Fotografien von Georg Aerni; Essays von Jacques Cordonier und Nora Gomringer

Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, ISBN 978-3-85881-622-1, 128 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Klappenbroschur, Format 22 x 16,3 cm, € 38,00

Franz Bernhard hat 1997 geschrieben, dass man fast überall ausstellen kann, als er um ein Statement zum zehnjährigen Jubiläum der Ausstellungen im Hospitalhof und in der Hospitalkirche Stuttgart gebeten wurde: „Ausstellen kann man fast überall, in einem Kaufhaus, links oder rechts neben einer Straße, auf einem offenen Lastwagen – also auch im Hospitalhof Stuttgart“ (Franz Bernhard). Der 1934 in Neuhäuser, Tschechoslowakei geborene und 2013 in Jockgrim in der Pfalz verstorbene deutsche Bildhauer hat sich 1972 zusammen mit seiner Frau Lucia für die Erarbeitung und Weiterentwicklung seines Werks in einen abgeschirmten Hof, eine in eine Scheune eingebaute Werkstatt und einen Garten im ländlichen Jockgrim im Landkreis Germersheim zurückgezogen. 1977 war er Teilnehmer an der documenta 6, 1994 bis 2001 erster Vorsitzender des Künstlerbundes Baden-Württemberg und von 1990 bis 1992 Mitglied der Akademie der Künste Berlin.

Wenn man andere Künstler fragt, wann sie ihre Ideen entwickeln und wo sie arbeiten, sagen die einen zwischen 8 und 17 Uhr in meinem Atelier, die anderen auf Reisen im Intercity und wieder andere wie die Dichterin und Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia im Bamberg Nora Gomringer nachts. „Ich schreibe gerne nachts, wenn ich nach einer Laufrunde am Schreibtisch ausschwitze. Kein schönes Bild von einer Dichterin, aber ein wahres. Am Morgen schlafe ich aus, sehe stundenlang Netflix, beantworte E-Mails und kritzle in einem Straßencafé in mein Tagebuch. Nachts dann das Laufen, das Schreiben, das Lesen und auch das Singen und Proben mit den Musikern, sonntags ein Gottesdienstbesuch im fremden Land und gerne der Einkauf in Lebensmittelläden, damit man versteht, was dort im wahrsten Sinne Leib und Leben zusammenhält“ (Nora Gomringer, Das kondensierte Leben. In: Domizile S. 105). 

Die in Zürich lebende freischaffende Kulturmanagerin und stellvertretende Generalsekretärin des Migros-Genossenschafts-Bundes Nicole Hess geht wie Bernhard davon aus, dass Ideen für das künstlerische Schaffen im Alltag entstehen, aber einen Rückzugsort brauchen, an dem sie ausgearbeitet werden und ihre gültige Form finden können. Deshalb sind für sie Rückzugsorte wie die Fondation Jan Michalski in Montricher (VD / vergleiche dazu http://www.fondation-janmichalski.com/en/fondation/), das Künstlerhaus Boswil (AG / vergleiche dazu http://www.kuenstlerhausboswil.ch/home.html und https://www.google.de/search?q=k%C3%BCnstlerhaus+boswil&tbm=isch&source=univ&sa=X&ved=2ahUKEwjx5prNkfPiAhX-xMQBHd-IDpsQsAR6BAgEEAE&biw=1649&bih=904), die Villa Sträuli in Winterthur (ZH / vergleiche dazu https://www.villastraeuli.ch und https://www.google.de/search?q=villa+str%C3%A4uli+winterthur&tbm=isch&source=univ&sa=X&ved=2ahUKEwjtg8jDkvPiAhVdysQBHbLhD4AQsAR6BAgAEAE&

biw=1649&bih=904) und https://www.villastraeuli.ch/de/das-haus ) und die Ferme-Asile in Sion (VS / vergleiche dazu etwa http://www.ferme-asile.ch) willkommene Drehscheiben der Kunstproduktion- und Vermittlung. Sie bieten Künstlerinnen und Künstlern verschiedenster Sparten die für ihre Arbeit wichtige Infrastruktur auf Zeit und machen den Austausch mit anderen Künstlern möglich, wenn er denn erwünscht ist. Hess porträtiert 30 Schweizer Domizile auf Zeit, erinnert an ihre Gründer und informiert über die jeweiligen Bewerbungsmodalitäten. 

So wendet sich die Fondation Jan Mikchalski an Schriftsteller, Übersetzerinnen sowie Autoren experimenteller Formen aus dem internationalen Kontext und der Schweiz, die sich für einen Aufenthalt von einem bis sechs Monate bewerben. Sie logieren in Wohneinheiten. Inbegriffen sind ein tägliches Mittagessen und ein Stipendium von 1200 Franken pro Monat. Bewerbungsfrist ist jeweils der 31. August. Das dem Band beigegebene Register aller vorgestellten Domizile und die dort bis hin zu den Telefonnummern, den Web- und den E-Mail-Adressen aufgelisteten Kontaktdaten erleichtern die Kontaktaufnahme und die Bewerbung.

ham, 18. Juni 2019

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