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Tamina Amadyar, Big blue sky

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 4. März bis 13. Mai 2018 im Kunstverein Reutlingen,
herausgegeben von Christian Malycha mit Texten von Jana Baumann, Florian Illies und dem Herausgeber

Kunstverein Reutlingen / Verlag der Buchhandlung Walther König, 2018, ISBN 978-3-96098-386-6, 72
Seiten, 35 Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 30 x 24 cm, € 24,80

Mit der Ausstellung der in Titeln wie ›palm springs‹, ›silver lake‹ und ›beverly hills‹ an die Westküste der
USA erinnernden Malereien von Tamina Amadyar im Kunstverein Reutlingen unterstreicht Christian
Malycha einmal mehr seine Vorliebe für neu formulierte abstrakte Positionen und sein Gespür für den
richtigen Zeitpunkt, an dem im Aufstieg befindlichen Talente präsentiert werden sollten (vergleiche dazu
https://www.google.de/search?
q=tamina+amadyar+instagram&sa=X&tbm=isch&tbo=u&source=univ&ved=2ahUKEwjkvI7pt9_cAhWGr6
QKHZsEDvYQsAR6BAgCEAE&biw=1677&bih=902).

Für Florian Illies zeigen die 2017 und 2018 entstandenen Malereien der 1989 in Kabul geborenen, seit 1994
in Deutschland lebenden und mit ungewöhnlich vielen Kunstpreisen ausgezeichneten Tamina Amydar wie
das Neue aussieht (vergleiche dazu Florian Illies, So sieht das Neue aus. In: https://www.zeit.de/zeitmagazin/
2018/12/malerei-abstraktion-tamina-amadyar-kunst). Nach Illies hat Amydar mit diesen Arbeiten
eine neue Stufe erreicht. Als er sie gefragt hat, warum es auf ihren Bildern immer nur zwei Farben gibt,
antwortete sie: „Weil es nicht mehr braucht“ (Tamina Amadyar nach Florian Illies S. 32). „Es scheint, als sei
es das Gemälde ›warschau‹ […] aus dem Jahr 2017, das diesen befreiten Pinselschlag am
leidenschaftlichsten feiert“ (Florian Illies S. 33. Vergleiche dazu http://www.guidowbaudach.com/
artists,Tamina Amadyar Bild 12; Guido W. Baudach gibt 2016 als Entstehungsjahr an). „Schaut man auf die
Gemälde aus dem Jahr 2015 (vergleiche dazu http://kubaparis.com/tamina-amadyar-galerie-guido-wbaudach/),
dann findet man noch die klaren Kanten zwischen den Flächen, entstanden durch Abklebungen
[…]. Stellt man dem das Bild ›hollywood‹ aus dem Jahr 2018 entgegen, das jetzt in Reutlingen zu sehen ist,
dann kann man mit Händen greifen, was sich verändert hat. Das Blau zieht bewusst hinein in das Rot, es
wird übergriffig, verletztend. Und das Rot muss seine ganze Kraft dagegen halten und sich Hilfe holen von
einem zweiten Rot […]. Tamina Amadyar hat also noch einmal mehr losgelassen. Sie will die Farben nicht
mehr in irgendwelche Schemen pressen. Sondern sie hat das Lodern […] weiter entfacht, sie hat es
hineingeblasen und nun brennt es auf ihren Leinwänden an den Rändern der Farbflächen. Flackert.
Glüht“ (Florian Illies S. 34).

Nach Christian Malycha ist Tamina Amadyars Farbe in äußerster Klarheit einfach und unmittelbar da. „Offen
steht sie auf der bloßen Leinwand […] in prägnanten Kontrastpaaren. Feinfühlig artikuliert, strahlend leicht,
fast schwebend übersteigt Farbe auf Farbe ihre materielle Gebundenheit […]. Nur wie gelingt ihr das? Es ist
pures Pigment […], das sich einzig mit Leim angemischt vor und doch mitten im Gewebe der Leinwand
befindet. Optisch entlädt es eine derartige Energie, dass sich mit aller Leucht- und Strahlkraft auf ihren
Bildern einzig das ortlos immaterielle Eigenlicht der Farbe entfaltet“ (Christian Malycha S. 6). Aber ist es
wirklich nur das ortlos immaterielle Eigenlicht? Aus den in Reutlingen gezeigten Bildern spricht auch die
Erinnerung an Los Angeles, an die kalifornischen Highways und an die Mojave-Wüste. Es ist zwar kein Ort
dargestellt. Aber die Orte „sind in die Farbe eingegangen, unsichtbar und nahezu unsagbar, doch spürbar
verkörpert. Wirklich und anwesend sind sie wie ein Widerhall oder Echo. Verborgen in der Farbe und
zugleich von dieser enthüllt lässt Tamina Amadyar die erlebten Orte, unscheinbare Alltagssituationen oder
ganze Landschaftbezüge als farbige Ahnungen aufscheinen“(Christian Malycha S. 6 f.). Deshalb müsste man
eigentlich davon sprechen, dass sich hinter Amadyars Abstraktion ein Gegenstandbezug versteckt und sie
Figuration und Abstraktion verbindet. Ihre Abstraktion ist autobiografisch inspiriert. Sie erzeugt eine
spezifische Art des Kulturtransfers (vergleiche dazu https://www.artspace.com/artist/tamina-amadyar).

Gesine Borcherdt hat deshalb in ihrer Kritik der ersten Einzelausstellung von Tamina Amadyar
zurecht davon gesprochen, dass sich hinter den abstrakt wirkenden und schon fast minimalistisch cleanen
Gemälden Zimmer, Ecken und Fußböden verbergen. „Die geometrische Abstraktion wird damit
unterwandert, ganz so als würde jemand am Tisch brav mit Messer und Gabel essen und gleichzeitig seine
schmutzigen Schuhsohlen tief in den Teppich reiben“ (Gesine Borcherdt, Tamina Amadyar. Veröffentlicht am
20. 09. 2015 in der »Welt«. Vergleiche dazu https://www.welt.de/print/wams/kultur/article146599571/4-
Tamina-Amadyar.html).

ham 9. August 2018
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