Louise Bourgeois, Glenn Brown, Markus Schinwald, Francesco Vezzoli
Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 22.06. – 23.10.2011 in der Kunsthalle Wien
Hrsg. von Gerald A. Matt mit Texten unter anderem von Belinda Grace Gardner, August Ruhs,
Catherine Millet und Gesprächen zwischen Glenn Brown und Gerald A. Matt, Markus Schinwald und
Lucas Gehrmann, Francesco Vezzoli und Caroline Corbetta und Louise Bourgeois und Gerald A. Matt
Kunsthalle Wien / Verlag für Moderne Kunst Nürnberg 2011, ISBN 978-3-86984-233-2, 320 S.,
zahlreiche s/w- und Farbabbildungen, Hardcover gebunden mit zwei Lesebändchen, Format 23 x 17
cm, € 29,– (Museumsausgabe)
Nach Peter Bürger hat der 1904 geborene und 1989 gestorbene Salvador Dalí auch noch nicht an
seinem 100. Geburtstag einen Ort in der Kunst des 20. Jahrhunderts gefunden. Die von Gerald A. Matt
kuratierte Ausstellung und der sie begleitende aufwändig ausgestattete und gründlich recherchierte
Katalog vertritt die Gegenposition. Ausstellung und Katalog stellen Arbeiten von Louise Bourgeois,
Glenn Brown, Markus Schinwald, Francesco Vezzoli, rund 70 ausgewählten Werken von Salvador
Dalí gegenüber. Dabei werden Affinitäten deutlich, „die vielseitige Berührungspunkte mit der
gegenwärtigen Kunstwelt sichtbar machen“ (Gerald A. Matt). Die Ausstellung untersucht
insbesondere das Weiterwirken, ja das >>Comeback<< der für das surrealistische Denken, Handeln
und Arbeiten wesentlichen Parameter Unbewusstes, Auflösung der Grenzen zwischen Hoch- und
Populärkultur, Rezeption kunstgeschichtlicher Themen und Techniken und Erfindung des Künstlers
als Medien-Star. So ließ sich Glenn Brown von dem schönen, intensiven Genius der Bilder von Dalí
faszinieren, „der die Fotografie überflüssig macht. … Keine Fotografie kann so scharf und aggressiv
im Fokus sein. Man sieht, fühlt, riecht und erinnert sich einfach an seine Bilder, als hätte man nach
Jahren verschwommener, wässriger Sicht zum ersten Mal eine Brille aufgesetzt. Sie zeigen die scharfe
und präzise Wiedergabe von Dingen, die man kennt, jedoch nie zuvor gesehen hat, weil sie nur in
Dalis und der eigenen Vorstellung existieren. Farbe und Tinte werden zu Genauigkeitsmaterialien für
eine forensische chirurgische Untersuchung des Menschseins. Seit diesem Tag haben sich meine
Bilder verändert. Sie wurden schärfer, härter, grausamer, hyper-super-surreal, weniger weich und
verschwommen mit weniger verschwommenem Richter-Scheiß, insgesamt mehr Dalí. Mit anderen
Worten, sie verwickeln das Auge in ein Gespräch mit der Farbe, das von hoher Kultiviertheit ist, nicht
von falscher Dummheit“ (Glenn Brown). Markus Schinwald ist dagegen René Magritte näher als Dalí.
Er will auch nicht in den Surrealismus im Großen und Ganzen komplett eintauchen, weil er ihm zu
ganzheitlich erscheint und sein Weg zur Psyche eher kurvig ist. Aber für seinen eigens für die
Ausstellung und Bühne geschaffenen Aquarien-Installation hat er sich mit dem von Salvador Dalí
1939 für die World Fair in New York geschaffenen Pavillon und dem dortigen gläsernen Aquarium
auseinandergesetzt und Teile aus dieser Arbeit herausgenommen „oder, wenn man so will, Dali
filetiert … das Aquarium hat etwas von einem angenehm langweiligen Kino … Bei Dali interessieren
mich seine langen Perspektiven, wo nichts passiert …“ (Markus Schinwald). Francesco Vezzoli
empfindet die Gegenüberstellung der eigenen Werke mit den Werken Dalís „auf einem physischen
Level als sehr komplex und schmerzhaft: Sie bereitet mir große Qualen und gibt mir ein Gefühl der
Minderwertigkeit, angesichts der beeindruckenden malerischen Fähigkeiten Dalís. In Wien fällt es mir
ein wenig leichter, denn hier bin ich umgeben von Schmuckstücken, die er gestaltet hat. Diesen wollte
ich meine gestickten Porträts aus der Serie ‚Surrealiz‘ gegenüberstellen. Lilz Taylor liebte Schmuck
übrigens sehr! Wenn ich glauben darf, einen gewissen Scharfblick und Mut bei der Analyse und dem
Miteinander-in-Beziehung-Setzen einiger sozialer Mechanismen und der Funktionsweise des Systems
der Kunst bewiesen zu haben, so sterbe ich sprichwörtlich vor Neid. Dalí war ein großartiger Maler!
Und vielleicht hätte es ihn gefreut zu hören, dass dieses Interview so endet“ (Francesco Vezzoli).
(ham)

Download: Le Surréalisme, c’est moi!  Hommage an Salvador Dalí.

 

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