KERBER Photo, Kerber Verlag Bielefeld, 2020, ISBN 978-3-7356-0663-1, 336 Seiten, 182 farbige Abbildungen, Klappenbroschur, Format 24 x 17,1 cm, € 25,00 / CHF 30,70

Die weltweite Graswurzelbewegung Fridays for Future hat mit ihren freitäglichen Schulstreiks für das Klima während der Unterrichtszeit, ihren Schildern und ihren Transparenten über Monate die Aufmerksamkeit der Medien und der Politik erregt. Sie geht auf den SKOLSTREEJK FÖR KLIMATET von Greta Thunberg im Jahr 2018 zurück und setzt sich für möglichst umfassende, schnelle und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen ein, um das auf der Weltklimakonferenz in Paris beschlossene 1,5-Grad-Ziel der Vereinten Nationen doch noch einhalten zu können (vergleiche dazu und zum Folgenden https://de.wikipedia.org/wiki/Fridays_for_Future). Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 hat sie ihre straßenöffentliche Sichtbarkeit und auch die Aufmerksamkeit der Medien verloren. Neuerdings läuft ihr Protest fast vollständig im Netz (vergleiche dazu Fabian Scheler, Update: Friedas trotz Corona: https://www.zeit.de/politik/2020-04/netzstreik-fuers-klima-fridays-for-future-nachrichtenpodcast). 

Umso wichtiger ist das jetzt erschienene lesenswerte Künstlerbuch der 1965 in Regensburg geborenen und heute in Berlin und im Havelland lebenden Fotografin Andrea Baumgartl ›Wir sind hier, wir sind laut, Fridays for Future‹ (vergleiche dazu https://www.andreabaumgartl.de/wir-sind-hier-wir-sind-laut-fridays-for-future/ und https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/tipp-wir-sind-hier-wir-sind-laut-fridays-for-future-100.html), das den Streik für das Klima in seinen diversen Facetten und in seiner Ernsthaftigkeit dokumentiert. Das Künstlerbuch steht anders als Baumgartls fotografischen Porträts, Landschaften und Stillleben (vergleiche dazu ihren Katalog Havelpark, Verlag Kleinheinrich Buchkunst, Münster ISBN 978-3-930754-83-0 unter http://archiv.andreabaumgartl.de) in der Tradition der dokumentarischen Sozial- und Autorenfotografie und verdankt sich der Begleitung der Berliner Fridays for Future-Kundgebungen und Demonstrationen ab dem 1. Februar 2019. „Mir war und ist es eine große Freude, an den Demonstrationen und Kundgebungen teilzunehmen. Die jungen Leute tun dies viel bedingungsloser als wir älteren. Ich bin den Schülern und Studenten sehr dankbar, dass sie die Initiative ergriffen haben und etwas ändern wollen. Die ersten Male hatte ich noch etwas Schwierigkeiten, mit ihnen zu schreien: ›Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!‹ Aber nach kurzem Zögern hatte ich beschlossen: Auch ich habe ja hoffentlich noch eine Zukunft. Inzwischen bin ich fest überzeugt: Wir können alle gemeinsam für eine Zukunft kämpfen! Und ich weiß, dass die jungen Menschen nicht schwänzen, sondern viele Kilometer durch die Straßen laufen und sich die Kehle aus dem Hals schreien. Oder bei Kälte am Invalidenpark stehen und sich durch ›Hoch für den Klimaschutz, runter für die Kohle!‹ (dabei ist in die Hocke zu gehen) warm halten. Und ich habe gesehen, dass zuletzt in den Ferien ein Drittel mehr Kinder dabei waren als zu Schulzeiten. Ich war auf den Kundgebungen oft sehr bewegt und gerührt von den Äußerungen der Schüler. Und ich fühle mich auch schuldig […]. Weil wir im Grunde unseres Herzens schon lange wissen, dass wir so nicht weitermachen können, dass unser Lebensstil zulasten der zukünftigen Generationen geht“ (Andrea Baumgartl S. 294 f.).

Für den in Berlin lebenden Fotohistoriker, Publizist und Kurator Enno Kaufhold bildet die Bewegung gewissermaßen die Enkelgeneration der Demonstrierenden, die Ende der 1960-er Jahre gegen den Vietnamkrieg, für eine schonungslose Aufarbeitung der Vergangenheit und für die sexuelle Befreiung auf die Straße gegangen sind. Dass die erwähnte Enkelgeneration und damit weit jüngere Menschen wie selbstverständlich auf die Straßen gegangen sind, „ist auch Konsequenz jener sozialen Veränderungen, welche die jungen Erwachsenen gegen Ende der 1960er-Jahre eingeleitet haben. Ihre damaligen Demonstrationen müssen rückblickend als wegbereitend für die heutigen liberaleren Gesellschaftsformen angesehen werden“ (Enno Kaufhold S. 227 f.). 

Auch für den Grünen-Politiker, vormaligen Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und heutigen Geschäftsführer des Zentrums Liberale Moderne Ralf Fücks ist Fridays for Future eine neue Art außerparlamentarischer Opposition, aber eine Opposition, die von Zukunftsangst geprägt ist. „Fücks befürchtet, dass die Klimastreiker bereit sein könnten, die Demokratie und die Marktwirtschaft ihrer Panik zu opfern. Dem setzt er seinen Schlussappell entgegen: ›Die Jungen haben allen Grund, ungeduldig zu sein und Regierungen wie Unternehmen Dampf zu machen. Aber am Ende werden wir nur gewinnen, wenn wir die große Mehrheit unserer Gesellschaften überzeugen, dass Klimaschutz, Wohlstand und eine freiheitliche Lebensform unter einen Hut zu bringen sind. Mut zur Zukunft ist besser als Panik‹“ (zitiert nach  https://de.wikipedia.org/wiki/Fridays_for_Future). Der systematische Theologe und ehemalige Vorsitzende des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland Wolfgang Huber sieht im Aufstand der Jugend dagegen den Versuch, Angst in zukunftsorientiertes Handeln umzuwandeln. Nach seiner Auffassung behält die Hoffnung und nicht die Angst das letzte Wort.

ham, 6. Juni 2020

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