Arbeiten zur Geschichte des Pietismus Band 62
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN: 978-3-525-57076-0, 723 Seiten, Hardcover gebunden, Format 23,8 x 16,5 cm, € 110,00

Jörg Breitschwerdt führt die Gründung der Bekenntnisbewegung, die organisatorische Spaltung des westdeutschen Protestantismus, den Aufbau von Parallelstrukturen im Bereich der Missionsgesellschaften, der theologischen Ausbildung, der kirchlichen Presse, teilweise der Diakonie sowie der Schüler- und Studentenarbeit und die „Quasiseparation“ konservativer Christen in Deutschland in seiner materialreichen und erfreulich sachlichen Studie auf die unterschiedliche Bewertung des Verhältnisses von weltlich-autonomer Vernunft und göttlicher Offenbarung und damit letztlich auf „die Frage der Berechtigung des historisch-kritischen Umgangs mit den Schriften des Alten und Neuen Testaments samt den daraus folgenden systematisch-theologischen und praktisch-theologischen Konsequenzen sowie […] die Frage der Relevanz des geschichtlichen Geschehens für den Glauben“ (Jörg Breitschwert S. 15) zurück. Die Frage ist für ihn schon im Streit zwischen Martin Luther und Erasmus von Rotterdam um das protestantische Schriftprinzip angelegt und wird im Zeitalter von Orthodoxie und Pietismus in der Unterscheidung von Heiliger Schrift und Wort Gottes bei Johann Salomo Semler und in der Trennung von Glaube und Geschichte im Fragmentenstreit zwischen Gotthold Ephraim Lessing und Johann Melchior Götze offensichtlich.

Im 19. Jahrhundert wird sie in den Auseinandersetzungen über David Friedrich Straußes „Leben Jesu“, Karl August Schraders „Der Antipietist oder Verteidigung des vernunftgemäßen Christentums wider die pietistischen Angriffe“ und die mit der Moderne schwer verträglichen weltanschaulichen Festlegungen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses ausgetragen, im 20. Jahrhundert im Streit über Rudolf Bultmanns Programm der Entmythologisierung und die Einrichtung von mit dem theologischen Konservativismus konformen Studienhäusern wie dem Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen. Der Fokus der Studie liegt auf den „konservativen Anliegen“ und ihren theologischen Argumentationsmustern, deren Erforschung in Theologie und Kirche noch weitgehend aussteht. Dass die „Anliegen“ der „Stillen im Lande“ nicht nur in den „evangelikalen Protest“ und in Gründungen wie der Nachrichtenagentur idea, der Ludwig-Hofacker-Vereinigung und der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ einmünden, sondern auch machtpolitische Formen annehmen können, zeigt die Durchsetzung einer sechsten Professur an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Tübingen und ihre Besetzung mit Adolf Schlatter, die Besetzung von Prälatenstellen und die Wahl von Bischöfen in Württemberg: So waren die Prälaten Ulrich Mack und Christian Rose ehemalige Albrecht-Bengel-Haus-Studierende und der ehemalige Studienleiter und Rektor des Bengelhauses Gerhard Maier zwischen 2001 –2005 Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Wem Breitschwerdts terminologische Einführung der „theologisch konservativen“ Bewegung im Gegenüber zur „theologisch modernen“ in der Einleitung (vergleiche dazu Jörg Breitschwerdt S. 16 ff.) zu deutungsoffen bleibt, sollte das Schlusskapitel an den Anfang seiner Lektüre stellen: In der Einleitung wird zwar darauf hingewiesen, dass der Begriff „konservativ“ der Geschichtswissenschaft entlehnt ist und als hilfreich erscheint, weil er der gemeinsamen Gegnerschaft ursprünglich verschiedener theologischer Strömungen wie der des Pietismus, der Ludwig-Hofacker-Vereinigung, des Bethel-Kreises, der Bekenntnisbewegung und der Evangelikalen gegenüber der ›modernen Theologie‹ Rechnung trägt „und es somit ermöglicht, über die theologische und zeitliche Verschiedenheit der einzelnen Gruppen hinweg Gemeinsamkeiten vor allem in deren theologischen Anliegen festzustellen“ (Jörg Breitschwerdt S. 21). Aber die Verwendung des Begriffs erschließt sich erst in der Tiefe, wenn er nicht „im heute weithin üblichen umgangssprachlichen Sinn als ›rückständig‹, ›fortschrittsfeindlich‹ oder ›reaktionär‹ missverstanden wird; er bezeichnet in der Geschichtswissenschaft vielmehr eine Denkbewegung der Moderne, die versuchte, aufgrund der Herausforderung durch das ›moderne Denken‹ althergebrachte Gedanken und Werte mit philosophischen und methodischen Mitteln der Moderne zu bewahren und aktiv zu verteidigen. Als Katalysator der Entwicklung des Konservativismus diente dabei die Julirevolution von 1830 […]. Doch reichen die Ursprünge […] weiter zurück […]. Der griechische Philosoph Panajotis Kondylis (1943 –1998) versuchte […] zu zeigen, dass konservative Ideen im Sinne einer societas civilis gegenüber einem aufgeklärten Absolutismus in der Frühen Neuzeit ihren Ursprung hatten. Diese These fand in der Forschung breiten Anklang, so dass gemeinsam davon ausgegangen wird, dass der Konservativismus sich zwar erst im Laufe des 19. Jahrhunderts – insbesondere nach der Julirevolution 1830 – als eine Bewegung der Moderne ausbildete, jedoch seine Wurzeln schon sehr viel früher in einem noch wenig konturierten Frühkonservativismus hatte“ (Jörg Breitschwerdt S. 647 f.).

Inhaltlich wird der Konservativismus als eher dem geschichtlich-konkreten als dem theoretisch-abstrakten Denken verpflichtet beschrieben. „In der Begründung seiner Überzeugungen sei er nicht zuerst an eine logische Rationalität gebunden, sondern richte sich eher an dem geschichtlich Gewachsenen, der Natur oder einer göttlichen Offenbarung aus. Religiöse Autorität und Offenbarungstheologie versuchte er gegenüber deren Bekämpfung durch den Rationalismus zu verteidigen. Gegen Atheismus und Deismus behaupte der Konservativismus einen persönlichen Gott, der auch übernatürlich in den Lauf der Welt eingreifen könne. So wurde eine rein immanente Erklärung der Welt ohne Rückgriff auf Gottes Wirken als Ausdruck der menschlichen Hybris und Aufstand gegen Gott interpretiert, da auf diese Weise der Mensch und seine Ratio über Gottes Offenbarung gestellt würden. Im Gegensatz zu einer – immanentem Denken eigenen – optimistischen Sicht des Menschen und seiner rationalen Fähigkeiten hatte der Konservativismus eine pessimistische Sicht des Menschen, so dass er im politischen Bereich für staatliche Autorität und Ordnung sowie im gesellschaftlichen Bereich für die Einhaltung von moralischen Gesetzen, Schutz von Eigentum und familiäre Bindung eintrat“ (Jörg Breitschwerdt S. 648 f.).

Damit liegt die Folie für die von Breitschwerdt ins Theologische transformierte Begriffsbildung „theologisch konservativ“ auf der Hand: Sie erlaubt es, Bewegungen, die im 19. Jahrhundert aus der Orthodoxie, dem Pietismus und der Erweckungsbewegung herausgewachsen sind, mit der Evangelikalen Bewegung des 20. Jahrhunderts zusammenzudenken. „Zuletzt empfiehlt sich die Anwendung des Konservativismusbegriffes zur Beschreibung von Überzeugungen, die einer ›modernen Theologie‹ gegenüberstanden auch aufgrund des zeitgenössischen Gebrauchs des Begriffs ›konservativ‹ in diesem Zusammenhang“ (Jörg Breitschwerdt S. 652).

Zusammenfassend ergibt sich für den theologischen Zuschnitt eines kirchlichen Konservatismus im 19. und 20. Jahrhundert in Württemberg und Westfalen dann folgendes Bild: „Sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert verteidigten theologisch konservative Personen und Gruppierungen den göttlichen Ursprung und die daraus abgeleitete Autorität der Heiligen Schrift für Lehre und Leben der Kirche. Dieser offenbarungstheologische Ansatz stand einer ›modernen Theologie‹ gegenüber, die aus der Heiligen Schrift abgeleitete Normen und Werte mit Hilfe der autonomen Vernunft zunehmend kritischer beurteilte. Diese schon in der Auseinandersetzung zwischen Luther und Erasmus angelegte Gegensatz wirkte in dem Antagonismus zwischen Orthodoxie und Pietismus auf der einen Seite und der Aufklärung auf der anderen Seite weiter, wobei orthodoxe Theologen das […] protestantische Schriftprinzip […] im Sinne einer Verbalinspiration neu formulierten. In diesem Sinne der Verbalinspiration hielt der Pietismus am Schriftprinzip fest, und sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert war das Bekenntnis zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift grundlegend, auch wenn hier ein breites hermeneutisches Spektrum von gemäßigter historisch-kritischer Auslegung bis hin zur im protestantischen Fundamentalismus verteidigten Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift vorhanden war.

In Folge dieser Grundlegung […] vertieften theologisch konservative Personen und Gruppierungen insbesondere die in den Evangelien erzählten Geschichten als wirkliches Geschehen in Raum und Zeit […]. Dabei bedienten sie sich derselben von Überzeugungen des Rationalismus bestimmten Methodik wie ihre Kritiker, indem sie gegen eine historisch-kritische Destruktion des Lebens Jesu auch mit historischen, philologischen, literarischen und anderen wissenschaftlichen Argumenten die geschichtliche Wirklichkeit des in den Evangelien berichteten und im Apostolikum formulierten Geschehens festzuhalten suchten. Damit wollten sie an dem extra nos des Glaubens […] festhalten. Im Grunde ging es […] um das Festhalten […] an der geschichtlichen Wirklichkeit einer durch göttliche Offenbarung vermittelten Wahrheit. Als zentrale ›Heilstatsachen‹ galten demnach die Göttlichkeit Jesu, sein stellvertretender Sühnetod am Kreuz, seine leibliche Auferstehung und seine zukünftige Wiederkunft zum Gericht […]. Neben dem Bekenntnis zu den genannten christologischen Aussagen als wirklichem Geschehen rechneten theologisch konservative evangelische Christen mit der Möglichkeit eines übernatürlichen Eingreifens Gottes in den Naturzusammenhang. Sie verteidigten die in der Heiligen Schrift bezeugten Wunder als wirkliches Geschehen in Raum und Zeit. Damit war neben dem hermeneutischen auch ein philosophischer Gegensatz zur ›modernen Theologie‹ gegeben, die im Hinblick auf die Anschlussfähigkeit der theologischen Wissenschaft im Konzert der Fakultäten einen rein immanenten Methodenkatalog entwickelte, in dem ein direktes übernatürliches Eingreifen Gottes in den Naturzusammenhang per definitionem nicht mehr vorstellbar erscheint“ (Jörg Breitschwerdt S. 652 ff.).

ham, 12. Januar 2019

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