Ins Deutsche übersetzt von Susanne Naumann
Mit einem Nachwort von Rabbiner Walter Homolka

Patmos, Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2018, ISBN 978-3-8346-1051-3, 96
Seiten, zwei Abbildungen, Hardcover mit Lesebändchen, Format 17,5 x 12 cm, € 12,00 (D) / € 12,40 (A)

Amos Oz’ Zwischenruf geht auf einem am 25. Mai 2017 in Berlin gehaltenen Vortrag über Jesus und Judas
zurück, in dem er an die Thesen seines Großonkels Joseph Gedalja Klausner über Jesus erinnert, sie
weitergedacht und auf Judas, den christlichen Antijudaismus und den islamischen Antisemitismus hin
ausgezogen hat. Der 1874 in Litauen geborenen und 1958 in Jerusalem verstorbenen liberalen Zionist und
Professor für hebräische Literatur und die Erforschung der Geschichte des Zweiten Tempels Joseph Gedalja
Klausner hatte die These vertreten, dass Jesus von Nazareth als Jude lebte, als Jude starb und als
nonkonformistischer Jude zwar das religiöse Establishment seiner Zeit kritisiert hat, aber nie eine neue
Religion gründen wollte (vergleiche dazu auch https://translate.google.de/translate?hl=de&sl=en&u=https://
jnjr.div.ed.ac.uk/primary-sources/modern/joseph-klausners-jesus-of-nazareth-1922-a-modern-jewish-studyof-
the-founding-figure-of-christianity/&prev=search). „Nach Klausner könnte man Jesus als ›Reformjuden‹
einordnen“ (Amos Oz S. 11). Klausner hat seinen Großneffen wohl auch deshalb dazu angehalten, sich
Kirchen und Kreuze genau anzusehen und sich nicht, wie im damaligen Judentum üblich, von ihnen
abzuwenden: Denn Jesus war „einer von uns, einer unserer großen Lehrer, einer unserer bedeutendsten
Moralisten, einer unserer größten Visionäre“ (Joseph Gedalja Klausner nach Amos Oz S. 12).

Oz hat es sich in seiner Schulzeit im Kibbuz Hulda dann auch nicht nehmen lassen, die Evangelien zu
studieren, obwohl das Neue Testament in jüdischen Schulen „niemals, unter keinen Umständen in den
Unterrichtsstoff einbezogen“ war. Er war damals sechzehn Jahre alt. „Die anderen Jungen spielten Basketball
oder stellten den Mädchen nach. Ich war in beidem ein hoffnungsloser Fall – doch ich fand Trost bei Jesus.
Ich […] verliebte mich in Jesus, in seine Vision, seine Zärtlichkeit, seinen herrlichen Sinn für Humor, seine
Direktheit, in die Tatsache, dass seine Lehren so voller Überraschungen stecken und so voller Poesie sind.
Ich war in keinem Punkt mit ihm einig, doch das ist nun einmal unser Wesen. Sie werden niemals zwei Juden
finden, die sich in irgendeiner Sache einig sind […]. So war ich also uneins mit Jesus, was seine Vision von
der universalen Liebe betrifft, nach der alle Menschen sich untereinander lieben. Ich fand diese Vorstellung
zu gut, um möglich zu sein. Und ich war uneins mit seiner Forderung, die andere Wange hinzuhalten. Kurz,
es gab eine Menge Dissens zwischen uns, doch im Großen und Ganzen verliebte ich mich in Jesus“ (Amos
Oz S. 15 ff.).

Als er aber in den Evangelien zur Geschichte mit dem Verrat gekommen war, war er mehr als verärgert: Aus
seiner Sicht war diese Szene alles andere als stimmig. Weder war Judas als reicher Großgrundbesitzer aus
Juda auf die dreißig Silberlinge angewiesen, noch ist einsichtig, warum er seinen Rabbi verkauft haben soll,
noch ist erklärbar, warum er einen, den jeder in Jerusalem kennt, mit einem Kuss verraten haben soll. „Kein
verantwortlicher Herausgeber hätte diese Geschichte in den Evangelien stehen lassen. Es ist eine üble
Geschichte. Sie ist schlecht geschrieben; sie ist abstoßend und für die Evangelien keineswegs zwingend“.
Und sie ist „alles andere als harmlos. In meinen Augen hat keine andere jemals erzählte Geschichte ein
solches Ausmaß an Hass, Verfolgung und Mord entfesselt wie diese Geschichte über den Verrat, über die
dreißig Silberlinge, über den Kuss“ (Amos Oz S. 22 f.). „In meinen Augen ist die Geschichte von Judas in
den Evangelien gleichsam das Tschernobyl des christlichen Antisemitismus der vergangenen zweitausend
Jahre. Diese Geschichte verseucht das Verhältnis zwischen Juden und Christen seit Jahrtausenden, indem sie
die Juden zu Opfern und die Christen zu Tätern macht. In neuerer Zeit führt sogar der islamische
Antisemitismus die Judas-Geschichte als Argument gegen die Juden ins Feld. Alle Juden sind Judas: Verräter,
Gottesmörder, habgierige Betrüger“ (Amos Oz S. 25 f.).

Unter anderem deshalb lässt Oz die Hauptfigur Shmuel Asch, einen Studenten der Theologie und der
Vergleichenden Religionswissenschaft, in seinem Roman Judas die These aufstellen, dass Judas Jesus gar
nicht verraten hat. Er habe vielmehr von ganzem Herzen und stärker an Jesu geglaubt als Jesus selbst. Judas
wollte die Königsherrschaft Jesu herbeizwingen. Er sollte nicht in der Provinz, sondern spektakulär am
Vorabend des Pessachfestes in Jerusalem gekreuzigt werden und dann dort vor den Augen aller Pilger heil
und unversehrt vom Kreuz herabsteigen. „›Dann werden sie auf die Knie fallen und du wirst sagen, liebt
einander und damit beginnt das Himmelreich. Genau das musst du tun; du kannst es. Zögere nicht, glaub an
dich. Hast du nicht Tote auferweckt? Bist du nicht übers Wasser gewandelt? Hast du nicht Wasser in Wein
verwandelt? Du wirst es ihnen zeigen. Hast du nicht Sterbende gesund gemacht? Du wirst vom Kreuz steigen
und die Welt wird gerettet werden. Das wird das ultimative Wunder sein; danach wird die Welt kein Wunder
mehr brauchen: Die Menschen werden einander lieben und das Himmelreich wird beginnen‹“ (Amos Oz S.
34).

Aber als Jesus am Kreuz hängt, ›Eli, Eli, lama sabachthani? Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen‹ ruft und stirbt, merkt er, dass er seinen Lehrer, seinen Rabbi, seinen besseren Bruder, seinen Gott
getötet hat, den Menschen, den er am meisten liebte, indem er mehr von ihm verlangte, als er einlösen
konnte, „das Kommen des Himmelreichs am nächsten Tag, in der nächsten Stunde, im nächsten Augenblick
[…]. Und da geht er hin und erhängt sich“ (Amos Oz S. 40).
Wenn Iskarioth, der Beiname von Judas auf seine Nähe zu den Zeloten (von lateinisch sicarius,
»Dolchmann«), verweist, spricht manches für die von Oz und vor ihm immer wieder auch von der
theologischen Forschung zur Diskussion gestellte Version. Unausgeglichen bleibt jedenfalls die Spannung
zwischen der in den Evangelien in Rechnung gestellten Aktivität Gottes („Der Menschensohn wird
überantwortet in die Hände der Sünder“ ❲Markus 14, 41❳ / „Er hat ihn für uns alle dahingegeben“ ❲Römer 8,
32❳) und der Aktivität des Menschen Judas, zwischen der göttlichen Bestimmung und dem menschlichen
Handeln. Unaufgelöst bleibt auch die Frage, warum Judas in den Evangelien kein Hauch von Erbarmen
entgegengebracht wird und in der Christentumsgeschichte zuallermeist Hass und Hohn.
Eine zweiteilige Szene an einem über 800 Jahre alten Säulenkapitell der romanischen Kathedrale Sainte-
Marie-Madeleine von Vézelay in Burgund schlägt folgende mit einer weit verstandenen christlichen
Gnadenlehre kompatible Lösung vor: Auf der linken Seite des Kapitels hängt Judas mit aufgerissenen Augen
und heraus hängender Zunge an seinem Strick. Auf der rechten Seite nimmt Christus den Leichnam auf seine
Schultern und trägt ihn wie der gute Hirte in sein Reich (vergleiche dazu http://www.pius-kirchgessner.de/
07_Bildmeditationen/4_Christus/Judas.htm).

Walter Homolka und andere jüdische Gesprächspartner würden diese Lösung mutmaßlich als christliche
Vereinnahmung empfinden. Bei einer echten Annäherung an ihre jüdischen Gesprächspartner müsste sich die
christliche Seite nach Homolka zwischen der Vorstellung von der Ablösung des ›Alten‹ durch den ›Neuen
Bund‹ und der Vorstellung positionieren, dass der historische Jesus den Christen Zugang zur
Gottesverheißung des jüdischen Volkes verschafft. Amos Oz könnte möglicherweise nicht nur zwischen der
jüdischen Jesus-Rezeption im 19. und 21. Jahrhundert, sondern auch bei der Annäherung an die jüdischen
Gesprächspartner eine Brücke schlagen. Sein Eingehen auf Jesus und Judas macht jedenfalls deutlich: „Für
die jüdische Seite ist die Beschäftigung mit dem Juden Jesus Ausdruck einer neuen Freiheit und eines neuen
Selbstbewusstseins“ (Walter Homolka S. 89). Homolkas Schlussfrage, ob die Christen und ihre Kirchen in
der Lage sein werden, die Verortung Jesu im Judentum und seine Heimholung in die jüdische
Schicksalsgemeinschaft zu respektieren und in ihre christologische Deutung Jesus einzubeziehen, geht weit
über den Band hinaus und bleibt dort unbeantwortet.

ham, 31. März 2018

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