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Aenne Biermann, Fotografin

Von Helmut A. Müller | In Kunst, Monografie

Herausgegeben von Simone Förster und Thomas Seelig im Zusammenhang mit der Ausstellung ›Aenne Biermann, Vertrautheit mit den Dingen‹ 2019 in der Pinakothek der Moderne, München und 2020 im Museum Folkwang, Essen. Mit Beiträgen von Simone Förster, Olivier Lugon, Stefanie Odenthal, Rainer Stamm, Katharina Täschner und Anna Volz

Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich in Zusammenarbeit mit der Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne, München und dem Museum Folkwang Essen, 1. Auflage, 2020, ISBN 978-3-85881-673-3,184 Seiten, 68 farbige und 35 s/w Abbildungen, Klappenbroschur, 28 x 121 cm, € 38.00

Die am 3. März 1898 in Goch am Niederrhein als Anna Sibylla Sternefeld geborene und schon früh am 14. Januar 1933 in Gera verstorbene Tochter einer vermögenden jüdischen Fabrikantenfamilie Aenne Biermann (vergleiche dazu Anne Volz, Aenne Biermann. Unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/aenne-biermann/DE-2086/lido/5e7c9b938a6707.42496765) zählt heute zu den festen Größen des Neuen Sehens, einer sich in den 1920–er Jahren entwickelnden Stilrichtung der Fotografie, die festgefahrene Strukturen in der Komposition, Belichtung und Beleuchtung der Fotografie auflockern wollte und stattdessen eine dynamische Ausrichtung postulierte, die sich dem gesellschaftlichen Fortschritt anpasst und diesen dokumentiert (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Neues_Sehen). Nach ihrer Heirat, ihrem Umzug nach Gera und der Geburt ihrer beiden Kinder Helga (1920) und Gerd (1923) begann sie diese und dann Pflanzen und Gegenstände aus ihrem persönlichen Umfeld zu fotografieren. Ihre musischen Talente waren in ihrer Familie zwar gefördert worden und sie hatte auch Klavierunterricht erhalten; aber eine fotografische Ausbildung besaß sie nicht. 

Erst ihre Zusammenarbeit mit dem Geraer Heimatforscher Rudolf Hundt ab dem Jahr 1927 veränderte ihren Blick auf die Fotografie. 1930 schreibt sie im Rückblick: „Vor etwa zwei Jahren bat mich ein Geologe, für seine wissenschaftlichen Arbeiten den Versuch von sehr scharfen Steinaufnahmen zu machen, bei denen es in der Hauptsache auf die Herausarbeitung bestimmter Details ankam. Durch diese Aufgabe wurde ich zu einer genauen Beschäftigung mit den technischen Vorbedingungen hochwertiger Bilder gezwungen“ (Aenne Biermann, Von der photographischen Darstellung im Allgemeinen und vom photographischen Unterricht im Besonderen. In: Thüringen. Eine Monatsschrift für alte und neue Kultur; 5. Jg., Nr. 5., Februar 1930, S.81; vergleiche dazu und zum Folgenden Stefanie Odenthal S. 105 ff.). Zuvor hatte ihre Aufmerksamkeit erst Schnappschüssen und dann den lebendigen Gebilden gedient, „die durch besondere Vielfältigkeit ihres teilweise architektonischen Aufbaus für photographische Wiedergabe am besten geeignet schienen, nämlich Blumen, Blättern und Pflanzen. Erst später belebte sich mir die Welt der scheinbar toten Gegenstände“ (Aenne Biermann, a. a. O.). „Erst das Fotografieren von Mineralien führte Aenne Biermann zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Fotografie und markierte den Beginn ihrer Entwicklung zu einer der bedeutendsten Fotografinnen der 1920-er und 1930-er Jahre“ (Stefanie Odenthal a. a. O.).

Ihre Aufnahmen (vergleiche dazu https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Aenne_Biermann?uselang=de#/media/File:Aenne_Biermann_Gerd_c1931.jpg

und aenne biermann) waren in allen wichtigen Ausstellungen zur Fotografie der 1920-er und  1930-er Jahre „Seite an Seite mit Fotografien von Berenice Abbott, Herbert Bayer, Karl Blossfeldt, Marianne Brandt, Hans Finsler, Florence Henri, Anneliese Kretschmer, Germaine Krull, El Lissitzky, László Moholy-Nagy, Lucia Moholy, Albert Renger-Patzsch, Yva und vielen anderen Avantgardekünstlerinnen und -künstlern vertreten“ (Simone Förster, Das intuitive Erfassen optischer Reize. S. 21). Und doch unterschieden sie sich mit ihren engen Bildausschnitten, ihrer dynamischen Kameraperspektive, ihrer Bild- und Flächenkonstruktion, ihren starken Kontrasten, ihrem Fokus auf der Oberflächenbeschaffenheit und Materialität ihrer Motive und ihrem Spiel mit Schärfe- und Unschärfebereichen deutlich durch ihre sichtlich enge Beziehung zu den fotografierten Objekten: „Sie entlocken den Personen und Gegenständen ihres alltäglichen Umfelds eine besondere Poesie und stellen in einer zunehmend unübersichtlich werdenden Welt eine“ ›Vertrautheit mit den Dingen‹ (Aenne Biermann) her (Simone Förster, Aenne Biermann. Vertrautheit mit den Dingen. In: https://www.pinakothek-der-moderne.de/magazin/aenne-biermann/).

Die zu den Ausstellungen in München und Essen erschienene, durchgehend lesenswerte und mit dem Deutschen Fotobuchpreis 20 /21 in Gold in der Kategorie Fotogeschichte ausgezeichnete Monografie unterstreicht einmal mehr, dass Künstlerinnen und Künstler zumindest in den Anfängen ihrer Arbeit auf Unterstützer und Förderer aus dem Kunstsystem angewiesen sind. Bei Aenne Biermann waren dies unter anderem der freie Münchener Kunsthistoriker, Kritiker, Publizist, Fotograf und Ausstellungskurator Franz Roh (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Roh), der Architekt Thilo Schoder (vergleiche dazu etwa https://architekten-portrait.de/thilo_schoder/index.html) und der Kunsthistoriker und Gründungsdirektor des Landesmuseums für Kunst und Kunstgeschichte in Oldenburg Walter Müller-Wulckow (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Müller-Wulckow). Müller-Wulckow ermöglichte ihr im Juni 1929 ihre erste museale Einzelpräsentation und erwarb acht Aufnahmen aus der Ausstellung für seine Sammlung.

ham, 8. Februar 2021

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