Sep 7

56 x Havanna

Von Helmut A. Müller | In Allgemein

Zeichnungen von Siegfried Kaden

Was Havanna ist und wie sich der 1961 von Fidel Castro in Cuba ausgerufene Sozialismus auf die dortigen Lebensverhältnisse und Kultur ausgewirkt hat, weiß Siegfried Kaden. Er kennt auch den allgegenwärtigen Machismo und die Folgen des Frauen-Überschusses für das Verständnis von Liebe, Erotik und Sexualität. Er lebt seit 1995 mehr in Havanna als in München, war in Cuba eine Zeit lang verheiratet und hatte danach Beziehungen zu mehreren Frauen. Kaden hat an den Staatlichen Kunstakademien ISA und San Alejandro in Havanna gelehrt, Ausstellungen der jungen Szene Cuba und ein Projekt zum Thema Kreol, der Kultur des Widerstands in der Karibik kuratiert und in Havanna unter anderem in der Ludwig Stiftung und in der Biblioteca Nacional de Cuba José Marti ausgestellt. Er schreibt Cuba auch im Deutschen immer mit einem großen C. Und er musste, als er geschieden war und nicht gerade eine offizielle Anstellung oder ein Stipendium hatte, alle drei Monate aus Cuba ausreisen, um wieder drei Monate auf der Karibikinsel leben zu können. Kaden kennt also auch die Tücken der kubanischen Bürokratie. Aber das hat ihn bisher nicht davon abgehalten, immer wieder nach Havanna zurückzukehren.

So ist er auch Anfang Februar 2020 nach Besuchen bei Freunden in München, Nordheim und Taubenbach, einer Zahnbehandlung und dem Besuch eines von Michael Eichberger organisierten Konzerts des international gefeierten kubanischen Pianisten Frank Fernández in der Münchener Residenz wieder einmal ins Flugzeug nach Cuba gestiegen (vergleiche dazu die Zeichnung ›Siegfried Kaden, Frank Fernández am Klavier spielend‹ vom 23.01.2020). Er hatte vor, in seinem Atelier in Havanna einen Zyklus von Zeichnungen zu erarbeiten und eine Ausstellung vorzubereiten, die im Herbst in München stattfinden soll. In seinem Atelier in Havanna hat er seine Ruhe und kann selbst bestimmen, mit wem er Kontakt halten will und mit wem nicht.

Cuba erscheint ihm nicht nur auf dem Flug und vom Flugzeug aus wie eine Arche, in der er sich mit seiner ostdeutschen Herkunft und Mentalität gut aufgehoben fühlt (vergleiche dazu ›Siegfried Kaden, Barke, die Insel Kuba‹ vom 12.6.2015/20). Sein Großvater hatte in Leipzig eine Druckerei; er war Setzer. Als man ihm anbot, Hitlers „Mein Kampf“ zu drucken, kam es zu keinem Auftrag, weil man ihm nachweisen konnte, dass er auch eine sozialistische Zeitung gedruckt hatte. Interessant erscheint, dass der jüdische Literaturwissenschaftler, Romanist und Politiker Victor Klemperer die Druckerei in seinen Tagebüchern erwähnt. Kadens Vater hatte Drucker gelernt und durfte nach der Logik der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in der DDR nichts Besseres, also kein Setzer wie sein Vater werden. In den 1960er-Jahren sind die Kadens dann nach Westdeutschland „geflohen“. Kadens Vater hatte einen Vertrag unterschrieben, dass er im Westen für die Staatssicherheit recherchieren wird. Deshalb hat es bei der Ausreise keinerlei Probleme gegeben. Im Westen outete er sich bei den Amerikanern, die ihn umdrehen wollten. Diese aufgeladene Situationen und das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben und immer wieder etwas falsch machen zu können, hat den Jugendlichen verunsichert und erklärt, warum der Sozialismus den Erwachsenen angezogen und ihn, ohne dass ihm das bewußt wurde, heimgeholt hat. 

In München lernte Kaden nach seinem Studium an der Kunstakademie Stuttgart alle Vor- und Nachteile des gesellschaftlichen Lebens im Kapitalismus und letzteren als Schlangengrube kennen. Er bewegte sich in der Schickimicki-Szene und war in sie verwickelt, aber auch in ihr gefangen. Eine Selbstfindung, ein authentisches und ein wahrhaftiges Leben als Maler erschien ihm unmöglich oder zumindest schwierig. Deshalb wollte er aus München nur einfach und möglichst weit weg. Mit Gauguins Suche nach einem ursprünglichen Leben in der Südsee hat Kadens dritte Heimat Cuba also nur sehr vermittelt zu tun.

Seine Zeichnungen ›Seeschlacht und Bürokratie – meine neue Bürolampe‹ und ›Schiffbrüchige‹ vom 26.3.2020 machen deutlich, dass er Cuba nicht verklärt und dass er nach 25 Jahren Cuba auch jedes beliebige andere Kapitel des Landes aufschlagen könnte. ›Seeschlacht und Bürokratie – meine neue Bürolampe‹ und›Schiffbrüchige‹ weisen Kaden als Kenner der karibischen Insel und der Rolle aus, die Cuba im Zweiten Weltkrieg an der Seite von Amerika gespielt hat. Sie erinnern einmal an die bürokratischen Regelungen, die dem Sozialismus den Weg ebnen sollten, dann weiter an die Versenkung des deutschen U-Boots U 176 am 15. Mai 1943 durch eine Vought Kingfisher des Geschwaders VS-62 der US-Navy und das kubanische Patrouillenboot CS13 nordöstlich von Havanna. Die gesamte Besatzung von 52 Mann mit Korvettenkapitän Reiner Derksen verlor ihr Leben. Ernest Hemingways ab 1941 selbstorganisierte Jagd auf deutsche U-Boote mit seinem mit Maschinengewehren, Panzerfäusten und Handgranaten aufgerüsteten Fischerboot Pilar an der Küste vor seiner Fianca Vigía ist dagegen mutmaßlich erfolglos geblieben. Und schließlich lassen seine Zeichnungen auch an den deutschen NS-Spion Heinz August Küning alias Lüning denken, der als überführter deutscher Agent am 10. November 1942 von einem Erschießungskommando mit je vier Schüssen in Kopf und Brust hingerichtet und in einem Armengrab in Havanna beigesetzt worden ist. 

Dass Kaden in Havanna mit Olimpia und ihrem Mann Carlos bekannt geworden und in ihrer bevorzugt über der Stadt gelegenen Villa ein und aus gegangen ist, ist wohl der gemeinsamen DDR-Vergangenheit und den engen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen der beiden sozialistischen Bruderländer zu verdanken. Carlos war einige Jahre Wirtschaftsattaché in Ostberlin. Olimpias und Carlos’ Sohn Pepe Menéndez ist in dieser Zeit in Ostberlin zur Schule gegangen. Er wurde als Grafikdesigner und Design Director der Casa de las Américas über Cuba hinaus bekannt und hat Kaden über Jahre mit grafischen Arbeiten und beim Umgang mit der Bürokratie unterstützt. Olimpia hat mehr als einen Text von Kaden ins Spanische übersetzt. Kaden dankt es ihr mit den Porträts ›Olimpia, Mutter von Pepe‹ und ›Olimpia vor dem Monument José Martí‹ vom 20.10.2016. Pepe bleibt über seinen Sohn Bruno und die Zeichnung ›Bruno mit zwei Ponys‹ vom 5.6.2015 präsent: Man erzählt in der Familie, dass das Kind einmal auf zwei Ponys gleichzeitig reiten wollte.

Mit den offiziellen Vertretern des kulturellen Establishments tut sich Kaden sichtbar schwer. Der Künstler und Präsident des Künstler- und Schriftstellerverbands UNEAC Miguel Barnet hat die Aufnahme des Deutschen in den Verband über Jahre verhindert. Das hat Kaden nicht daran gehindert, ihn zu zeichnen (›Miguel Barnet und die UNEAC‹) und als Literaturpreisträger zu porträtieren. Von der seit 2019 in Havanna residierenden deutschen Botschafterin Heidrun Tempel erwartet er aber mit gutem Grund mehr als die Ansage, dass sie „etwas mit Kultur machen will“ (Heidrun Tempel). Der Kulturvertrag, den sie in der Hand hält, ist noch nicht unterschrieben (vergleiche dazu die Zeichnungen ›Botschafterin mit Geier‹ vom 10.3.2020, der für den Bundesadler steht, ›Die neue deutsche Botschafterin und der Vertreter von Goethe‹ vom 14. 3. 2020 und die Zeichnung ›Das Kulturabkommen. Camilo und das Kulturabkommen‹ vom 20.3.2020). Der in der Bevölkerung sehr beliebte Revolutionär Camilo Cienfuegos soll am 28. Oktober 1959 bei einem Flugzeugabsturz über dem Ozean zwischen Camagũey und Havanna ums Leben gekommen sein. Seine Maschine, eine Cessna, wurde trotz einer rasch eingeleiteten Rettungsaktion nie gefunden. 

Das am 30.8.2016 begonnene, am 26.11.2018 überzeichnete, am 18.2.2020 vollendete und Leonardo Padura gewidmete Blatt ›Ministerpräsident Díaz-Canel, Leonardo Padura und Mario Conde‹ zeigt Raúl Castros Nachfolger Miguel Díaz-Canel Bermúdez am Rednerpult. Links unten kniet Padura. Er liest in seinem Kriminalroman »Handel der Gefühle«, in dem Mario Conde der schönen Karina bei einer Autopanne hilft und sich dabei augenblicklich in sie verliebt (vergleiche dazu und zum Folgenden http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=2356). Bei der Untersuchung eines Mordes in seiner ehemaligen Schule entdeckt er Spuren von Marihuana und muss feststellen, dass die Kriminalität nicht nur beim Parteikader, sondern auch im Bildungswesen alltäglich geworden ist und dass Vetternwirtschaft, Drogenhandel und Betrug blühen. Conde bewertet eine Frau nach ihrem Hintern. Kaden zitiert die Stelle „Er öffnete ihren Hintern wie die Seiten eines guten Buches“ und übersetzt sie ins Bild. Conde zuckt nach Christina Rademacher wie eine Mimose zusammen, wenn das Objekt seiner Begierde nach einer Affäre Schluss mit ihm macht. Er „mag derbe Ausdrücke, schlägt manchmal zu und bricht an der Schulter seines besten Freundes unvermittelt in Tränen aus“ (Christina Rademacher in den Salzburger Nachrichten).

Der in Cuba allgegenwärtige Männlichkeitswahn, der Machismo, und die Stilisierung verdienter Revolutionäre zu Helden zeigt sich in den in Hotels in großer Zahl angebotenen , sehr gut gestalteten schwarz-weißen Postkarten mit Revolutionären in heroischen Posen und auf öffentlichen Plätzen und in Parks in repräsentativen Denkmälern und Büsten. Im nationalen kollektiven Gedächtnis nimmt der Poet, Philosoph, Essayist, Politiker, Unabhängigkeitskämpfer und Freimaurer José Martí eine Märtyrer-, Apostel- und Messias- und damit eine Sonderrolle im boy club der Revolutionäre ein (vergleiche dazu und zum Folgenden Britt Schlünz, Wer war José Martí? In: https://geschichtedergegenwart.ch/wem-gehoert-jose-marti-kuba-streitet-ueber-seinen-nationalhelden-und-apostel/). Martí war am 19. Mai 1895 und damit drei Jahre vor dem offiziellen Ende der spanischen Kolonialherrschaft bei den Kämpfen bei Dos Rios in der damaligen Provinz Oriente auf seinem weißen Pferd erschossen worden – und das mutmaßlich versehentlich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er aus der Rolle eines „Apostels“ in die eines „Messias“ empor katapultiert. Je nach Bedarf war er dann Antiimperialist, Pan-Amerikanist, posthum sogar Befürworter von sozialistischen Lösungen in Krisenzeiten und damit schon lange vor 1959 kubanischer Nationalheld, also vor dem Sturz des kubanischen Diktators Fulgencio Batista durch die kubanischen Revolutionäre unter Führung von Fidel und Raúl Castro, Camilo Cienfuegos und des Argentiniers Ernesto Guevara, genannt Che. Neben Martí sind vor allem die Konterfeis von Ernesto „Che“ Guevara und Fidel Castro öffentlich präsent. Siegfried Kaden unterstreicht Martís Ausnahmestellung in seiner Zeichnung ›José Martí und die Viejitos (Das eine Denkmal und die anderen Denkmäler)‹. Keiner der Elefanten, die für die alten Funktionäre stehen, kann es mit Martí aufnehmen, auch nicht alle zusammen. Sie haben eine dicke Haut und wollen ihre Privilegien nicht aufgeben; aber die neue Zeit verstehen sie nicht. Deshalb revoltiert die Jugend.

Im Hintergrund der Zeichnung liegt ein Pferd auf dem Rücken. Dieses Pferd taucht in Variation in diversen weiteren Zeichnungen auf. Es steht für Fidel Castros Sterben. „Pferd“ war der Spitzname von Castro. Mit seinem Tod begann der Streit um sein Erbe (vergleiche dazu die Zeichnungen ›Fidel reitet / Parade‹ von Anfang 2020, ›Porträt Castro – Ein Pferd stirbt‹ ›Pferd‹ vom 21.3.2020, ›Fidel, „Pferd“ stirbt‹ vom 23.3.2020, ›Ein Pferd stirbt‹ von 2014/15, ›Fidel, Studenten, junge Revolutionäre‹, vom 27.10.2016/20, ›Junger Revolutionär‹ mit einem Porträt von Frank Pais von Anfang 2020 und ›Pferd stirbt‹ vom 21.3.2020 mit Porträts von Castro und von weiteren Revolutionären). Seit Beginn dieses Jahres verüben Mitglieder einer regimekritischen Vereinigung anonyme Anschläge auf Büsten und Denkmäler von Martí und beschmieren sie nachts mit Schweineblut. Nach Eduardo Torres-Cuevas, einem der bekanntesten Historiker Cubas, werden dabei keine Büsten und Denkmaler entweiht, sondern „ein Bildnis angegriffen, das für die Seele Kubas“ steht, „die Martí verkörpert“. Martí ist der „spirituelle und moralische Vater Kubas“ (Eduardo Torres-Cuevas nach Britt Schlünz a. a. O.). Damit deutet sich in der Post-Fidel-Ära ein neues Kapitel in der Deutung des kubanischen Nationalhelden an.

In Kadens Zeichnung des Staatsmanns und Politikers Castro ›Fidel reitet / Parade‹ liegt Fidel links hinter dem Pferd am Boden. Ein Protagonist schwenkt die Nationalfahne über dem Sterbenden. Eine Frau hat sich zu ihm hinabgebeugt und gibt ihm etwas zu trinken. In seiner Anfang 2020 übermalten Zeichnung ›Menschen, Leute‹, in der er die bunte Vielfalt der kubanischen Bevölkerung ins Bild setzt – nach den Eigenangaben der beim Zensus 2012 befragten Personen bezeichnen sich 64,1 % als Weiße, 9,3 % als Schwarze und 26,6 % als Mulatten und Mestizen – ist Dory ins Zentrum der Zeichnung gerückt. Kaden hat zwei Jahre mit Dory zusammengelebt (vergleiche dazu die Zeichnung ›3 x Dory‹ vom 9.4.2020). Unter dem rechten Porträt von Dory findet sich folgender handschriftliche Text: „Die Ruine, wo sie mit ihren 3 Kindern in Habana Vieja lebt, erinnert mich an die Ruinen von dem Italiener Piranesi. Ab und zu fehlt mal eine Stufe. Stürzt man ab, stürzt man 6 Stockwerken die Tiefe. Jeden Morgen bringt sie ihre 3 Kinder in die Schule. Danach geht sie in eine Gastronomie zum Arbeiten. Um 17.00 holt sie den Buben von der Schule ab“. Im ›Doppelporträt, 3 Negerinnen‹ von 1016/19 sitzen drei schwarze Frauen auf einer gepolsterten Bank. Die Bank, auf der Belkys in der Zeichnung ›Negerin + Schwester‹ von 2016 sitzt, dürfte dieselbe sein. In der 2016 übermalten Zeichnung ›Belkys mit roten Händen‹ wirft Belkys einen wolkenartigen Schatten. Belkys war eine der Freundinnen von Kaden. Er ist überzeugt, dass die Frauen die eigentlichen Helden Cubas sind. Deshalb hat er die Mulattinnen in seinem Blatt vom 4.11.2016 2020 mit Revolutionären überzeichnet (vergleiche dazu die Zeichnung ›Mulattinnen mit Revolutionären überzeichnet‹ vom 4.11.2016/ 2020). Sein handschriftlicher Eintrag „Wenn mir nichts einfällt, überzeichne ich die Mulattinnen, dann komme ich auch leichter durch den Zoll“ zeigt seinen hintergründigen Humor: „Mulattas“ gelten in Kuba fälschlicherweise als Prostituierte. Seine Überzeichnung macht sie zu Helden und Heiligen (vergleiche dazu auch die Zeichnungen ›Heilige, Gold-Helm‹ vom 12.11.2016 und ›Heilige, Gold-Helm‹ vom 12.11.2016).

Alle bisher besprochenen Arbeiten hätten wohl bis auf die Zeichnung ›3 x Dory‹ auch in anderen Zeiten entstehen können. Der Zusatz „in den Zeiten von Corona“ unter dem spanisch geschriebenen ›3 Retratos de Dory‹ verortet ›3 x Dory‹ in der Zeit der Coronapandemie, die im Dezember 2019 in China ihren Ausgang

genommen hat. Die ersten COVID-19-Fälle sind in Cuba Anfang März 2020 aufgetreten (vergleiche dazu und zum Folgenden https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Pandemie_in_Kuba). Am 11. März 2020 wurden die erste drei Fälle in Kuba bestätigt. Auf dem Kreuzfahrtschiff MS Braemar, das Mitte März mit über 1000 Passagieren in Cuba anlegen durfte, wurden mindestens fünf Passagiere positiv getestet. Bis zum 22. April 2020 wurden von der WHO insgesamt 1137 Fälle gemeldet, darunter 38 Todesfälle. Die von der Regierung ergriffenen Lockdown-Maßnahmen haben zum Einbruch des Tourismus und damit zum Einbruch des wichtigsten Wirtschaftszweigs geführt und die schwierige gesamtwirtschaftliche Situation noch verschärft. Zur Notversorgung wurden Lebensmittel und Sanitärprodukte dem freien Verkauf entzogen und gezielt rotierend verteilt. Damit kam der kubanische Alltag völlig durcheinander. Das Fantasma einer „GARANTIA PORVIDA“, einer lebenslangen Garantie auf ein auskömmliches Leben, ging buchstäblich den Bach und in Kadens Zeichnung ›Corona, Garantie Porvida‹  die Toilette hinunter (vergleiche dazu Kadens Zeichnungen ›Corona‹ vom 28.3.2020 und ›Corona mit Porträt Fidel‹ vom 25.3.2020). 

Da Kaden über keinerlei Privilegien verfügte, die ihm eine gute Ernährung und eine sinnvolle Versorgung ermöglicht hätten, traf ihn die Krise wie die Mehrheit der kubanischen Bevölkerung ins Mark. Er musste sich alles zusammensuchen und stand bis zu sieben Stunden in den Schlangen an. Es gab noch drei Adressen, wo man Essen kaufen konnte. Aber das Essen war schlecht und konnte seine Entkräftung und seinen körperlichen Verfall nicht aufhalten. Er verlor innerhalb kurzer Zeit zwanzig Kilo (vergleiche dazu das Selbstporträt ›Hunger‹), wurde zusehends schwächer und war dann nicht mehr in der Lage, in der Schlange zu stehen, um das wenige, das es noch gab, einzukaufen. Schließlich ging ›gar nichts mehr‹ (vergleiche dazu die gleichnamige Zeichnung ›Nun geht gar nichts mehr‹ vom 29.3.2020). Er merkte, wie das Leben wie eine Flüssigkeit aus seinem Körper herausfloss. Aber der Tod, der ihn wie ein Traum einholte (vergleiche dazu die Zeichnungen ›Todesengel, zweifach‹ von 2017/20, ›Nächtliche Erscheinung› und ›Nächtliche Erscheinung nach dem Stromausfall‹ von Anfang 2020), hatte plötzlich nichts Erschreckendes mehr; er empfand ihn als Erleichterung (vergleiche dazu die Zeichnungen ›Todesengel‹ von Anfang 2020 und ›Todes-Engel + Comic-Figur Revolutionär‹ von Anfang 2020). Er verpasste einen der letzten Quarantäne-Flüge, die von der Botschaft organisiert worden waren, weil er noch die Zeichnungen für seine Ausstellungen in München fertig machen wollte. Er saß zwei Monate auf seinem Bett und zeichnete buchstäblich ums Überleben. Es war eine so von ihm noch nie erlebte faszinierende Begegnung mit dem schwindenden Leben und dem Tod. Plötzlich verstand er die Bilder von Künstlern aus den 1920er Jahren, die vom Hunger gezeichnet sind, die Bilder von George Grosz, aber auch die von Picasso aus den ersten Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre Physiognomien transportieren die Not auf eindrucksvolle Weise. Es waren „Überlebens-Bilder“, die unter dem Einsatz des Lebens entstanden sind. Deshalb sind sie authentisch.

Zum Hunger, der ihn plagte, kam bei Kaden auch noch der Schmerz. Er hatte eine Zeit lang den Eindruck, dass bei seinem Zahnarzt etwas schief gelaufen sein musste, weil seine Schmerzen einfach nicht nachlassen wollten. In der Klinik stellt man fest, dass die Schmerzen nicht von den Zähnen, sondern von einem inoperablen Tumor herrühren, der sich auch schon äußerlich an seinem Hals zeigte (vergleiche dazu die Zeichnung ›Selbstbildnis mit Tumor‹ von Anfang 2020 und die Anfang 2020 nochmals überarbeitete Zeichnung vom 18.12.2018). Dass er seinen Humor und seine Neugierde auf das, was jetzt auf ihn zukommen würde, trotzdem nicht verlor, machen seine Zeichnungen ›Doppel-Porträt (animalisch)‹ vom 21.3.2020 und seine am 23.4.2020 fertiggestellte und damals „La Victima“ betitelte Zeichnung deutlich. Er nennt sie heute „Ich mit Kanüle“. Dazwischen liegt eine auf 35 Bestrahlungen angesetzte und, soweit man das bisher sagen kann, erfolgreiche Therapie im Klinikum rechts der Isar in München und ein Luftröhrenschnitt, der ihn nötigt, das Sprechen neu zu lernen (vergleiche dazu die Zeichnungen ›Die Sprache verbindet‹ vom 22.4.2020 und ›Formale Wiederholung ohne Sprache‹ vom 15.3.2015). Wie Siegfried Kaden nach seiner Rückkehr nach München (vergleiche dazu die Zeichnung ›Das zurückgelassene Atelier‹ vom Frühjahr 2020) auf dem Berg ankommen wird, den er seit dem Corona-Lockdown in Cuba und der Diagnose „unheilbar“ besteigt (vergleiche dazu die Zeichnung ohne Jahresangabe ›Selbstporträt als Extrem-Berg-Steiger‹, ohne Jahresangabe), werden die nächsten Monate zeigen. Dass er die 1995 in München vermisste und seither gesuchte Authentizität zwischenzeitlich gefunden hat, wird in seinem Zeichnungszyklus »56 x Havanna« unmittelbar und auf eindrückliche Weise deutlich. Seine dort versammelten und hauptsächlich zwischen Anfang Februar und Anfang Juni 2020 in Havanna überarbeiteten und neu entstanden Zeichnungen rühren an die Wurzeln der Existenz und sind wie die Hungerzeichnungen aus dem Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts auf erschreckende und faszinierende Weise authentisch, wahrhaftig und über ihre Entstehungszeit hinaus gültig. Auch sie sind dem Tod abgerungen. Der Preis war hoch und der Tod war überall. Aber Siegfried Kaden hatte keine Angst und keine Wahl.

Helmut A. Müller, 4. September 2020

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