Publikation zu den Ausstellungen vom 21. 2. bis 10. 4. 2016 im Neuen Kunstverein Aschaffenburg,
vom 7. 5. bis 10. 7. 2016 im Kunstverein Konstanz, vom 18. 9. bis 20. 11. 2016 im Kunsthaus Interlaken
und vom 26. 2. bis 30. 4. 2017 im Kunst❲Zeug❳Haus Rapperswil-Jona

Kontur. Kunstverein Stuttgart und Kunst(Zeug)Haus, Rapperswil-Jona. Texte von Adrienne Braun, Anja
Gubelmann, Dietrich Heißenbüttel, Jan Janssen, Michael Matthiass, Raimund Menges, Annemarie Pieper,
Peter Stohler, Wiebke Trunk und Nina Wolfensberger, Fotografien von Lutz Sternstein u. a. und Arbeiten
von Anna Anders, Berlin, Klaudia Dietewich, Stuttgart, Glaser / Kunz, Zürich, Frantiček Klossner, Bern,
Mareike Lee, Berlin, maboart (Basel / Reinach), Victorine Müller (Zürich) und Nicolai Rapp, Stuttgart

modo Verlag, Freiburg i. Br., 2017, ISBN 978-86833-210-0, 144 Seiten, 90 Farbabbildungen, Flexcover,
Fadenheftung, Format 24 x 17,5 cm, € 24,00 / SFR 28,00

Die in den Urgeschichten der Menschheit erzählten Kosmogonien und Anthropogenien sprechen allesamt
davon, dass sich der Mensch nicht in vorgegebene Grenzen einhegen lassen will. Er will wissen, welche
Grenzen er überschreiten, wie weit er gehen und wohin er kommen kann. Gleichwohl hat sich unter anderem
die jüdisch-christliche Tradition dafür ausgesprochen, dass die Grenzen zwischen Chaos und Ordnung, Gott
und Mensch, Himmel und Erde, gut und böse eingehalten und das Lebensrecht aller Menschen beachtet
werden sollen. Das Doppelgebot der Gottes- und Menschenliebe kann dabei helfen: „Ich bin der Herr, Dein
Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir“. Und: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Die
auf den ersten Seiten der Bibel erzählte Urgeschichte will zeigen, dass beim Überschreiten dieser Grenzen
unter anderem der Brudermord, die Sintflut und die Verwirrung der Sprachen drohen.

Die zum länderübergreifenden Ausstellungsprojekt mit acht Künstlern aus Deutschland und der Schweiz
erschienene Publikation in_visible limits nähert sich dem Thema nicht aus mythischer, sondern aus
kunstgeschichtlicher, historisch-politischer, gesellschaftspolitischer, theologischer und natürlich auch aus
ästhetischer Perspektive an: Die heute an der Universität der Künste in Berlin lehrende Anna Anders hatte
schon 1993 in ihrem Video Cut, Cut, Cut – kurz + schmerzlos III deutlich gemacht, dass hart gesetzte
Schnitte im Kunstkontext nicht nur in Montage- und Collageverfahren, sondern auch bei Grenzziehungen
Verwendung finden (vergleiche dazu http://www.anna-anders.de/de/video/cut-cut-cut-iii-short-painless-iii).
In ihrer Videoprojektion Intruders, 2016, 12.01 Min. Loop drängen sich adrett gekleidete junge Menschen
vom Bildrand her ins Videobild, gelangen aber nicht ins Bildinnere und bleiben ausgeschlossen. Die
Anstrengungen der jungen Leute „wird mit der Zeit spürbar, die Frustration ebenfalls“ (Anja Gubelmann,
Peter Stohler, Nina Wolfensberger S. 15). Es bleibt offen, ob man an die 800 000 Flüchtlinge, die 2015 nach
Deutschland kommen wollten und Angela Merkels Satz vom 31. August 2015 „Wir schaffen das“ denken
soll oder nicht.

Die 1961 in Grenchen geborene und heute in Zürich lebende Performerin und Fotografin Victorine Müller
erweitert die Grenzen des menschlichen Körpers um eine Art zweite, durchsichtige Folienhaut in der Form
von überlebensgroßen Elefanten, Schlangen, Vögeln, Kraken und Walen, erinnert damit an Erzählungen wie
die von Jona im Bauch des Walfischs ebenso wie an embryonale Urerfahrungen und baut an utopischen
Bildwelten, die die Herrschaft der Menschen über die Tiere hinter sich gelassen haben
(vergleiche dazu https://www.google.de/search?
q=victorine+m%C3%BCller&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&sqi=2&ved=0ahUKEwjq7MDVgo3U
AhVCOBQKHXkSDRUQsAQIKA&biw=1656&bih=936). Der 1983 in Filderstadt geborene Nicolai Rapp
zeigt in seiner beeindruckenden Serie von Fotoportraits mit dem Titel C6H6O2 (2014, #1 bis #6) Menschen
mit dunkler Hautfarbe, deren Gesichter mit einer weißen Flüssigkeit übermalt sind, „ zum Teil bis zur
Unkenntlichkeit. Die Farbe, teilweise bloß als semi-transparente Lasur aufgetragen, verdichtet sich an
anderen Stellen zu weißen Flecken, die an den geballten Stellen Bruchlinien aufweisen. Der durchdringende
Blick macht den Betrachter betroffen. Die weiße Farbe entstellt die Gesichter, macht sie unkenntlich und
raubt Ihnen die persönliche Ausdrucksfähigkeit. Einmal klafft anstelle der Nase ein weißes Loch. Auf einem
anderen Porträt frisst sich die säureähnliche Flüssigkeit durch das eine Auge durch. Die Gesichter wirken
zerfurcht, verletzt, entstellt. […]. Wo kommen die Personen her, was ist der Kontext, was sagen sie uns? Die
Titel der Werke geben Auskunft über Rapps Auseinandersetzung mit Missständen, die ihm während seines
Aufenthalts in Ghana begegnet sind. C6H6O2 bezeichnet eine Chemikalie, die als Bleichmittel in
Hautcremes enthalten ist. Die Chemikalie bewirkt, dass die oberste Hautschicht und damit die
melaninhaltigen Zellen absterben, und sie verhindern weiter, dass neues Melanin gebildet werden
kann“ (Anja Gubelmann, Peter Stohler, Nina Wolfensberger S. 19; vergleiche dazu https://www.google.de/
search?
q=victorine+m%C3%BCller&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&sqi=2&ved=0ahUKEwjq7MDVgo3U
AhVCOBQKHXkSDRUQsAQIKA&biw=1656&bih=936#tbm=isch&q=nicolai+rapp+fotografie+C6H6O2
&imgrc=BIFvSi6JWhoeWM:). Unter den weiteren Beiträgern bringt Klaudia Dietewich geflickte
Glasscheiben aus dem Kunstmuseum Stuttgart ins Bild; Frantiček Klossner betreibt eine Art experimentelle
Forschung an „menschlichen Aggregatzuständen“ in Lebenszyklen und Glaser / Kunz (Daniela Glaser und
Michael Kunz) lassen in ihrer kinematographischen Skulptur Ich lebe! von 2016 eine Frau aus einer „toten“
Skulptur heraus- und wieder in sie zurücktreten.

ham, 26. Mai 2017

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