Jan 29

Anatol Kotte, Iconication

Von Helmut A. Müller | In Kunst

Mit einem Gespräch zwischen Anatol Kotte und Nadine Barth als Vorwort

Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2015, ISBN 978-3-7757-4035-7, 224 Seiten, 152 Abbildungen, Hardcover
gebunden, Format 53,5 x 28,7 cm, € 49,80

Einige der im Band Iconication vorgestellten 152 Portraits und Landschaftsaufnahmen hat man vielleicht schon einmal im Time Magazin, der Zeit, dem Stern oder der L’Uomo Vogue gesehen. Sie stammen von dem in Hamburg lebenden Fotografen Anatol Kotte, der neben Personen auch Autos, Fahrräder, Städte und Landschaften fotografiert. Angela Merkel stand schon vor seiner Kamera, Geraldine Chaplin, Jan Hoet, Henning Mankell, Sir Roger Moore, Walter Röhrl und Albert Oehlen zusammen mit Manfred Kippenberger auf der feuergeschwärzten Stuhlskulptur von Magdalena Jetelova in Frankfurt am Main. Kotte sucht Abbildungen, die wir so noch nicht kennen, einen neuen Blick auf altbekannte Gesichter. Bei seinen Aufnahmen überlässt er nichts dem Zufall; er bereitet sich akribisch auf seine Begegnungen mit den zu Porträtierenden vor und ist zumeist schon zwei Stunden vorher da. Das Bild liegt dann in seinen Grundzügen schon vor der Aufnahme fest. Deshalb sind die Spielräume der Porträtierten minimal. „Ich versuche, alles auf einen Schuss, der mir im Kopf herumschwebt, hinzulenken. Manchmal gibt’s dann aber auch eine Überraschung“ (Anatol Kotte S. 4). Viele von Kottes Portraits sind durch seine Herangehens- und Arbeitsweise zu Ikonen geworden. Daher auch der Buchtitel Iconication: „Der Buchtitel bezieht sich auf meine Arbeitsweise. Eher wenige Belichtungen und viel Kopfarbeit im Vorfeld. Und letztlich auf das zweifelhafte Ikonisieren von Prominenten und die Rolle des Fotografen als deren Helfer“ (Anatol Kotte S. 4)

Dem Ideal des anderen Blicks kommen in der vorliegenden Auswahl für mich die Aufnahmen von Joachim Gauck aus dem Jahr 2011 und von Uschi Obermaier aus dem Jahr 2010 am nächsten. Beide sind wie die allermeisten Portraits von Anatol Kotte schwarz-weiß gehalten. Gauck wird als Halbfigur leicht schräg von links vorne im staatstragenden schwarzen Anzug und blütenweißen Hemd gezeigt. Der Kopf ist andeutungsweise nach vorne gebeugt. Die aufgestützte rechte Faust scheint das Kinn zu berühren. Gaucks Mundwinkel zeigen nach unten. Die Augen sind geschlossen; sein innere Blick sucht festen Grund. Sein rechter Daumen schiebt die Unter- und die Oberlippe wie bei einem Einfall nach oben. Die Stirn ist wenig oberhalb der Augenbrauen abgeschnitten. Sein übergroßer Daumen dominiert das Bild. Gaucks Haltung und Gesichtsausdruck erscheinen fremd. Aber man spürt, dass Schweres auf ihm lastet. Uschi Obermaier gilt für viele 68er seit ihrem Einzug in die Kommune 1 als die Lichtgestalt der freien Liebe. Wenn man Kottes Porträt Glauben schenkt, sind ihr ihre berückend schwarzen Haare bis heute erhalten geblieben. Es zeigt aber auch, dass sie deutlich älter geworden ist. „Das Gewebe und die Muskeln lassen schon etwas nach, aber ich bin wirklich jemand mit guten Genen, der sich nicht beschweren kann“ (Uschi Obermaier in einem Interview mit Jochen Siemens).

ham, 28.1.2016

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