Mai 9

Tony Cragg: Matrix

Von Helmut A. Müller | In Kunst, Rezensionen

Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 14.09. – 04.11.2012 in der NORD/LB art gallery und
der kestnergesellschaft Hannover, hrsg. von Veit Görner und Antonia Lotz mit einem Vorwort von
Veit Görner und einem Gespräch zwischen Tony Cragg und Antonia Lotz
Kestnergesellschaft Hannover / Verlag für Moderne Kunst Nürnberg, 2012, ISBN 978-3-85984-378-0,
128 S., zahlreiche Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 31,3 x 21 cm, € 34,–
Der in Wuppertal und Liverpool lebende Turner-Preisträger von 1988 hat im selben Jahr England auf
der Biennale Venedig vertreten und war mehrfach auf die documenta eingeladen. In seinem Frühwerk
hat er sich unter anderem klassisch bildhauerisch mit Vasen und geologischen
Formbildungsprozessen, so mit Bergformationen auseinandergesetzt. Nach Ausflügen in die Arte
Povera und in die Land Art interessieren ihn heute organische und molekulare Formen, die er mit von
Menschen gemachten Materialien nachbildet. „In der Natur gibt es unzählige Materialien,
Materialentwicklungen und Zustände. Bäume wachsen mit dem Hintergrund komplexer Stoffwechsel
und der Evolution… Natürlich ist es ein Wunder, dass wir überhaupt da sind, um etwas herzustellen…
Eine Funktion der Bildhauerei ist es, kritisch damit umzugehen, wie und mit welchem Hintergrund
oder Hintergedanken Menschen Dinge herstellen. Nur wenn man versteht, mit welchen Motivationen
und mit welchen Emotionen man ein Ding hergestellt hat, kann man Bedeutung und Sinn eines
Gegenstandes erschließen. Das ist für mich eine Kernsache… Anders als in der Wissenschaft, wo man
versucht, die Materialwelt und ihre Grundsätze in Erfahrung zu bringen, sind Künstler dabei, Sachen
einen Wert, eine Bedeutung und teilweise einen Sinn zu geben – eine wichtige Aufgabe, wie ich finde.
Während eines Großteils des 20. Jahrhunderts galt es für Künstler, neue Materialen zu finden. So
wissen wir heute, dass alle Materialien eine Bedeutung haben und in der Kunst verwendet werden
können. Das führt zu unserer jetzigen Perspektive in der Bildhauerei. In meiner Arbeit interessiere ich
mich hauptsächlich für Materialien, die von Menschen hergestellt worden sind. Es interessiert mich
wenig, mit einem Baum zu arbeiten – mich mit den Äsen und Körperteilen eines Baumes
herumzuschlagen. Das ist mir viel zu organisch. Kunststoff, Glas, Gips und Bronze sind keine
Naturmaterialien, und das Schichtholz, das ich benutze, ist ein industriell hergestelltes Produkt und
entspricht meinem gegenwärtigen Bedürfnis, ein Material zu finden, mit dem ich präzise Formen
schaffen kann. Gerade für die Werke, die ich im Moment bearbeite, ist das Schichtholz ideal. Ich kann
relativ dünne Platten ausschneiden und aneinanderbauen, um Volumen zu kreieren, die ich wieder
abbauen kann, um die Form zu ändern und innere Formen zu entwickeln… Meine Absicht ist es, den
aufbauenden Elementen dieser Arbeiten komplizierte Grundformen zu geben, damit die daraus
resultierenden gestalteten Figuren an Komplexität gewinnen, damit neue skulpturale Formen und eine
neue Formensprache entstehen“ (Tony Cragg). Für Veit Görner zeichnet sich Craggs Werk vor allem
dadurch aus, dass er unermüdlich über die Möglichkeiten der Formen und der Materialität und
Oberfläche forscht. „Holz, Glas, Stahl, Bronze, Kunststoffe, Keramik, pur oder in Kombination hat er
geschichtet, gegossen, geformt, gefräst oder geschliffen“ und damit „alle Möglichkeiten … formaler
Bildhauerei … besetzt“ (Veit Görner). Der aufwändig und anspruchsvoll gestaltete Katalog gibt einen
guten Überblick über den bildhauerischen Weg von Tony Cragg und zeigt, wie er denkt und was er
mit seiner Bildhauerei erreichen will.
(ham), 25.03.2013

Download  Tony Cragg – Matrix

 

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