Verlag Herder, Freiburg i. B. 2017; Neuauflage 2020, ISBN 978-3-451-60071-5, 176 Seiten, Broschur, Format 21,5 x 13,5 cm, € 14,00

Suchtforscher beschreiben die Liebe als eine Abhängigkeit erzeugende Bewältigungsstrategie. Soziologen betrachten sie neben dem Recht und der Solidarität als eines der drei Muster intersubjektiver Anerkennung. Sie zeichnet sich demnach durch emotionale Zugewandtheit und Wohlwollen aus, ermöglicht Selbstvertrauen und ist identitätsstiftend. Für Hormonforscher wird sie von der Ausschüttung des Liebeshormons Oxytocin begleitet. Aus der Perspektive der Neurobiologen wird sie durch die Aktivierung bestimmter neuraler Netzwerke hervorgebracht. Für Theologen ist sie eine Gottesgabe. Sie ist langmütig und freundlich. Sie eifert nicht. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles. Ohne Liebe ist alles andere nichts.

Für den Benediktinermönch Anselm Grün, den Sozialökologen Maik Hosang und den Neurobiologen Gerald Hüther kommt es bei der eigenen Lebensgestaltung und der Gestaltung seiner Beziehungen zu seiner Mit- und Umwelt weniger auf die richtige Definition der Liebe an und auch nicht auf das, was man von der Liebe weiß, sondern auf das, was er oder sie aus einer liebevollen Haltung heraus tun. Deshalb haben sie für ihre Publikation den aus der Weisheitslehre der Veden, dem Buddhismus und der indischen Jogis stammenden Titel ›Die Liebe ist die einzige Revolution‹ gewählt. Ein Mensch, der sich so, wie er ist, geliebt weiß, erlebt sich als bedeutsam. Er muss sich nicht anstrengen, um von anderen Personen gesehen und wertgeschätzt, um geliebt zu werden. Ein solcher Mensch braucht weder Reichtum noch Macht noch Anerkennung oder Einfluss. Er trägt deshalb auch nicht zur weiteren ungleichen Verteilung von Besitz, Macht und Einfluss und den sich daraus entwickelnden Herrschaftsstrukturen bei.

 „Wären alle Menschen so aufgewachsen, dass sie sich bedingungslos geliebt fühlten, gäbe es keine repressiven Herrschaftssysteme. Und ohne diese gäbe es auch keinen Grund für Proteste und Aufstände, also das, was wir ›Revolutionen‹ nennen. Dann wäre das Zusammenleben der Menschen von der Sorge um das Wohlergehen anderer und von dem Bemühen gekennzeichnet, die anderen bei der Entfaltung ihrer Potenziale, also der in ihnen angelegten Talente und Begabungen zu unterstützen. Dieser Prozess, der es einer wachsenden Zahl von […] Heranwachsenden ermöglichte, sich um ihrer selbst willen als geliebt zu erfahren und sich damit selbst und auch andere Menschen sowie die Natur unseres Planeten lieben zu können, wäre dann […] die einzige Revolution, derer es bedürfte. Wenn diese Entfaltung des Potenzials der Liebe in vielen Einzelnen gelänge, bekäme vielleicht sogar der Gedanke einer entsprechenden Veränderung unserer gesamten Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur einen realen Sinn. Denn wenn Menschen […] nicht mehr primär aus Angst und Konkurrenz, sondern im besten Sinne des Wortes ko-kreativ zusammenwirken, wird vieles möglich, wovon bisherige Gesellschaften nur zu träumen wagten“ (Anselm Grün, Maik Hosang, Gerald Hüther S. 13 f.).

Gerald Hüther geht in seinem Beitrag davon aus, dass bei der Menschwerdung des Affen das in seinem Genom angelegte Potenzial auf die liebevolle Zuwendung seiner primären Bezugspersonen und später auch anderer aus seinem Umkreis angewiesen ist, wenn es zu seiner vollen Entfaltung kommen soll. Die Voraussetzung dafür sind stark vernetzte neuronale Strukturen in seinem Gehirn. Die Entstehung eines immer stärker vernetzten Gehirns bedurfte neben den dafür erforderlich genetischen Anlagen auch die Nutzung, den Gebrauch und die Stabilisierung der zunächst herausgeformten Vernetzungs- und Verknüpfungsoptionen. „Dazu mussten die Nachkommen während der Phase ihrer Hirnentwicklung nicht nur in eine Lebenswelt hineinwachsen, die ihnen ein möglichst reichhaltiges Spektrum an unterschiedlichsten Erfahrungen bot. Sie mussten gleichzeitig auch vor störenden Einflüssen geschützt  werden, die die Ausgestaltung der in ihrem Gehirn angelegten Verknüpfungsoptionen zu früh in eine bestimmte Richtung drängten und sie zu frühen Spezialisierungsleistungen zwangen. Am reichhaltigsten wird der Erfahrungsraum für die Individuen […] immer dann, wenn es ihnen gelingt, Gemeinschaften zu bilden, in denen individuell gemachte Erfahrungen untereinander ausgetauscht und an die jeweiligen Nachkommen weitergegeben werden. Dazu müssen die Mitglieder einer solchen Gemeinschaft durch ein emotionales Band, durch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit miteinander verbunden sein […], einem Gefühl bedingungsloser Liebe“ (Gerald Hüther S. 39 f.).

Ein Mensch, der lieben kann, muss zuvor geliebt worden sein. Liebe ist also kein individuelles Phänomen, sondern etwas, das innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft als Ergebnis eigener Erfahrungen transgenerational weitergegeben wird. Demnach ist Liebe eine kulturelle Leistung, die auf ihr förderliche Bedingungen in der menschlichen Gemeinschaft angewiesen ist. Ungünstige Bedingungen führen dagegen zu Lieblosigkeit, Missgunst, Angst und mangelndem Vertrauen. „Flügel wachsen uns Menschen nur, wenn wir genügend Raum zum Fliegen haben. Unsere menschlichen Flügel heißen Entdeckerfreude und Gestaltungslust, und der Raum, in dem sie sich entfalten, heißt Freiheit. Überall da, wo sich Menschen ohne Angst, ohne Druck und ohne feste Vorstellungen davon, worauf es im Leben ankommt, selbstvergessen und spielerisch auf den Weg machen, spüren sie, wie wieder etwas in ihnen zu wachsen beginnt, was sie zumindest ansatzweise aus den unbekümmerten Phasen ihrer Kindheit wiedererkennen: Diese unbändige Freude am Leben, an ihrem bloßen Dasein im Hier und Jetzt. Sobald die Angst verschwindet, erwacht in ihnen die Lust am eigenen Entdecken und Gestalten. So funktioniert das Hirn, aber eben nur ohne Angst, ohne Erwartungs- und Leistungsdruck“ (Gerald Hüther S. 47). 

Auf die Frage, wie der Mensch in die Freiheit findet, wenn wir doch so große Angst haben, uns dabei selbst zu verlieren, antwortet Hüther: Sie müsste einfach von ganz allein verschwinden. Aus der Stressforschung weiß man, dass sie unter drei Bedingungen verschwindet. „Da der Auslöser von Angst immer der Verlust von Vertrauen ist, geht es dabei immer um die Wiedererlangung dieses verloren gegangenen Vertrauens; und zwar als 1. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen, 2. Vertrauen in die Möglichkeit, Hilfe und Unterstützung bei anderen Personen zu finden, wenn die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen nicht ausreichen, um eine schwierige, angstauslösende Situation zu meistern und 3. Vertrauen in die Welt, was auch immer kommen mag, gehalten, getragen und sicher aufgehoben zu sein. Jede dieser drei Ressourcen verringert die Angst, vollständig verschwinden kann sie aber nur dann, wenn das Vertrauen auf allen drei Ebenen wiedererlangt wird“ (Gerald Hüther S. 47 f.). Diese Wiedererlangung des Vertrauens ist an die Liebe gebunden.

Maik Hosang geht davon aus, dass man an der bisherigen Entwicklung der Menschheit eine evolutionäre Linie der Liebe ablesen kann, in der der Mensch durch die Ausweitung und Stabilisierung von Fürsorge, Vertrauen, Zärtlichkeit, Sprachlichkeit, Intelligenz und Ko-Kretivität vor ca. vier Millionen Jahren begann, Mensch zu werden. „Durch die positiven Einflüsse des Christentums, Buddhismus, Judentums oder anderer religiöser Impulse – die im Kern immer Bewusstseinsbewegungen der Liebe waren […], durch die Einflüsse humanistischer Philosophie, Wissenschaft und Bildung und durch die alltägliche Liebesarbeit von Müttern, Vätern, Verwandten und Freunden sind unsere modernen Gesellschaften von vielen Momenten der Liebe durchzogen. Gleichzeitig werden diese blockiert, gestört und überkompensiert durch diverse Momente patriarchaler Interessenpolitik, die nicht nur die heutige Politik und Wirtschaft, sondern auch Erziehung, Wissenschaft und Kultur beeinflussen“ (Maik Hosang S. 70 f.). Wer diese Mechanismen versteht, kann die Blockierungen überwinden. Die Zukunft von Mensch und Erde wird davon abhängen, ob es gelingt, 

ko-kreative, an Liebe statt an Unterdrückung gebundene Formen des Umgangs mit unseren Lebensmöglichkeiten zu entwickeln. „Wirkliche Kulturen der Liebe sind Horte von gegenseitigem Vertrauen und Verstehen, von Kooperation und Ko-Kreativität, von Zärtlichkeit und Freiheit der individuellen Lebens-, Entwicklungs- und Tätigkeitsformen. Das heißt, solche Kulturen der Liebe schließen aus, dass Normen, Tabus und Erwartungen welcher Art auch immer durch ideologische Konstruktionen in überirdische Götter projiziert werden […]. In Kulturen der Liebe wird es zwar auch menschliche Vorbilder, Lehrer und Ratgeber der Liebe geben […]. Doch diese werden sich nicht anmaßen, anderen deren Formen des Lebens und Liebens vorzuschreiben. Sie werden mehr denn je die Subjektivität eines jeden verstehen und bejahen. Ihre Wirkungsform wird eine des Einladens und Ermutigens sein“ (Mail Hosang S. 109).

Für Anselm Grün ist die Liebe mit Paul Tillich der Grund des Seins und mit dem 1. Johannesbrief das Wesen Gottes. Gott ist von seinem Wesen her Liebe und wer Liebe erfährt und gibt, ist in Gott. Die Liebe ist gleichsam ein Raum, in dem wir wohnen, bleiben und leben können. „Aber diese Liebe soll sich auch ausdrücken, indem wir einander lieben. Und die Liebe drückt sich aus, wenn wir Jesu Gebote halten. Das klingt für uns nicht so sympathisch. Aber es meint, dass die Liebe sich auch ausdrücken soll in einer ganz bestimmten Haltung anderen Menschen gegenüber, ja dass die Liebe auch eine Ordnung braucht. Die Liebe drückt sich aus in einem achtsamen Umgang mit der Welt, mit den Menschen und mit allen Dingen […]. Wir lieben, wenn wir uns wie Jesus verhalten. Und Jesu Verhalten drückt er selbst aus in dem Wort: ›Es gibt keine größere Liebe als wenn jemand sein Leben hingibt für seine Freunde‹ (Joh 15,13). Diese Liebe gipfelt also in der Hingabe für seine Freunde, die am Kreuz seinen Höhepunkt hat“ (Anselm Grün S. 119). 

Das Kreuz ist für Grün ein Bild der Umarmung. „Vom Kreuz herab umarmt Jesus all die Gegensätze in uns und zwischen uns. Das Kreuz ist ein Bild der Versöhnung, dass alle Gegensätze zwischen Himmel und Erde, Licht und Dunkel, unten und oben, rechts und links, arm und reich, Juden und Griechen, Frommen und Heiden miteinander versöhnt werden. Das Kreuz war schon lange vor dem Christentum ein Heilssymbol“ und ein „Symbol für die Einheit aller Gegensätze […]. Dieses urmenschliche Einheitssymbol nimmt Johannes, um das Geheimnis des Todes Jesu zu interpretieren. In seinem Tod am Kreuz umarmt Jesus die ganze Menschheit, ja den ganzen Kosmos, Himmel und Erde, Gott und Mensch, Licht und Dunkel […]. Das zweite Bild ist das des offenen Herzens. Am Kreuz öffnet ein Soldat mit der Lanze die Seite Jesu. Und aus seinem Herzen strömen Blut und Wasser heraus. Die Kirchenväter haben das so gedeutet: Während seines Lebens hat Jesus nur die Menschen mit seiner Liebe erreicht, denen er begegnet ist. Jetzt wird seine Liebe entgrenzt. Sie wird ausgegossen in die ganze Welt“ (Anselm Grün S. 120 f.).

Letztlich ist die Liebe für Grün die Kraft, die den Menschen mit dem Kosmos und Gott verbindet und versöhnt. Evagrius Ponticus, ein christlicher Mönch und Mystiker aus dem vierten Jahrhundert hat zwischen der Mystik der Natur unterschiedenen, in der wir den Kosmos und die Natur so anschauen, dass wir in ihr und ihm die Liebe als den tiefsten Grund erkennen. Und der anderen Weise der Mystik, der Kontemplation der heiligen Dreifaltigkeit. Für Evagrius liegt das Geheimnis der Liebe in Gott selbst. Eins zu werden mit der Liebe, die Gott selbst ist, vermag der Mensch in der Kontemplation. „Dieses Einswerden geschieht auf dem Grund der Seele. Im Grund der Seele – so sagt Evagrius – ist der ›Ort Gottes‹ […]. Da ist ein Raum der Stille, in dem Gott selbst wohnt. In diesem Raum sind wir ganz eins mit uns selbst. Dann sind wir frei von Ansprüchen und Erwartungen der Menschen. Dort sind wir heil und ganz. Die Wunden reichen nicht bis in diesen Raum vor. Und wir sind ursprünglich und authentisch. Wir sind reines Sein“ (Anselm Grün S. 161).

ham 24. Februar 2020

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