Über das Altern
Hrsg. von Franz Josef Wetz
Reclam Taschenbuch Nr. 20278
Philipp Reclam jun., Stuttgart, 2013, ISBN 978-3-15-020278-4, 98 S., Paperback, Format 18,9 x 11,9
cm, € 8,95
Odo Marquard gilt seit seiner in seiner Doktorarbeit und in seiner Habilitation vertretenen
Verabschiedung des Transzendenten und des Absoluten als Philosoph der Kompensationen. Hans
Josef Wetz hat ihn in einem Gespräch aus Anlass seines 85. Geburtstags auf den möglichen
Zusammenhang zwischen der Überalterung der Gesellschaft und dem Jugendkult bis ins höhere Alter
angesprochen und gefragt, ob wir uns nicht überfordern, wenn wir ein Leben lang fit, jung,
leistungsstark, stets offen für das Neue und jugendlich bis ins reife Alter bleiben wollen. In seiner
Antwort macht Marquard die kompensatorischen Formen der Langsamkeit stark: „In Ihrer Frage
heben Sie einseitig die Schnelligkeit der modernen Welt hervor, vernachlässigen aber die vielfältigen
Formen der Langsamkeit, die es uns ermöglichen, selbst mit der heutigen Schnelllebigkeit
fertigzuwerden. Die traditionsneutrale Technik, Medizin und Wirtschaft sind das eine; die Künste,
Traditionen, der aufs Bewahren und Erinnern fixierte historische Sinn, aber auch die Verklärungen der
uns umgebenden Natur sind die andere Seite. Mit anderen Worten: Es gibt eine Reihe von
Kompensationen des hohen Tempos in der Konsum- und Wirtschaftswelt. Selbst die Jugendkultur, in
der eine ungeheure Geschwindigkeit vorherrscht, kennt den Urlaub vom Feiern – das Flanieren,
Chillen, wie man wohl neudeutsch sagt. Daher bin ich nicht sicher, ob wir uns wirklich mit unserer
heutigen Lebensweise überfordern, die bekanntlich zahlreiche Vorzüge besitzt, weil sich … fast
immer wieder Formen der Langsamkeit, Ruhe, Besinnung bilden“ (Odo Marquard). Marquard kann
sich deshalb auch vom Prinzipiellen verabschieden. „Hiernach gibt es nur den von unverfügbaren
Vorgaben geprägten, in Geschichten verstrickten, sterblichen Menschen. Dieser muss zwar sein Leben
selbst führen, bleibt aber auf bewährte Traditionen angewiesen, die ihm Halt und Orientierung bieten.
Hierbei nehmen die Geisteswissenschaften eine wichtige Aufgabe wahr: Sie dienen der Orientierung
und Stabilisierung des gefährdeten Menschen … (und) haben nicht nur eine deskriptiv-theoretische,
sondern auch eine ethisch-praktische Funktion“ (Franz Josef Wetz). Dazu kommt die von Marquard
begrüßte lebensweltliche Buntheit, seine Absage an jede Art von Totalitarismus und den Zwang, sich
für den individuell „eingeschlagenen Lebensweg dauernd rechtfertigen zu müssen“ (Franz Josef
Wetz). Am Ende eines Lebens könnte die „Einwilligung in das Zufällige“ und die Einsicht stehen,
dass jeder mit der „sterblichkeitsbedingten Lebenskürze“ rechnen muss: „Wir leben einfach nicht
lange genug, um dem, was wir schon sind, beliebig weit zu entkommen und um unser Leben durch
Wahl nach absoluten Prinzipien total einzurichten: Unser Tod ist schneller als diese autonomprinzipielle
Absolutmachung unseres Lebens“ (Odo Marquard).
Der schmale Band versammelt Marquards wichtigste Texte zum Thema Alter aus den letzten 30
Jahren zusammen und fügt das Interview ‚Das Alter – mehr Ende als Ziel‘ hinzu, das Franz Josef
Wetz mit dem Philosophen geführt hat. Auf die Frage nach dem Trost der Religion und ihrem Sitz im
Leben antwortet Marquard unter anderem: „Ich nehme die christliche Religion ernst, und vermutlich
ist der religiöse Zuspruch der einzige Trost, den es gibt. Dies zu glauben liegt nahe, weil meine Frau –
eine Pfarrerstochter – praktizierende Christin ist, die zudem im Kirchenchor singt. Vom Elternhaus her
habe ich hingegen nur wenig Glaubenspraxis erfahren. Auch in der Schülerschaft meines Lehrers
Joachim Ritter gehörte ich bei den gläubigen Kommilitonen wie Karlfried Gründer und Robert
Spaemann zu den Außenseitern. Mittlerweise habe ich ziemliche Schwierigkeiten mit der christlichen
Glaubenslehre. Am meisten Kopfzerbrechen bereitet mir die Theodizee. Ich habe nichts gegen
Religion und Kirche. Ich mache nur nicht sonderlich viel mit. Ihre Botschaften trösten mich nicht.
Deren Verheißungen bieten mir zu wenig Trost. Ein kleiner Ersatz für den religiösen Trost ist für mich
der Schlaf… Im Grunde genommen bin ich zu faul für religiösen Trost… Mein Leben wird ein
Fragment bleiben. Es wird wieder im Diesseits noch im Jenseits vollendet. Es ist überhaupt nicht
Vollendung, sondern einfach nur bald am Ende, aber nicht am Ziel!“ (Odo Marquard)
(ham), 20.03.2013

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