichen und damit zugleich gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen Realität strukturell kollidiert. Diese Kollision wäre […] kategorial anders zu betrachten als bei einem fotografischen oder filmischem Bild, weil die Bildgrenze in Fotografie und Film zwischen der Realität und einem indexikalisch mit dieser verknüpftem Bild verläuft. Dagegen entwirft sich die malerische Wirklichkeit, egal wie nah sie mimetisch gesehen der äußeren Realität kommt, stets als kategorial von dieser Realität getrennte Erfindung, was im Fall der Fotografie oder des Films nur dann gelten würde, wenn es sich um ein rein digitales Werk handelte. Vielleicht sollte man also in diesem ›Randphänomen‹ gerade diese Form der Begrenztheit des Spielfeldes als eine der zentralen Bedingungen für die nicht unterzukriegende Produktivität und Aktualität des Mediums begreifen“ (Stefan Berg a. a. O. S.9). 

In weiteren Essays diskutiert Anja Richter die These, dass die Malerei quicklebendig, ihr scheinbarer Tod damit Geschichte und zugleich der Anfang neuer Geschichten ist, Lea Schäfer den Stoff der Malerei und Alexander Klar den Prozess des Malens als gleichermaßen handwerklichen und imaginativen Akt, die Handschriftlichkeit der Gemälde, das Bild als Zeitzeugnis, die Technik als Mittel der Bildfindung und die Qualität des Kunstwerks. Christoph Schreier schließlich erinnert an die These, dass neue Medien die überkommenen nicht verdrängen können; er geht davon aus, dass die ikonische Diversität eine große Stärke der aktuellen Malereiszene ist. Aber sie erstellt sich nicht selbst und bedarf der Förderung von institutioneller wie privater Seite.

Dass das Museums of Modern Art in New York die Moderne nach seiner Renovierung nicht mehr als Entwicklungs- und Fortschrittsgeschichte vom Impressionismus über den Fauvismus, Surrealismus, abstrakten Expressionismus und Minimalismus bis hin zur Konzeptkunst inszeniert, sondern als vielstimmiges, transnationales und die Zeiten übergreifendes Verhältnis von Selbst- und Weltbezug, verstärkt Frauen, Minderheiten und zeitgenössische Kunst aus Übersee in die Präsentation einbezieht und damit faktisch den noch bis weit in die 1980er Jahre hinein als gültig angesehene kunsthistorischen Kanon außer Kraft setzt, zeigt, dass man jetzt selbst in New York das schon lange nicht mehr haltbare Greenbergsche Paradigma aufgegeben hat (vergleiche dazu Catrin Lorch, Renovierung des Museums of Modern Art in New York. In. Süddeutsche Zeitung Nr. 240 vom 17. Oktober 2019 Seite 9 und https://www.sueddeutsche.de/kultur/museum-of-modern-art-kunstgeschichte-1.4642936; Sebastian Moll, Das Ende des Kanons. In: SZ a. a. O.und https://www.sueddeutsche.de/kultur/museum-of-modern-art-moma-wiedereroeffnung-new-york-1.4642938 und schließlich und endlich das Gespräch zwischen Andrew Goldstein und dem MoMA-Direktor Glenn D. Lowry „So, is MoMA Woke Now?“ in den artnet news vom 16. Oktober 2019, vergleiche dazu https://news.artnet.com/the-big-interview/glenn-lowry-moma-reopening-interview-part-1-1678816). Stefan Berg, seine Mitkuratoren und die Generation der jungen deutschen Malerinnen und Maler wird das freuen, weil sie sich schon längst an offeneren, zeitgemäßeren und individuelleren Paradigmen abarbeiten.

ham, 21. Oktober 2019

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