Eine Biographie mit einem Vorwort von Frank O. July, einer Einleitung von Ulrich Heckel und einem Nachwort von Jürgen Kampmann

Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2019, ISBN 978-3-374-06049-8, 369 Seiten, Hardcover gebunden, Format 22 x14 cm, € 25,00

Der 1842 in Möttlingen bei Calw geborene und 1919 in Jebenhausen bei Göppingen gestorbene württembergische evangelische Theologe, Therapeut, zeitweilige SPD-Landtagsabgeordnete und Urvater des religiösen Sozialismus Christoph Blumhardt ist für Jörg Hübner aus drei Gründen einer der bedeutenden Theologen im Protestantismus der Moderne: Blumhardt hat erstens frühzeitig auf die Grenzen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und die mit ihr einhergehende Umweltzerstörung aufmerksam gemacht. Er hat zweitens das Christentum in der zusammenwachsenden Weltgemeinschaft verortet und damit Türen für den notwendigen interreligiösen Dialog geöffnet. Und er hat schließlich drittens mit der Arbeiterbewegung in einer an der Wende zum 20. Jahrhundert nicht selbstverständlichen Weise die Rolle der Zivilgesellschaft entdeckt (vergleiche dazu Jörg Hübner, Christoph Blumhardt in: https://www.ev-akademie-boll.de/akademie/geschichte/christoph-blumhardt.html). Hübners jetzt aus bisher nicht zugänglichen Dokumenten aus dem Archiv der Familie Blumhardt erarbeitete Biographie belegt diese Einschätzung auf eindrückliche Weise.

Sie setzt mit der Heilung der psychisch schwer erkrankten Gottliebin Dittus nach zweijährigem Gebetskampf ein, die seinen Vater Johann Christoph Blumhardt (1805 – 1880) zum Lebensmotto ›Jesus ist Sieger!‹ geführt hat und dann zum Kauf des Kurhauses Bad Boll und zum Ausbau dieses Orts zu einem über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten Heilungs- und Seelsorgezentrum. Der zehnjährige Christoph wächst in Bad Boll auf, wird zunächst von Hauslehrern, seinem Vater und dessen Bruder unterrichtet und tut sich dann in der Schule in Stuttgart, im Seminar von Bad Urach und beim Theologiestudium in Tübingen schwer, erhält aber dort durch die von dem Systematiker Johann Tobias Beck vertretene Allversöhnung entscheidende Anstöße für sein späteres gesellschaftspolitisches Engagement. „Die Allversöhnung, die Versöhnung der gesamten Kreatur, die Erneuerung der gesamten Welt und der endgültige Sieg über alles Lebenszerstörende war auch das Ziel, das Christoph Blumhardt zeit seines Lebens vor Augen stand und sein Wirken auch in der Politik antrieb. Das mühsame Studium hatte sich auf diese Weise doch gelohnt. Christoph Blumhardt schloss im Sommer 1866 sein Studium mit einem ›schlechten Examen‹ ab, wie er später im Rückblick betont“ (Jörg Hübner S. 33 f.). Nach ersten Vikarsstellen wird er 1869 ›Pfarrgehilfe‹ und Sekretär seines Vaters im Kurhaus Bad Boll, fühlt sich ihm gegenüber unbedeutend und klein und wird erst glücklich, als er im Mai 1870 die Bauerntochter Emilie Bräuninger heiraten kann, mit der er sieben Mädchen und vier Buben haben wird. Er beginnt, frei zu predigen und schwimmt sich allmählich frei. 

Den entstehenden Nationalismus vergleicht er mit dem Turmbau zu Babel; der Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 „wird für ihn gleichsam zur ›Ursünde‹einer fehlgeleiteten Politik. Zeit seines Lebens

setzte er sich nicht nur scharf mit der zunehmenden Militarisierung in Deutschland auseinander, sondern auch mit einem entstehenden Nationalismus im deutschen Kaiserreich. Im Zusammenhang mit der Hoffnung auf eine Allversöhnung […] musste Blumhardt das kosmologisch gewendete Narrativ ›Jesus ist Sieger!‹ so verstehen, dass eine nationalistische Politik, die auf die Macht des Militärs setzt, der fortschreitenden Allversöhnung massiv entgegensteht. Mehr noch: Gerade weil Jesus Christus der Sieger dieser erneuerten Welt erst noch werden muss, ist eine nationalistische Politik genau das Gegenteil dieses Prozesses. Hier, also in der Kombination aus dem Bad Boller Narrativ und der Hoffnung auf eine Allversöhnung des gesamten Kosmos in der Zeit des aufkeimenden Nationalismus, liegt die Wurzel für Blumhardts politisches Engagement – und es sollte in allen Facetten ausgerichtet sein auf das Kommen eines umfassenden Friedensreiches“ (Jörg Hübner S. 38 f.).

Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1880 steht die Nachfolgeregelung an.  Sein Bruder Theophil wird Pfarrer in Bad Boll und Christoph Nachfolger und Kurhausbesitzer. Mit Unterstützung seiner Familie und seiner Verwandten kann er einen landwirtschaftlichen Betrieb zur Versorgung des Kurhauses mit Lebensmitteln aufbauen. Dazu kommt die finanzielle Unterstützung des Kurhauses und diverser Predigtreisen durch kapitalkräftige Gäste wie Eleonora Vopelius, die Frau eines früh verstorbenen saarländischen Unternehmers. Mit dem Tod von Hans-Jörg Dittus, dem letzten der drei Dittus-Geschwister, verliert das an einzelne Personen und deren Gesundheit gebundene Boller Heilungsnarrativ „endgültig seine Relevanz“. Bis 1888 „hatte er es in der pastoraltheologischen Praxis des Kurhauses […] in Seelsorge, Andachten und Gebetsheilungen fortgeführt. Nach 1888 lassen sich keine Schilderungen von Gebetsheilungen mehr in den Dokumenten finden – im Gegenteil: Die sehr kritische Abgrenzung von der Tradition der ›Heilungsanstalt‹ Bad Boll tritt in den Vordergrund“. An die Stelle der „an Personen ausgerichteten Hoffnung trat nun die Hoffnung auf ein göttliches Friedensreich, das durch die Zusammenarbeit von Gott und Weltgesellschaft herbeigeführt wird“ (Jörg Hübner S. 73 f.). 

Die an der Heilung von innerpsychischen Konflikten ausgerichtete Losung ›Jesus ist Sieger!‹ wird jetzt durch die Losung ›Sterbet, so wird Jesus leben!‹ ersetzt. Damit kommen die strukturellen Bedingungen des Lebens in den Blick: Sie müssen so verändert werden, dass sie das Kommen Jesu, die Errichtung seines Reiches auf Erden und die Aufhebung des Todes nicht länger behindern. In einer ersten Konsequenz schafft er 1894 im Kurhaus den Sonntagsgottesdienst ab, und das unter anderem deshalb, weil Gott nicht mehr recht zu Sprache komme und weil er Gäste und Mitarbeiter von folgenlosen Zwängen befreien wolle. „Der entscheidende Grund […] war jedoch noch ein anderer: Christoph Blumhardt ging es in der ›Reich-Gottes-Arbeit‹ darum, dass das konkrete ›Leibesleben‹ eine Veränderung erfährt. Das ›Evangelium des Leibes für die ganze Kreatur‹ stand im Zentrum dieser Phase seines Wirkens. ›Alle Verhältnisse der heutigen Zeit schreien nach Beispielen des Guten, nach Beispielen der Wahrheit‹. Die Menschen sollten, so Blumhardt, endlich ›Menschen des Lebens‹ werden – und sie werden dies, indem sie den eigenen Leib zu dem Ort machen, an dem sich der wahre Gottes-Dienst vollzieht“ (Jörg Hübner S. 92). Damit wird die „Achtung des Physischen, die Zuwendung zur realen und konkreten Welt, der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen […] zur Basis seiner immer politischer werdenden Theologie“ (Jörg Hübner S. 97). 1875 führt er eine ausschließlich vegetarische Ernährung im Kurhaus ein, muss sie aber nach scharfen Protesten seiner Gäste nach einem halben Jahr wieder zurücknehmen. 

Am Vorabend des 2. September 1895 begeht Blumhardt in seiner Andacht eine Sedansfeier und deklariert den Tag zum Friedensfest. Diese Handlung „kann nicht anders als ein erstes, noch indirektes und zaghaftes, aber in der Konsequenz deutliches Bekenntnis zur Sozialdemokratie verstanden werden. In seiner Andacht gab sich Blumhardt als überzeugter und engagierter Pazifist zu erkennen, der sich mit Vehemenz der sich verstärkenden Militarisierung Deutschlands unter der Ägide Kaiser Wilhelms II. verschloss: ›Von Jahrhunderten her ist eine gewisse Kriegslust in Fleisch und Blut der Europäer übergegangen und auf andere Völker hereingekommen. Diese Kriegslust herrscht immer in gewissen Teilen der Bevölkerung; aber das eigentliche sesshafte Volk will nichts davon […]. Man hat bis jetzt in der politischen Welt noch keine Lösung gefunden für gewisse Fragen, außer durchs Schwert; aber es ist eine Schande, dass es keine andere Lösung geben soll als das Drauflos-Schlagen und sehen, wer gerade der Glücklichere ist; denn man kann kaum sagen: der Mächtigere‹“ (Jörg Hübner / Christoph Blumhardt S. 124).

Nach Schwächephasen zwischen 1894 und 1898 geht er zur Kur nach Bad Mergentheim und beschäftigt sich dort mit sozialdemokratischer Literatur. Der kritische Internationalismus, die Friedensbestrebungen und die von den Sozialdemokraten benannte soziale Frage werden entscheidende Anknüpfungspunkte an die Sozialdemokratie. Am 24. Oktober 1899 tritt Christoph Blumhardt aus voller Überzeugung und nach reiflicher Überlegung in die sozialdemokratische Partei ein. „Die von Anna von Spreewitz später vermittelte Lesart, Christoph Blumhardt sei nur ›notgedrungen‹ nach einem Bericht der liberalen Zeitung ›Hohenstaufen‹ vom 25. Oktober 1899 unter der Überschrift ›Blumhardts Bekenntnis zur Sozialdemokratie‹ Parteimitglied geworden, ist […] vollkommen unhaltbar“ (Jörg Hübner S.154). Der medialen Vorhaltung, seine Angelegenheit sei entweder ein pathologischer Fall oder aber „Ausdruck einer letztlich doch unmenschlichen ›Superhumanität‹“ stellt er seine Überzeugung entgegen, dass „die sozialistische Bewegung ein ›Feuerzeichen am Himmel‹ oder ein ›Werkzeug Gottes‹ sei“ (Jörg Hübner S. 158 ff.). Pietistisch orientierte Presseorgane betonen dagegen „die Unvereinbarkeit von christlichem Bekenntnis und Mitgliedschaft in einer sozialdemokratischen Partei […]: ›Ein bewusster Christ kann nicht Sozialdemokrat sein und ein Sozialdemokrat kann nicht Christ bleiben‹“. Damit wird Blumhardt „in der kirchlichen Landschaft zur persona non grata“ (Jörg Hübner S. 160 f.). Das Königliche Evangelische Konsistorium nimmt die Pressekampagnen zum Anlass, Blumhardt den Pfarrerstitel zu entziehen. Zum Gespräch mit dem für ihn zuständigen Göppinger Dekan fährt Blumhardt am 14. November 1899 „in feinem Cab, bespannt mit zwei schönen Rappen in silberglattiertem Geschirr, auf dem Bock ein gallonischer Kutscher mit Kokorde am hohen Hute und Glacéhandschuhen“ (Jörg Hübner S. 162 f.) vor und verzichtet nach kontroversem Gespräch auf sein Amt. 

In seiner Stellungnahme in der ›Schwäbischen Tagwacht‹ vom 22. November 1899 spricht er von der ›Erleichterung‹, jetzt von jeglicher Verpflichtung gegenüber der kirchlich-dogmatischen Position befreit zu sein. „Bei seinen jetzigen öffentlichen Auftritten benötige er vollständige Unabhängigkeit und eben kein enges kirchliches Korsett. Zweitens betonte er jedoch auch seine Enttäuschung von der Kirche: Sie sei ›von Dogmen und staatlichen Einrichtungen abhängig‹, weswegen ein ›Kampf‹ mit dieser ›in bestimmten Gesetzen gebundenen Staatsbehörde‹ schlichtweg ›nutzlos‹ sei. Dieser Kampf sei vielmehr dem Kommen Gottes überlassen“ (Jörg Hübner S. 163). Im Frühjahr 1900 beschließt die Bezirkskonferenz der Sozialdemokraten für das Oberamt Göppingen, Christoph Blumhardt ins Rennen für die Landtagswahl zu schicken. Blumhardt gewinnt die Wahl, zieht in den Landtag ein, wird zum Wortführer der Sozialdemokraten und setzt sich unter anderem gegen die Erhöhung der Zölle auf importiertes Getreide ein, die nur den Finanzspekulanten, aber nicht der einheimischen Landwirtschaft helfen und zu steigenden Brotpreisen führen würden. Zwischen 1901 und 1903 befasst er sich weiter mit der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Eisenbahn, setzt sich für eine 1907 als Hohenstaufenbahn realisierte Verbindung zwischen Göppingen und Schwäbisch Gmünd, die Reduktion der Bahntarife im Nahbereich und die Verbesserung des Bildungsangebots in den Volksschulen ein.

Das Reich Gottes ist für ihn jetzt keine jenseitige Größe mehr; es vollzieht sich ›hier auf Erden‹. „Das Reich Gottes kommt aus den Massen […], die unterdrückt […] werden: ›Das ist die Menschheit!‹ ›Vorwärts‹ hin zum Reich Gottes geht es dort, wo Menschen sprachfähig werden und das erfahrende Unrecht nicht hinnehmen, sondern in Protesten zum Ausdruck bringen. Das ›Rumoren‹ in der Gesellschaft, das Ringen in der Arbeiterklasse ist […] ein Hinweis darauf, dass die ›neue Einheit der Menschheit‹ […] im Entstehen ist […]: ›Darum will ich Sozialist sein‹“ (Jörg Hübner S. 189). Im November 1904 kommt es zum Konflikt, als sich Blumhardt gegen die Klassenkampfparolen der marxistischen Kräfte in der Partei und das Vorgehen der deutschen Truppen gegen den Aufstand der Hereros in Deutsch-Südwestafrika ausspricht. „Zugespitzt konnte Blumhardt im Februar 2005 an seine Tochter Salome sogar schreiben: ›Wer ins menschliche Herrschen kommt, trennt sich vom göttlichen Herrscher‹“ (Jörg Hübner /Christoph Blumhardt S. 217 f.). Damit verabschiedet sich Blumhardt aus der parteipolitischen Arbeit der Sozialdemokratie. 

Bad Boll kommt wieder stärker in den Blick und soll zu einem Ort des Friedens und der internationalen Verständigung werden. Dem dienen auch die Reisen in den vorderen Orient, die Blumhard zusammen mit Anna von Spreewitz unternimmt. Nach einer Malaria-Erkrankung zieht er nach Jebenhausen. Seine Frau besucht 1907 ihren Sohn Friedrich sowie ihre Schwester in Neuseeland und bleibt fünf Jahre dort. Anna von Spreewitz übernimmt die Rolle der Hausmutter im Kurhaus und ist maßgeblich an seinem steigendem Ansehen und wirtschaftlichen Erfolg beteiligt. Nach der Rückkehr seiner Frau im Mai 1912 leben die Blumhardts getrennt. 1913 wird die Bad Boll GmbH gegründet. Blumhardt beansprucht jährlich 3000 Mark Zinsen für sich. Zur Einordnung dieser Summe muss man wissen, dass ein Arbeiter um 1910 durchschnittlich 1.000 Mark verdient hat. „Damit ist davon auszugehen, dass Christoph Blumhardt für sich einen gehobenen Lebensstandard beanspruchte. Dies betraf auch seine Familie, denn für Emilie Blumhardt wurde im Kaufvertrag vereinbart, dass ihr neben einer ›standesgemäßen freien Wohnung‹ eine jährliche Rente von 2.000 Mark zustehen sollte. Ebenfalls wurde die Tochter Dorothee mit einer jährlichen Rente von 1.600 Mark sowie mit Erziehungsgeldern für ihre Kinder ›nach Übereinkunft und freiem Ermessen bedacht“ (Jörg Hübner S. 235 f.).

An Weihnachten 1916 erleidet Blumhardt einen leichten, am 6. Oktober 1917 einen schweren Schlaganfall. Er verfügt, dass bei seinem Tod von den von den Gesellschaftern der Bad Boll GmbH seit 1913 noch nicht ausgezahlten 290.000 Mark 50.000 Mark seiner Frau und seinen noch lebenden acht Kindern je 30.000 Mark zustehen. „Am 2. August 1919 verstarb er friedlich in der Villa Wieseneck. Wenige Tage später wurde er am 6. August um 16:00 Uhr auf dem Friedhof “ in Bad Boll „gegenüber seinem Vater Johann Christoph Blumhardt beigesetzt“ (Jörg Hübner S. 264). 

ham, 23. August 2019

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