Dez 9

Jonathan Meese, Zeichnungen

Von Helmut A. Müller | In Kunst

Katalog zur Ausstellung ,Jonathan Meese, DR.NO ZEICHNET DEINE KRIEGSANLEIHEN (privat), DR.
SPOCK evolutioniert …’ vom 09.09. – 04.10. 2015 im 8. Salon, Hamburg mit einem Essay von Roberto Ohrt

Harpune Verlag, Wien, 2015, ISBN 978-3-902835-34-5, 64 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Broschur,
Format 25,4 × 19,3 cm, € 22,00

Das Katalogbuch versammelt 38 bisher unveröffentlichte Zeichnungen von Jonathan Meese aus den Jahren
1994 – 2011, darunter die Zeichnung ,Babyführergott’, 2009, Farbstift auf Papier, 42 x 30 cm und diverse
weitere, die an Adolf Hitler erinnern, die Zeichnung ,Ohne Titel’, 2000, Kugelschreiber auf Papier, 29,7 x
20,9 cm, die einen König mit Pferdefuß und einen Hermaphrodit beim Liebesspiel zeigt, und die
Zeichnung ,Ohne Partei’, 2011, Bleistift und Kugelschreiber auf Papier, 4o x 40 cm, in der sich ein mit dem
Eisernen Kreuz ausgezeichneter Held dezidiert von einer Führerfigur im Flügelkleid abwendet. Über der
Szene steht <<Im Kleid: ERZ PARTEI “OHNE PARTEI“<<, rechts von ihr auf Augenhöhe mit den Figuren
„GEHT GEGEN ALLES VOR … (AUSSER RAND UND BAND)“, unter ihr, gleichsam als Fundierung
„BIS SPÄTESTENS SPÄTER ERSCHEINT ES: ERZLAND“.

Roberto Ohrt arbeitet in seinem Essay akribisch heraus, dass sich Meese von seinen ersten öffentlichen Auftritten an für die Einheit von Künstler und Werk entschieden und in kaum zu übertreffender Radikalität für die Freiheit der Kunst eingesetzt hat. Sein im Kunstkontext praktizierter spielerischer Zugriff auf die Zeichenwelt des Nationalsozialismus war und ist alles andere als affirmativ: Gemäß der Freudschen Empfehlung für den Umgang mit Traumata „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“ sollen Zeichen wie Hitlers Schnurrbart und der Hitlergruß im Kunstkontext durch ihr wiederholtes Zeigen und Demonstrieren vergleichgültigt und durchaus nicht auf den Schild gehoben werden. Dass Meese sich gleichwohl dem Vorwurf der Sympathie mit dem Nationalsozialismus ausgesetzt sah, liegt nach Ohrt unter anderem am landesüblichen Umgang mit den alten Zeichen. Orth erinnert an die beiden Prozesse um ein durchgestrichenes Hakenkreuz auf einem antifaschistischen Aufkleber, den ein Student bei einer Demonstration gegen Burschenschaften am 1. Mai 2005 in Tübingen an seinem Rucksack getragen hatte, weiter an die Blindheit deutscher Gerichte und des Polizeiapparats auf dem >>rechen Auge<< schon vor 1933 und schließlich auch noch an die Ermittlungspannen bei den Recherchen zu den Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Er kommt zu folgendem Schluss: „Dass es gleichzeitig um die Zeichenwelt der Nazis und die Freiheit der Kunst ging, oder dass in der Anklage des einen die Kräfte zur Beschränkung des anderen drohen, ist nun weder nebensächlich noch Zufall. Wie der Fall des Antifa – Aufklebers zeigt, braucht es nicht viel und schon sind die Verteidiger der Freiheit mit dem Schlag gegen die Nazis gemeint. Leider erhält diese verkehrte Logik auch dort Zulauf, wo die offizielle Gedenkstundenkultur sich auf plakative Zeichen konzentriert und mit ihnen ihre einfache Klarheit sucht […]. Dass irgendwelche Zuschauer sich empören, weil sie nicht mehr unterscheiden können, ob auf >>der Bühne<< von Jonathan Meese das >>Hakenkreuz durchgestrichen<< wird oder nicht, ist nicht nur traurig, sondern vor allem gefährlich. Verwundern kann es andererseits nicht, denn wo das schlichte Moralisieren hoch im Kurs steht, bleibt für die Fähigkeit zur Analyse wenig Platz. Noch weniger sollte verwundern, dass die Künstler auf demselben Gebiet ihre Sache weiter treiben und klären, womit wir es zu tun haben: denn die Welt der Zeichen ist ihr Stoff und die Freiheit ihr Medium“ (Roberto Orth S. 17).

ham, 28.11.21015

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