Patmos Verlag, Ostfildern, 2019, ISBN 978-3-8436-1123-7, 208 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Format 22,5 x 14,5 cm, € 19,00 (D) / € 19,60 (A)

Michael Blume wurde 2005 an der Universität Tübingen bei Günther Kehrer mit dem Thema Neurotheologie – Chancen und Grenzen aus religionswissenschaftlicher Perspektive promoviert. Gleich am Anfang seiner Berufslaufbahn der Grundsatzabteilung des Staatsministeriums Baden-Württemberg hat ihn Ministerpräsident Günther Oettinger nach dem Fund eines Massengrabs jüdischer KZ-Opfer am inzwischen US-amerikanischen Militärflughafen mit der Moderation beauftragt. Der schwierige, sehr komplexe, aber letztlich erfolgreiche Verhandlungsprozess konnte im Dezember 2005 mit einer würdevollen Wiederbestattung der 34 Mordopfer abgeschlossen werden. „Die Grabrede hielt der einstige aschkenasische Oberrabbiner Israels, Meïr Lau, …ein KZ-Überlebender. Er rief dazu auf, die Schoah nie zu vergessen und allen neuen Formen des Antisemitismus zu widerstehen. So wünschte er, der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad möge ›diese Gräber sehen und verstehen!‹. Lau benannte die NS-Täter und die Taten, sprach aber auch von jenen wenigen Deutschen, die gegenüber den Verfolgten Barmherzigkeit geübt hatten. Und plötzlich wandte er sich uns Heutigen zu und rief: ›Es gibt eine neue Generation und ein neues Denken, und wir sind zur alten Freundschaft zurückgekehrt“ (Michael Blume S. 14). 

Die Moderation und dieser Ausgang dürfte einer der Gründe gewesen sein, dass er in den Folgejahren neben seiner Zuständigkeit für den Dialog mit den Muslimen auch die für das Judentum und weitere religiöse und ethnische Gruppen übertragen bekam. Im März 2018 ist er von Ministerpräsident Winfried Kretschmann zum Antisemitismusbeauftragten für Baden-Württemberg ernannt worden.

2015 war Blume erneut an Massengräbern gestanden, diesmal an den Gräbern von yezidischen Männern, Frauen und Kindern, die von Soldaten des IS unter dem Vorwurf ermordet worden waren, sie seien Verbündete des Teufels, der Amerikaner und der Juden. Was den arabischen Islamismus und den deutschen Nationalsozialismus verband und „bis heute verbindet, ist der Antisemitismus – der Glaube an eine jüdisch bestimmte Weltverschwörung, gegen die man sich mit Gewalt ›verteidigen‹ müsse. Obwohl die Araber in der rassistischen Ideologie der Nazis selbst als ›Semiten‹ galten (worauf sich viele von ihnen bis heute als vermeintliches Gegenargument zum Antisemitismus berufen), gelang dem NS-Regime der Schulterschluss mit dem Jerusalemer Großmufti Mohammed Amin Al-Husseini und die Anwerbung Abertausender muslimischer Mitkämpfer gegen die vermeintliche Weltverschwörung aus Juden, Briten und US-Amerikanern. Angesichts der antisemitischen Mord- und Todeslust … fühlte ich mich an Hannah Arendt erinnert. Sie hatte über die Gefahr des Antisemitismus geschrieben, wie er auch heutige Antisemiten sowohl rechts- und linksradikaler wie vor allem auch islamistischer Herkunft antreibt: ›Die Nazipropaganda verwandelt die Fabel einer jüdischen Weltverschwörung aus einer objektiv debattierbaren Lüge in das zentrale Element einer totalitären Wirklichkeit: Die Nazis handelten wirklich so, als ob die Welt von Juden beherrscht sei und einer Gegenverschwörung bedürfe, um gerettet zu werden‹“ (Michael Blume / Hannah Arendt S. 18).

Den in den letzten Jahren in den neuen Medien hochkochenden antisemitischen Verschwörungsmythen ist auch seine Publikation gewidmet. Verschwörungsmythen setzen die Existenz „übermenschlich begabter Superverschwörer – z. B. von ›Hexen‹, ›Illuminaten‹, ›Weisen von Zion‹ etc. – voraus und erklären negative Überprüfungsergebnisse wieder als Teil der Weltverschwörung. Verschwörungsmythen wenden sich daher fast immer auch gegen die Institutionen des Rechtsstaates, der Menschenrechte und der Wissenschaften. Da Verschwörungsmythen wie andere Mythen historisch und kulturell tradiert werden, mündet ihre Systematisierung inzwischen global in den Antisemitismus … [Der] Antisemitismus [verkündet] die Weltherrschaft einer bösen Superverschwörung mit jüdischen und nichtjüdischen Beteiligten. Im Gegensatz zu real existierenden und aufklärbaren Verschwörungen handelt es sich hierbei um einen Verschwörungsmythos, der von übermenschlich begabten überempirischen Akteuren ausgeht, die seit Jahrhunderten vorausplanend, abgestimmt und Kontinente übergreifend aktiv sein soll“ (Michael Blume S. 182 f.).

Real nachvollziehbar ist dagegen die jüdische Überlieferung, dass Sem, der Sohn Noahs, die Tradition der ›semitischen‹ Schriftreligion begründet hat, aus der u. a. das Judentum, das Christentum und der Islam entstanden sind. Das Judentum hat seine Mythen nach dem Verlust des Jerusalemer Tempels im babylonischen Exil zu verschriftlichen begonnen, ist damit vom Tempelkult unabhängig geworden und konnte so seine Traditionen durch die Weitergabe an die jeweils nächsten Generation in der ganzen Welt bewahren. Ausgangspunkt ist das auf nur 22 einfach zu lernenden Konsonanten aufbauende linksläufige und unvokalisierte Althebräisch. Althebräisch bleibt, weil es ohne Vokale geschrieben wird, mehrdeutig. Deshalb verlangt es den Streit um die richtige Auslegung und damit Bildung. Im weiteren Sinn und auf lange Sicht hat es eine reichhaltige Kultur hervorgebracht. So stammen überproportional viele Nobelpreisträger aus dem Judentum. Semitismus hat also nichts mit ›Rassen‹ zu tun, sondern mit der Verwendung von Alphabetschriften für Religion und Recht. 

Adolf Hitler hat dagegen die kulturbildende Kraft des Judentums vehement bestritten: „›Nein, der Jude besitzt keine irgendwie kulturbildende Kraft‹“ (Adolf Hitler, ›Mein Kampf‹,1925, zitiert nach Michael Blume S. 166). „›Ich weiß, dass man Menschen weniger durch das geschriebene Wort als durch das gesprochene zu gewinnen vermag, dass jede große Bewegung auf dieser Erde ihr Wachsen den großen Rednern und nicht den großen Schreibern verdankt‹“ (Adolf Hitler im Vorwort von ›Mein Kampf‹, Band 1, 1925. A. a. O. S. 113). Der Antisemitismus stützt sich primär auf das Medium der populistischen Rede und der Mythen einer Weltverschwörung. Er radikalisiert sich immer noch: 

„Zuerst kam es nur zu einem Anstieg antisemitischer Beschimpfungen und Verschwörungsmythen im Internet. Deutsche »Reichsbürger«, arabische und osteuropäische Antisemiten wurden lange kaum ernst genommen. Doch nun schwappt die Gewalt aus dem Netz auf die Straße. Es werden gar nicht unbedingt mehr Antisemiten – aber die, die es gibt, radikalisieren sich in hasserfüllten Netzblasen. Der Anstieg ist leider noch nicht vorbei“ (Michael Blume über Antisemitismus und antisemitische Verschwörungsmythen in https://www.verlagsgruppe-patmos.de/lebe-gut/michael-blume-ueber-antisemitismus). Wenn man Blume fragt, was gegen Antisemitismus hilft, antwortet er: „Nur Wissen und Herzensbildung. Wenn Menschen verstanden haben, wie die Psychologie von Verschwörungsmythen funktioniert, werden sie immun“. (Michael Blume a. a. O.).

ham, 21. Juni 2021

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