Was uns ängstigt. Was wir wissen. Was wir tun können

Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke und Marlene Müller-Haas

C.H.Beck Paperback, C.H.Beck Verlag, München, 2016, ISBN 978-3-406-68995-6, 240 Seiten, 20
Schwarzweißabbildungen, Broschur, Format 19,5 x 12,5 cm, € 12,95 (D) / € 13,40 (A)

Im Gespräch mit älteren Menschen begegnet einem immer wieder die Sorge, dass ihre gestiegene
Vergesslichkeit den Beginn von Alzheimer anzeigen könnte und hört dann den Satz „Wenn ich nur im Kopf
klar bleibe!“. André Alemans Band über das alternde Gehirn fasst zusammen, was aus der Sicht der
Hirnforschung zu dieser und ähnlichen Sorgen gesagt und was getan werden kann. Klagen über ein
nachlassendes Gedächtnis sind „wohl am häufigsten. Ebenfalls genannt werden eine geringere
Konzentrationsfähigkeit und die Schwäche, von äußeren Reizen schneller abgelenkt zu werden. Doch
darüber, nicht mehr so schnell denken zu können, wird seltener geklagt. Das rührt daher, dass Tempo
meistens kein Ziel an sich darstellt, sondern eher als Mittel zum Zweck betrachtet wird“ (André Aleman S.
36).

Ab 70 lassen in der Tat die Denkgeschwindigkeit, das Konzentrationsvermögen und die Fähigkeit, zwischen
unterschiedlichen Denkformen hin und her zu wechseln, ebenso nach wie die Fähigkeit, sich neue
Informationen einzuprägen und unwichtige Informationen auszublenden. Die Verlangsamung der
Denkgeschwindigkeit beginnt aber bereits mit etwa 20 und entwickelt sich sukzessive. Die gute Botschaft
ist, dass das Weltwissen und der Wortschatz vom Alter unberührt bleiben und eine positive Sicht auf das
Altern einen größeren Einfluss auf unsere Gesundheit hat „als Faktoren wie körperliche Bewegung, Rauchen
und Übergewicht“ (André Aleman S. 46). Ältere Menschen sind ausgeglichener, können mit ihren Gefühlen
besser umgehen und komplexe soziale Situationen besser erfassen. Bei über 70-Jährigen können sich zwar
häufiger depressive Verstimmungen einstellen als im mittleren Lebensalter, aber zu schweren Depressionen
kommt es seltener. Die Chance, auf einen netten Menschen zu treffen, ist größer und im „Alter von 60 oder
mehr Jahren fühlen sich Menschen glücklicher als zwischen 20 und 40“ (André Aleman S. 67).

Aber schönreden kann man das Alter trotzdem nicht. „Hirnzellen sind dem gleichen Alterungsprozess
unterworfen wie andere Körperzellen. Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass dabei die Aktivität des
Hormons Insulin von großer Bedeutung ist. Insulin ist ein wesentlicher Bestandteil des Stoffwechsels, und
ein Jahre währender Stoffwechsel bewirkt den für Alterungsprozesse symptomatischen »Verschleiß« […].
Ein damit zusammenhängender Mechanismus […] ist der »oxidative Stress«. Er wird so bezeichnet, weil es
sich um Sauerstoffverbindungen handelt, die Druck auf die Zellen ausüben und sie dadurch beschädigen
können. Die Verbindungen lagern sich an den Zellen an und wirken sich vor allem auf die DNA, die
genetische Zellinformation schädlich aus […]. Viel Essen erhöht den Stoffwechsel und damit den oxidativen
Stress, maßvolles Essen hat dagegen eine Schutzwirkung“ (André Aleman S. 72 ff.). Dazu kommen die im
Laufe der Jahre eintretende Beschädigung der Mitochondrien, das Nachlassen der Leistungsfähigkeit unserer
Atmungsorgane und des Herzens und die Mangelversorgung des Gehirns mit Nährstoffen und Sauerstoff. In
der Folge nimmt das Volumen unseres Gehirns zwischen dem 50 und 80. Lebensjahr um zehn Prozent ab und
es wird zehn Prozent leichter. Der für das Planen, das Arbeitsgedächtnis und das Organisieren zuständige
frontale Cortex und der für das Langzeitgedächtnis und das Speichern von Informationen zuständige
Hippocampus werden am stärksten in Mitleidenschaft gezogen. „Der Abbau der weißen Substanz hat eine
Abnahme der Denkgeschwindigkeit zur Folge“ (André Aleman S. 90). Die Neubildung von Neuronen nimmt
um 80 Prozent ab. Ältere Menschen kompensieren die Veränderung des frontalen Cortex mit der stärkeren
Nutzung des hinteren Teils des Gehirns; sie benützen auch häufiger beide Gehirnhälften gleichzeitig.

Wenn leichte kognitive Veränderungen (MCI), das Vorstadium von Alzheimer, nachgewiesen werden,
entwickeln sich diese Probleme in fast der Hälfte der Fälle nicht weiter und in einem von sieben Fällen trifft
die Diagnose MCI nach fünf Jahren nicht mehr zu. Aber 1 Prozent der 60-Jährigen, 7 Prozent der 75-
Jährigen und 30 Prozent der 85-Jährigen sind von Demenz betroffen. Zwar können kognitives Training und
körperliche Bewegung dem Abbau bei MCI gegensteuern, aber eine „wirksame Behandlung gegen Demenz
gibt es noch nicht“ (André Aleman S. 121). Es gibt derzeit noch keine Medikamente, die unser Gehirn oder
unser Denkvermögen sicher und zuverlässig verbessern. Ein Placebo-Medikament hat auffallend positive
Auswirkungen. Nur „für Vitamin B12 und Omega-3-Fettsäuren ist wissenschaftlich erwiesen, dass sie zu
Verbesserungen führen oder den geistigen Abbau verlangsamen können“ (André Aleman S. 171).
Wer ein Leben lang geistig gearbeitet hat, hat ein geringeres Risiko, an Alzheimer zu erkranken, wer
regelmäßig Sport treibt, ein noch geringeres. „Für ältere Menschen, die schlecht zu Fuß sind und sich
trotzdem bewegen wollen, ist Tai-Chi sehr gut geeignet“ (André Aleman a. a. O.). Was können wir also tun?
Unser soziales Umfeld und unsere Interessen pflegen, etwas für unseren Körper tun und uns beim Essen
mäßigen. Aleman fasst es so zusammen:
„ . Wir sind nicht nur unser Gehirn, sondern wir sind, wer wir sind, durch die Wechselwirkung mit unserer
Umgebung: Was wir essen, wo wir uns aufhalten und welche Beziehungen wir haben, ist von
ausschlaggebender Bedeutung dafür, wer wir sind.
. In Okinawa leben die ältesten gesündesten Menschen der ganzen Welt. Ihre Nahrung enthält wenig
gesättigte Fettsäuren, Salz und Zucker.
. Ein entscheidendes Element einer für das Gehirn positiven Ernährung ist Mäßigung: Man sollte nicht zu
viel essen.
. Ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, am besten anderthalb Liter Wasser pro Tag, ist ebenfalls
wichtig.
. Dass Körperbewegung gut für unsere geistigen Fähigkeiten ist, wurde am besten nachgewiesen.
. Das Lesen von Büchern eignet sich ebenfalls vorzüglich, unser Gehirn fit zu halten.
. Spiritualität, Religion und Achtsamkeit haben einen nachweislich positiven Einfluss auf die geistige
Gesundheit“ (André Aleman S. 216).

ham, 25. April 2016

Download
ham, 25. April 2016

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2020 Helmut A. Müller