Hrsg. von Claus Philipp und Astrid Wolfig mit Texten unter anderem von Marina Abramovic, Josef Bierbichler, Christoph Huber, Elfriede Jelinek und Ulrich Seidl
Hatje Cantz Verlag Ostfildern, 2013, ISBN 978-3-7757-3559-9, 176 S., 78 Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 27,5 x 31 cm, € 35,–
Wer den Spitzensatz des Völkerapostels und Mystikers Paulus „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ an die von ihm gegründete christliche Gemeinde in Korinth vor Augen hat, wird diesen Vers aus 1. Korinther 13, 13 als Ausdruck seiner Hoffnung auf die Befreiung der Welt von Tod und Vergänglichkeit, auf Auferstehung und auf ein in Liebe versöhntes Sein bei Gott lesen. Man könnte abgekürzt auch von der Hoffnung auf das Paradies sprechen. Wenn der 1952 in Wien geborene und mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnete Filmkünstler Ulrich Seidl in seiner Paradies-Trilogie von ‚Liebe, Glaube, Hoffnung‘ spricht und damit die paulinische Reihenfolge verändert, scheint er anzudeuten, dass in seinem Paradies etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Für die Filmlegende Werner Herzog beschreibt Seidls Trilogie eine Welt, die so in Unordnung geraten ist, dass man in ihr nicht mehr ins Paradies, sondern in die Hölle schaut: „Noch nie habe ich im Kino so geradewegs in die Hölle geschaut“ (Werner Herzog). Wie stellt sich für Seidl dieses aus der Ordnung geratene Paradies und für Herzog die Hölle dar?
Die Paradies-Trilogie Liebe, Glaube, Hoffnung erzählt von drei Frauen einer Familie, die jede für sich ihren Urlaub verbringen. Theresa, eine 50jährige Wienerin und Mutter einer pubertierenden Tochter reist als Sextouristin in ein Urlaubsparadies in Kenia, um dort unter den Beachboys Liebe zu finden. Sie wechselt von einem zum nächsten Lover. Ihr Traum vom Paradies bröckelt immer mehr ab, als sie sich eingesteht, dass die „Liebe“ in Kenia zum Geschäft geworden ist. Anna Maria, Röntgenassistentin und Schwester Theresas, sucht das Paradies in ihrer Mission. In ihrem Urlaub geht sie mit einer 40 cm großen Wandermuttergottes-Statue von Haus zu Haus, um zu missionieren. Aber weder ihre angestrengte Mission noch ihre Selbstkasteiungen vor dem häuslichen Kruzifix bringen Erlösung. Deshalb ist ihr Glaube einer harten Probe ausgesetzt. Melanie schließlich, die 13jährige Tochter Theresas, soll in einem streng geführten Diätcamp überflüssige Pfunde loswerden. Sie verliebt sich in den 40 Jahre älteren Fastenarzt und versucht, ihn mit ihren Mitteln zu verführen. Der Arzt kämpft dagegen an und versagt ihr die erhoffte Erfüllung. Keine der drei Frauen findet das Paradies.
Der vorliegende Band präsentiert die spektakulärsten Standbilder aus der Trilogie im Großformat. Auf die Frage von Claus Philipp, was es ihm bedeutet, seine Filmbilder als Fotos in einem Buch zusammenzustellen und was die Auswahlkriterien waren, antwortet Seidl: „Es galt der Frage nachzugehen, welche Bedeutung meine Filmbilder haben, wenn sie >>im Stillstand<< betrachtet werden. Funktionieren die Bilder auch ohne filmische Bewegung und ohne Handlungszusammenhang,
wenn man sie nicht als Bebilderung einer Szene ansieht, wenn sie eben nur für sich stehen? Zu überprüfen, ob diese >>herausgenommenen<< Bilder eine andere und zusätzliche Bedeutung bekommen, wenn sie einfach nur für sich stehen, war für mich die Herausforderung… Ein Mensch oder mehrere Menschen sind in einem >>Stillhaltezustand<< in ein Bild – sehr oft zentral und sehr oft mit viel Raum nach oben – arrangiert und schauen schweigend in die Kamera. Zunächst hat man den Eindruck eines gestellten Fotos, doch der Film zeigt Menschen, die zwar stillhalten, aber doch atmen. Die Varianten davon sind vielfältig. Die stillhaltenden Darsteller können auch einen Satz sagen, den sie immer wieder wiederholen, können ein Lied singen, ein Gedicht aufsagen oder einfach einen Küchenmixer laufen lassen, während sie unbeweglich in die Kamera schauen… Die Faszination, die für mich von Bildern ausgeht, habe ich zunächst in der Malerei und dann in der Fotografie entdeckt…“ (Ulrich Seidl). Deshalb kann man Seidls Standbilder mit guten Gründen in der Nähe von Lucian Freuds Porträts ansiedeln. Beide, Freud und Seidl, zeigen, dass das von Paulus erhoffte Paradies in dieser Welt nicht zu finden ist.
(ham), 20.04.2013

Download: Ulrich Seidl – Paradies: Liebe / Glaube / Hoffnung

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