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Die Fotografieästhetik der Becher-Schule
Humboldt-Schriften zur Kunst- und Bildgeschichte XVII, hrsg. vom Institut für Kunst- und
Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin
Gebr. Mann Verlag, Berlin, 2012, ISBN 978-3-7861-2655-3, 255 S., 93 s/w-Abbildungen, 10
Farbtafeln, Klappenbroschur, Format 24 x 17,2 cm, € 49,–
Die von der Humboldt-Universität zu Berlin als Doktorarbeit angenommene Studie geht auf die
Rundgänge der Verfasserin in der Düsseldorfer Kunstakademie in den 1990-er Jahren zurück, in der
ihr neben der gestisch-figurativen Malereien in der Lüpertz-Klasse ein gleichbleibender Duktus, wenn
auch konträrer Natur, in der Becher-Klasse aufgefallen ist. „Hier dominierte die für das Werk von
Bernd und Hilla Becher typische distanziert beobachtende Perspektive, mit der Landschaften, urbane
Situationen und Porträts wiedergegeben wurden. Was sich auch als redundant und bereits gesehen
beschreiben ließe, begann mich als Phänomen zu interessieren. Ich wollte verstehen, was das für die
Schüler so offensichtlich Überzeugende, wenn nicht sogar Betörende an der formal ähnlichen
Bildästhetik ist“ (Maren Polte). Bernd Becher war 1976 auf die deutschlandweit erste Professur für
Fotografie an der Düsseldorfer Kunstakademie berufen worden. Zu seinen ersten Schülerinnen und
Schülern gehörten unter anderem Candida Höfer (1976-82), Axel Hütte (1976-81), Thomas Ruff
(1978-85), Thomas Struth (1976-80) und Andreas Gursky (1981-87). Später kamen unter anderem
Boris Becker und Jörg Sasse hinzu. Die Becher-Klasse widmete sich einem Medium, für das es noch
keinen Kunstmarkt gab und studierte bei einem Lehrer, „der seine eigene Arbeit nicht primär im
Kunstkontext situierte. Persönlich stellten sie sich damit einer Ungewissheit, was ihre künstlerischen
Perspektiven betraf. Dafür profitierten sie vom Möglichkeitsraum einer undefinierten Situation. … In
der unerschütterlichen Überzeugung, dass >>die spezifische Stärke der Fotografie in der ganz und gar
realistischen Wiedergabe von Welt<< liegt, wurde der Abbildcharakter des Mediums von den Bechers
nicht in Frage gestellt. Es gab keine formalen oder fotochemischen Experimente, um die Grenzen und
die Möglichkeiten des Mediums auszutarieren, sehr wohl aber einen reflektierten Umgang mit der
Frage der Abbildbarkeit. Thematisch erwartete Bernd Becher eine konsequente und ernsthafte
Auseinandersetzung mit möglichst einem Thema, an dem man sich abarbeiten konnte…. So
entstanden … die Porträts von Axel Hütte und Thomas Ruff oder auch die Innenraumbilder von
Candida Höfer… Ob sie ihre künstlerische Arbeit als Maler (Thomas Struth), als Fotograf (Andreas
Gursky), parallel zu einem wissenschaftlichen Studium (Alex Hütte) oder mit dem Umweg über die
Film-Klasse (Candida Höfer) begannen – sie verstanden sich als (angehende) freie Künstler“ (Maren
Polte). Zwischenzeitlich gilt die Becher-Schule wie die mit einem narrativ-historischen Ansatz
verbundene Leipziger Schule der Fotografie als Markenzeichen und wird zu Höchstpreisen gehandelt.
Andreas Gursky gilt als der weltweit höchst gehandelte Fotograf. Zu einzelnen Werkgruppen und zum
Werk der Becher-Schüler gibt es zahlreiche Studien. Dagegen ist die „Becher-Schule als
>>Marktführer<< und stilistisch formierende Einheit … vorderhand noch nicht zusammenhängend
erforscht“ (Maren Polte). Die vorliegende Arbeit sammelt „erste Anhaltspunkte zum Verständnis von
Kohärenz und Differenz der Bildsprache“ und diskutiert unter anderem die Entwicklung der
Bildrhetoriken der Becher-Schule, so den Wechsel zur Farbe, die Ausweitung des Formats, die
Konstruktion des Bildaufbaus und die Übergänge zwischen digitaler und analoger Abstraktion. Am
Schluss der Studie steht unter anderem die Einsicht, dass der unbeirrte Glaube des Lehrers an die
Abbildbarkeit von Realität, die hochgradig konstruierte, thematisch und stilistisch geschlossene
Bildarchitektur und die theoretischen Maßgaben Bernd Bechers in der Klasse eine Art Modell-
Curriculum konstituierten, „dessen Strenge einerseits faszinierte, andererseits eine reine Adaption von
vornherein ausschloss. So war das Werk Ausgangspunkt und Anregung für die folgenden
Generationen und damit tatsächlich die metaphorisch überstrapazierte >>Keimzelle<<. In dieser
traditionsstiftenden Funktion war die Becher-Klasse mindestens so erfolgreich wie die radikal libertäre
Künstler-Pädagogik des anderen großen Akademie-Lehrers Joseph Beuys. Dass daraus ein
gemeinschaftlicher, auf die Lehrer zurückwirkender Erfolg werden konnte, lag auch daran, dass sich
die einzelnen Künstler nicht allein behaupten mussten. Als Gruppe gelang es ihnen, mit einer gewissen
Massivität eine mit deutscher Fotografie bereits früher assoziierte Ästhetik zu erneuern und zu
retablieren. Voraussetzung dafür war eine Konstellation, in der die Fotografie auf dem Umweg über
Amerika als eigenständiges Kunstmedium anerkannt wurde… Der wesentliche Schritt über die
Ästhetik der Lehrer hinaus war der … Abschied der Schüler-Generation von einer rein reproduktiven
Erfassung der Welt. Sie begannen, den Wert und den Gebrauch der Fotografie in ihrem Werk
mitzureflektieren und systematisch auszuloten, welche Möglichkeiten dem künstlerischen Bild in einer
Welt von Bildern noch bleiben – oder ob es sogar neue hinzugewinnen kann. Dabei bildeten sich
ästhetische Prinzipien und Präferenzen heraus, die vor allem gemeint sind, wo der Begriff Becher-
Schule …Verwendung findet. Wesentlich waren dabei die Annäherung der Formate und der
Konstruktionsverfahren an die Malerei“ (Maren Polte).
(ham)

Download: Maren Polte – Klasse Bilder

 

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