Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt 2016, ISBN 978-3-95601-162-7, 223 Seiten, 34 schwarzweiße
Abbildungen, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 19,2 x13,4 cm, € 19,90

Manchmal hilft es, ein Buch wie im Hebräischen oder Arabischen von links nach rechts und damit von
hinten nach vorne zu lesen. Bei Albert Stählis Buch über die Araber ist das so. Von vorne nach hinten gelesen
fragt man sich, warum sich der gelernte Andragoge, Gründer der Graduate School of Business
Administration (GSBA) in Zürich und Horgen am Zürichsee und in der Ausbildung von Managern tätige
Stähli als Fachfremder in die Geschichte der Araber, die Entstehung und kulturelle Hochblüte des Islam und
seine Bildungsstrategien ebenso eingearbeitet hat wie in die der Sonnenkönigreiche Süd- und Mittelamerikas
und die der Wikinger, Normannen und Franken. Im Epilog will er seinen Beitrag als „Einladung zu einer
Reise in die Vergangenheit“ verstanden wissen, „um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu
gestalten“ (Albert Stähli S. 211). Bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts habe man im Westen kaum mehr
von den Ländern Arabiens gewusst, „als dass dort Sand, Kamele und der für die Landsleute durchaus zu
vereinbarende Glaube an Dschinnis und Allah zu finden waren“ (Albert Stähli a. a. O.). Nach 9/11 würden
arabischstämmige Menschen fälschlicherweise allzu schnell mit Islamisten gleichgesetzt und die großen
Leistungen der Araber nicht in dem Maße gewürdigt werden, wie sie es nach ihrer historischen Bedeutung
verdienen. „An den Fortschritten bei der Bildung und der Bewahrung des Wissens sowie an den
wissenschaftlichen Errungenschaften der frühen Araber indes kann nicht gedeutelt werden […]. Nicht nur
(Bildungs-)Politikern und Führungskräften in den Wissenschaftsbetrieben, Unternehmern und Managern und
allen, die durch ihr Vorbild auf die Gesellschaft wirken, steht es gut zu Gesicht, sich durch eine differenzierte
Haltung zu den Arabern als Ethnie von des Volkes zorniger Stimme zu unterscheiden. Das setzt die
Bereitschaft voraus, Bildung und Wissen zu erwerben. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft
gestalten“ (Albert Stähli S. 214).

Nach Stähli kann man aus der Geschichte der Araber und des Islam vor allem lernen, dass es erstens erlaubt
sein muss, „seinen Glauben zu leben, seinen Kopf zu gebrauchen und dabei auch Fehler zu machen. Toleranz
ist die Grundbedingung für Erfolg ohne Neider […]. Hätten die Araber zu Zeiten des frühen Islam nicht so
viel Toleranz geübt, dann hätte sie ihr Siegeszug wohl nicht bis nach Nordindien und an den Atlantik
gebracht […]. Indem sie […] ihren Feinden die Freiheit ihres Glaubens und die freie Selbstverwaltung
gestattet haben, haben sie klug gehandelt. Und indem sie ihre Tore für die Weisheit der Welt geöffnet haben,
haben sie weitsichtig gehandelt“ (Albert Stähli S. 171 und 179).

Zweitens kann man nach Stähli von den Arabern lernen, dass Elitebildung keine Massenveranstaltung ist und
dass, wer als Staat die Besten aus aller Welt großzügig fördert, zu den Besten der Welt gehören wird.
„Sowohl die umayyadischen Herrscher in Al-Andalus als auch die abbasidischen Kalifen in Bagdad haben
die Bedeutung der Bildung besser eingeschätzt als viele Politiker in der Gegenwart. Jedenfalls wussten sie,
dass die Sammlung und Vervollständigung eines hochklassigen Wissensschatzes Geld kostet, und das stellten
sie Hochschulen, Gelehrten und Studierenden großzügig zur Verfügung. Und die Folge der
„Exzellenzinitiative“ der frühen Araber? Die ganze Welt beneidet sie um ihr Wissen“ (Albert Stähli S. 180
und 185).

Für Stähli setzt kulturelle Offenheit drittens die politische Übereinstimmung der aufnehmenden Gruppe
voraus. „Offenheit macht klug. Einigkeit macht stark“ (Albert Stähli S. 186). Viertens müssen nach Stähli
gute politische und geschäftliche Ideen mit voller Kraft angegangen werden. „Warum sich die Araber dabei
nicht zum Vorbild nehmen? Sie hatten das, was heute so dringend gebraucht wird: flexible, furchtlose und
kompetente Führungspersönlichkeiten – und Gefolgsleute, die die Strategie mitgetragen haben“ (Albert
Stähli S. 203). Schließlich empfiehlt Stähli fünftens im globalen Kampf um Marktanteile international und
interkulturell agierenden Manager in den mittleren und höheren Etagen auf die eigenen Stärken zu setzen.
„Nur solche Unternehmen und Organisationen, die bereit sind, sich für das Fremde zu öffnen, ohne ihre
Identität aufzugeben, werden in den heiß umkämpften Arenen der Wirtschaft Marktanteile erringen und
verteidigen können“ (Albert Stähli S. 210).

ham, 11. Februar 2017

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