Die vollständige Übersetzung des Reports ›Global Trends. Paradox of Progress‹ des NIC vom Januar 2017. Aus dem Englischen von Christoph Bausum, Enrico Heinemann und Karin Schuler

C.H.Beck Paperback, Verlag C.H.Geck, München, erschienen am 19. September 2017, 3. Auflage 2018, 

ISBN 978-3-406-71446-7, 318 Seiten, 18 Grafiken, Klappenbroschur, Format 20,5 x 12,5 cm,

€ 14,95 (D) / € 15,49 (A) 

In der Tradition hat man versucht, durch Träume, Visionen und die Interpretation heiliger Schriften in die Zukunft zu blicken. Nach 1. Mose 41, 1 – 35 hat der Pharao von sieben fetten und sieben mageren Kühen geträumt, die aus dem Wasser des Nils steigen. Josef deutet den Traum, sagt eine bevorstehende Trockenzeit voraus und kann Ägypten vor einer Hungerkatastrophe bewahren. Der von Nebukadnezars Truppen nach Babylon verschleppte Daniel sieht in seinen Visionen – so in der vom Löwen mit den Adlerflügeln, vom Bären mit den drei Rippen zwischen den Zähnen, vom Panther mit vier Flügeln auf dem Rücken, vom Tier mit eisernen Zähnen und zehn Hörner und in der vom Menschensohn – das Ende des Seleukiden Antiochus IV., den Beginn der Endzeit und die Auferstehung der gerechten Juden voraus (Daniel 7 – 12). Der Seher Johannes bezeugt nach seiner Himmelsreise die bevorstehende Erscheinung der apokalyptischen Reiter (Offenbarung 6, 1 – 8), den Kampf Michaels und der himmlischen Heerscharen mit dem Drachen (Offenbarung 12, 1 – 9), den Fall Babylons (Offenbarung 18), das Weltgericht, einen neuen Himmel, eine neue Erde und das neue Jerusalem (Offenbarung 20, 11 – 22,5). Die intensive Beschäftigung mit apokalyptischen Traditionen hat im 12. Jahrhundert den italienischen Abt Joachim von Fiore und in der Zeit der Reformation Thomas Müntzer und die Wiedertäufer von Münster zur Überzeugung geführt, dass sich die Zukunft und Gottes Plan mit Kirche und Welt mit der Bibel in der Hand voraussagen lässt. 

Auch der im Januar 2017 erschienene Bericht ›Global Trends. Paradox of Progress‹ des National Intelligence Council will „die Zukunft auf den Punkt bringen“ (S. 14). Die Vorgehensweise und die Mittel haben sich geändert; aber der Impetus, vorhandene Unsicherheiten und Ängste durch die Projektion von Bildern und  Szenarien auf die Zukunft so weit als möglich auszuschließen, ist derselbe geblieben.

Die aus Aussagen von über 250 Experten aus mehr als 35 Ländern extrahierte und dem Präsidenten von Amerika und der interessierten Öffentlichkeit vorgelegte Studie sieht die Gegenwart von der Paradoxie des Fortschritts bestimmt und fasst sie in der Schlüsselthese zusammen, dass die sich wandelnde Natur der Macht den Stress sowohl innerhalb von Staaten als auch zwischen verschiedenen Ländern in den nächsten 20 Jahren erhöhen und sich erschwerend auf transnationale Probleme auswirken wird. Damit sagen die Autoren nichts voraus, was man nicht jetzt schon wissen könnte. Sie schreiben nur fort, was jetzt schon jeden Einzelnen, die Gesellschaft insgesamt und auch ihre Teilbereiche Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Technik, Kultur bestimmt. Was die Jahre 2022 und 2035 grundieren und prägen wird, muss nicht mehr durch Traumdeutung, Visionen, Himmelsreisen und die Beschäftigung mit prophetischen Schriften aufgedeckt werden; es liegt offen auf der Hand. Die Zukunft liegt nicht mehr wie bei Joachim von Fiore, Thomas Müntzer und den Täufern in Gottes Hand, sondern in der Hand der Menschen. 

Nach dem NIC ist heute und in den Jahren bis 2035 mit sieben Megatrends zu rechnen:

  1. Die arbeitsfähige Bevölkerung in den wohlhabenden Staaten des Nordens, in Russland und in China schrumpft, während sie im Süden weiterhin wächst. Die Reichen altern, die Armen nicht. Herfried Münkler fasst die Argumentation wie folgt zusammen: Bei steigenden Ausgaben für das Gesundheitssystem werden im Norden die Innovationsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft schrumpfen sowie die Zukunftsinvestitionen infolge sinkender Staatseinnahmen zurückgehen, während sich eine abnehmende Erwerbsbevölkerung mit den Kosten des Sozialstaates abmühen wird. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird sich infolgedessen weiter vergrößern, ebenso die politische Polarisierung der Gesellschaft. Im Süden wird die Armutsbekämpfung stagnieren und eine unzufriedene Mittelschicht für politische Instabilität sorgen. Es wird darum mit wachsendem Migrationsdruck von Süden nach Norden zu rechnen sein (vergleiche dazu Herfried Münkler in der FAZ vom 21.01.2018 zum besprochenen Bericht).
  2. Bei schwachem Wachstum der Weltwirtschaft verlagern sich die dynamischen Zentren der globalen Ökonomie nach Ost- und Südostasien. Damit geraten die Mittelschichten zunehmend unter Druck.
  3. Die Geschwindigkeit von Innovationen in den Bereichen synthetische Biologie, Genome Editing, KI und die Entwicklung neuer Werkstoffe und Fertigungstechniken beschleunigt sich, ruft aber auch Konflikte wie die über die Rechte am geistigen Eigentum hervor.
  4. Eine stärker verbundene Welt wird ihre Differenzen um Ideen und Identitäten weiterhin eher vergrößern als verkleinern. Der Populismus hat seinen Zenit noch nicht erreicht. Der Nationalismus wird in China, Russland, der Türkei und anderen Ländern, in denen Führer versuchen, ihre Macht durch die  Eliminierung innenpolitischer Konkurrenz zu konsolidieren, eine große Rolle spielen. Die religiöse Identität bleibt ein starkes Bindemittel, weil Menschen in Zeiten starken Wandels nach einem Gefühl von Identität und Zugehörigkeit suchen.
  5. Das Regieren wird sehr viel schwieriger sein als früher.
  6. Das Wesen und das Risiko von Konflikten, einschließlich zwischenstaatlicher, nimmt in den nächsten 20 Jahren zu.
  7. Der Klimawandel, Umweltkonflikte und die weltweite Verbreitung von Infektionskrankheiten stellen ernsthafte, bisher nicht beherrschbare Gefahren dar. 

„Zusammen werden diese globalen Trends das Regieren erschweren und dabei neu definieren, was es bedeutet, Macht auszuüben. Die Zahl und Komplexität der Themen, die die Handlungsreichweite einer einzelnen Gemeinde oder eines Staates übersteigen, nimmt zu […]. Fragen, die früher nur langfristig gestellt wurden, bringen immer häufiger auch kurzfristige Auswirkungen mit sich […]. Die Trends in Wirtschaft, Technologie und Sicherheitspolitik sorgen dafür, dass es immer mehr Staaten gibt, die geopolitischen Einfluss ausüben können. Damit geht die unipolare Periode im Gefolge des Kalten Krieges zu Ende […]. Technologie und größerer Wohlstand versetzen Individuen und kleine Gruppen in die Lage, auf eine Weise zu handeln, die früher allein Staaten vorbehalten war – und damit die etablierten Muster von politischer Führung und Konflikt grundlegend zu verändern […]“ (S. 59 ff.).

Drei Szenarien deuten an, was die Zukunft bringen könnte: Das Insel-Szenario beschreibt eine mögliche Neustrukturierung der Weltwirtschaft aus liberaler und westlicher Sicht. Das Szenario der Orbits geht von einer Welt konkurrierender Großmächte, zunehmender Nationalismen, veränderter Konfliktmuster, revolutionärer Techniken und der nachlassenden Bereitschaft zu globaler Zusammenarbeit aus. Und das Szenario der Communities durchdenkt den möglichen Einfluss privater Entscheidungsträger, kommunaler Verantwortlicher, NGOs und zivilgesellschaftlicher Gruppen auf dezentralisierte politische Entscheidungsprozesse. 

Aber man sollte sich bei aller Begeisterung für diese oder andere denkbare Szenarien klar machen, dass sie nur verraten, „was sein könnte“, aber nicht, „was wird“ (Hannoversche Allgemeine am 13. Januar 2018). Wer Megatrends in die Zukunft fortschreibt, bleibt in der Gegenwart. Was kommt, bleibt auch im 21. Jahrhundert offen.

ham, 3. Juli 2019

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