Klett-Cotta Stuttgart, 2018, ISBN 978-3-608-86122-8, 174 Seiten, Broschur, Format 21 x 13,5 cm, € 16,00

Kinder können, was sie empfinden, fühlen und denken, oft nicht in Worte fassen. Erwachsenen fällt
es dann nicht leicht, sie zu verstehen. Manchmal rennen sie wie gegen eine Wand. Wenn man dem
1949 geborenen deutschen Psychologen, Kunsttherapeuten, Gründer der Zukunftswerkstatt
›therapie kreativ‹ und Vorsitzenden der ›Stiftung Würde‹ Udo Baer folgt, geht es den Erwachsenen
in diesen Situationen wie den Kindern: Was sie empfinden, spiegelt, was Kinder empfinden. Kinder
rufen in uns Gefühle und Stimmungen hervor, für die sie keine Worte haben. In ihrem Verhalten
zeigen sie uns, was in ihnen vorgeht. Wenn sie merken, dass ihr Verhalten ankommt und sie uns
erreichen, wenn sie den Löffel wieder und wieder fallen lassen, weglaufen, uns mit ihren Fragen
nerven oder nachts plötzlich wieder einnässen, fördert das ihr Selbstwertgefühl. Sie werden ein
Stück weit glücklicher. Deshalb lohnt es sich, sich um das Verstehen ihres zunächst unerklärlichen
und unverständlichen Verhaltens zu bemühen.

Jede noch so kleine Verbesserung macht die Beziehung leichter. Kinder wollen gesehen, gehört und
verstanden werden. Wir können, so Baer, zwar nicht unsere Erwachsenenperspektive aufgeben, weil
wir nun einmal Erwachsene sind. Aber wir können uns bemühen, auch die Kinderperspektive zu
erfassen. Dazu möchte die angezeigte Publikation beitragen. Zwei Aspekte sind für Baer besonders
wichtig: Er geht davon aus, dass unbewusst jedes Verhalten einen Sinn enthält. „Wenn ein Kind
unruhig ist, kann der ›Sinn‹ darin bestehen, dass es unbewusst zeigen will, dass es durch irgend
etwas beunruhigt ist. Wenn ein Kind seine Traurigkeit über den Auszug des Vaters nicht zeigt und
verstummt oder einnässt, dann kann der ›Sinn‹ seines Verhaltens darin bestehen, dass es die Mutter
schonen will, die über das Scheitern der Ehe verzweifelt […]. Zweitens darf es nicht dabei bleiben,
dem zuzuhören, was Kinder uns sagen. Es gilt auch das anzunehmen, was sie uns nicht sagen, aber
zeigen, oder was sie uns kundtun, indem sie etwas nicht zeigen. Ich bin der festen Überzeugung,
dass dazu auch das gehört, was Kinder in uns hervorrufen. Wenn ich im Umgang mit einem Kind
hilflos bin, dann nehme ich dies als Spur, dass das Kind mir dadurch seine Hilflosigkeit zeigt. Ich
nenne das die Weisheit der Kinder“ (Udo Baer S. 11).

Im ersten, ›Kinder verstehen‹ überschriebenen Teil seines Ratgebers erklärt Baer mögliche
Hintergründe von Alltagssituationen, in denen sich Kinder auf den Boden werfen, erzählen, dass sie
keine Hausaufgaben haben und traurig sind und nicht wissen warum. Im zweiten Teil fasst er 14
Empfehlungen für Eltern und andere Erwachsene zusammen. Im kurzen dritten Teil fragt er, welche
Geschenke Kinder brauchen. Kinder brauchen nach Baer erstens Erwachsene, die ihre Gefühle
zeigen und leben. Sie brauchen zweitens Erwachsene, die sich für ihre Kinder interessieren und es
ihnen auch zeigen. Sie brauchen drittens Reibung, viertens den Tanz von Nähe und Distanz,
fünftens Halt und Sicherheit, sechstens Vorbilder, siebtens konsequent durchgehaltene Regeln und
die Ausnahmen von den Regeln und achtens das Geschenk der Geschenke, die spürbare, hörbar und
fassbare Liebe.

ham, 2. August 2018

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