Aug 18

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 24.03. – 01.07.2018 in der Kunsthalle Tübingen, herausgegeben
von Nicole Fritz mit einer Einleitung der Herausgeberin und einem Essay von Kristina Groß

Kunsthalle Tübingen / Kerber Verlag Bielefeld/Berlin, 2018, ISBN 978-3-7356-0465-1, 128 Seiten, 59
farbige und 12 schwarzweiße Abbildungen, Hardcover gebunden. Das Buch ist in drei unterschiedlichen
Einbänden erschienen. Format 27,5 x 21,5 cm, € 38,00 / CHF 46,66

Die mit Spannung erwartete erste, von Nicole Fritz unter der Assistenz von Kristina Groß in der Kunsthalle
Tübingen kuratierte Ausstellung ›Sexy and cool‹ hat mit Arbeiten von Eva Hesse und Franz Erhard Walther
an die 1970er Jahre angeknüpft, in denen Walthers Auftritt in der Kunsthalle noch als Skandal empfunden
worden ist und zur Gründung einer Bürgerinitiative gegen den Missbrauch der Kunsthalle geführt hat.
Walther und Hesse gelten heute als Vertreter des Postminimalismus. Sie haben ihre Werke um haptische
Materialien und körperlich-prozesshafte Ansätze erweitert und anders als die Pioniere des Minimalismus
Donald Judd, Dan Flavin, Carl Andre, Sol LeWitt und Robert Morris eine künstlerische Sensibilität
zugelassen, die auf den Betrachter überspringt. Genau darauf spielt auch der Untertitel der Ausstellung
›Minimal goes Emotional‹ an: Gezeigt wurden 21 Positionen, sie sich formal und konzeptuell auf die
Ansätze der Minimal Art beziehen, sie jedoch um sensuell-körperliche und emotionale Ebenen erweitern.

In der Ausstellung war diese Erweiterung unter anderem in Sylvie Fleurys Video ›Walking an Carl Andre‹,
1997, 40 Minuten, (vergleiche dazu https://landmarks.utexas.edu/event/landmarks-video-presents-walkingcarl-
andre-sylvie-fleury-0) mit Händen zu greifen, in dem die Künstlerin Frauen in hochhackigen Schuhen
über Bodenplatten von Andre spazieren lässt, oder in ihrer Wandskulptur ›Eternal Wow on Shelves (gold),
2008, die mit ihren sieben in gleichem Abstand zueinander senkrecht an der Wand angebrachten rechteckigen
silberglänzenden Quadern an Donald Judd erinnern, deren exakte Kanten aber durch eine golden anmutende
organische Masse gebrochen sind (vergleiche dazu die parallele Arbeit https://www.phillips.com/detail/
SYLVIE-FLEURY/NY010213/28?fromSearch=Sylvie%20fleury&searchPage=1). Auch Mariella Mosler
knüpft an Carl Andre an, wenn sie in stundenlanger Handarbeit ein gefurchtes Feld aus schwarzblau
glänzendem Granulat ausbreitet, dessen Ränder vereinzelt zerbröseln (vergleiche die im MARTaHerford
gezeigte parallele Arbeit: http://www.mariellamosler.com/de/2010_WirSindOrient_MARTaHerford.html).
Christiane Löhr schließlich erlaubt es sich, Grundformen des Minimalismus wie Bögen, Ovale, Quader und
Türme aus Baumblüten, Gräsern und Kletten zu formen (vergleiche dazu https://www.google.de/search?
q=christiane+l%C3%B6hr+kunst&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=2ahUKEwj4ovPuw_TcAhX
LbVAKHbGaCUsQiR56BAgLEBg&biw=1677&bih=902#imgrc=sCjEV1NLho-guM:).

Die von Kristina Groß für den Katalog zur Ausstellung (vergleiche dazu https://www.kerberverlag.com/de/
sexy-and-cool-minimal-goes-emotional.html) erarbeiteten kunstwissenschaftlichen Hintergründe und
Zusammenhänge setzten naturgemäß auf kunsthistorische Bezüge, analytische Ausdifferenzierung und
Argumente, die im Fachdiskurs möglichen Gegenargumenten standhalten. Deshalb spricht der groß
angelegte Essay mehr den Intellekt als die im Ausstellungstitel angekündigte Emotion an. Wer die
Ausstellung gesehen hat, kann gut damit leben; wer nicht, wird sich trotz der in bester Druckqualität
wiedergegebenen Bildbeispiele und Abbildungen und trotz der hervorragenden Gestaltung des Katalogs
fragen, wo die versprochene Emotion geblieben ist.

ham, 17. August 2018

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