Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2019, ISBN 978-3-8031-3683-1, 80 Seiten, 66 Schwarzweißabbildungen, Broschur, Format 15 x 11 cm, € 10,00 (D) / E 10,30 (A)

Selfies sind die bisher erfolgreichste Bildgattung der neuen Medien. Nach Wolfgang Ullrich macht, wer „ein Selfie macht, […] sich selbst zum Bild. Das ist etwas anderes, als nur ein Bild von sich selbst – ein Selbstporträt – zu machen. Ein Selfie zu machen heißt, ein Bild von sich zu machen, auf dem man sich selbst zum Bild gemacht hat. Ein Selfie ist also eigentlich ein Bild von einem Bild“ (Wolfgang Ullrich S. 6). Ullrich übernimmt in seiner Definition von Selfies eine Argumentationsfigur, mit der der priesterschriftliche Schöpfungsbericht sein Menschenbild vorgestellt hat und wendet sie ins Säkulare. „Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei […]. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau“(1. Mose 1. 26 f.). Selfies könnten demnach auch als säkularisierte Gottesbilder verstanden werden.

Schon dieser für die abendländische Anthropologie weitreichende Hintergrund dürfte Ullrich daran gehindert haben, unbesehen in den Chor derer einzustimmen, die den Autoren von Selfies schlicht und einfach Narzissmus unterstellen. Dazu kommt die Vermutung von Anthropologen, dass sich die Mimik als basale Form der Kommunikation vor der Sprache entwickelt hat und dass das Herzeigen des eigenen Gesichts zu den grundlegenden Voraussetzungen der menschlichen Verständigung gehört. 

Wenn Autoren von Selfies also grimassieren, zeigen, dass sie verliebt sind oder dass es ihnen schlecht geht, teilen sie ihren jeweiligen Status mit und zeigen wie Schauspieler Momentaufnahmen von sich selbst. Dabei ist allen klar, dass diese Momentaufnahmen niemals die ganze Person widerspiegeln. Formale Ähnlichkeiten mit aus der Kunstgeschichte bekannten Bildern verraten noch nichts über die Intentionen der Autoren. So könnten Franz Xaver Messerschmidts rund fünfzig an seiner eigenen Physiognomie orientierten Charakterköpfe (vergleiche dazu etwa https://www.google.de/search?q=charakterk%C3%B6pfe+von+franz+xaver+messerschmidt&tbm=isch&source=hp&sa=X&ved=2ahUKEwiHtdaK7bjiAhWHw8QBHeZ0C-wQsAR6BAgJEAE&biw=1649&bih=904 und Wolfgang Ullrich S. 47) nach Ullrich in der Auseinandersetzung mit der Affektenlehre entstanden sein. Arnulf Rainers in einem Fotoautomaten am Wiener Hauptbahnhof als Hommage an Messerschmidt gemachten »Automatenfotos«, sollten dagegen „das Aussehen des Künstlers während rauschhafter, exzessiver Stimmungen dokumentieren. Nach eigener Aussage versetzte Rainer sich dafür zuerst künstlich in Erregung, konsumierte Drogen und bemühte sich dann, den Höhepunkt seiner Affektiertheit zu fixieren. Der Moment, in dem er seine Gesichtszüge nicht mehr kontrollieren konnte, verhieß ihm Einblick in die menschliche Psyche“ (Wolfgang Ullrich S. 49; vergleiche dazu etwa https://www.google.de/search?q=arnulf+rainer+werke&tbm=isch&source=hp&sa=X&ved=2ahUKEwjdn_3N77jiAhUh06YKHTkkBJgQiR56BAgOEBY&biw=1649&bih=904#imgrc=7RsF98SlXWxwJM:).

Selfies sind für Ullrich dann letztlich eine Spielart fernmündlicher Kommunikation und Ausdruck einer demokratisierten und globalisierten Bildkultur. „Aber so vermündlicht der Austausch von Bildern auch stattfinden mag, gibt es doch einen folgenreichen Unterschied […]. Auch er ergibt sich daraus, dass man mit Bildern nicht direkt, sondern nur mithilfe von Medientechniken kommunizieren kann. Jedes Bild ist erst einmal eine Datei und daher speicherfähig. Es muss absichtlich gelöscht werden, während gesprochene Sprache nicht fixiert ist – außer sie wird absichtlich aufgezeichnet. Bilder besitzen in den sozialen Medien also oft eine Doppelexistenz; sie sind sowohl flüchtig-momenthaft – also ›mündlich‹ – als auch gespeichert -dauerhaft – also ›schriftlich‹. Das Changieren zwischen diesen beiden Polen dürfte künftig den Charakter der Bildkulturen prägen und zu neuen Formaten und Praktiken führen“ (Wolfgang Ullrich S. 55 f.).

ham  27. Mai 2019

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