Publikation zur gleichnamigen Ausstellung der Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin und der
Gesellschaft für Deutsch-Chinesischen kulturellen Austausch e. V. vom 18. August 2017 – 7. Januar 2018
im Museum für Fotografie, Berlin, herausgegeben von Ludger Derenthal und Yu Zhang mit Vorworten von
Yu Zhang und Joachim Brand und Texten von Ludger Derenthal, Wang Huangsheng und Guo Xiaoyan

Staatliche Museen zu Berlin / Gesellschaft für Deutsch-Chinesischen kulturellen Austausch e. V. / Kerber
Verlag, Bielefeld, 2017, ISBN 978-3-7356-0385-2, 160 Seiten, 94 farbigen und 14 schwarzweißen
Abbildungen, Hardcover, gebunden, Format 35,5 x 30 cm, € 38,00 (D) / € 39,10 (AT) / CHF 46,60

Im langfristigen westlichen visuellen Gedächtnis haben sich von der „Großen proletarischen
Kulturrevolution“ zwischen 1966 und 1976 allenfalls die schon etwas verblassten Erinnerungen an diverse
Varianten von Mao-Plakaten in Studentenbuden, schon etwas deutlichere Erinnerungen an das ab 1972 auch
in Deutschland massenhaft vertriebene und gekaufte kleine rote Buch mit Worten des Vorsitzenden Mao Tsetung,
die sogenannte Mao-Bibel, und präzise Erinnerungen an Andy Warhols ebenfalls 1972 in vielen
Variationen aufgelegte Siebdruckporträt des chinesischen Führers erhalten. Von den je nach Zählung
zwischen 400 000 und 1,8 Millionen Toten und den 22 bis 30 Millionen politische Verfolgten, Entlassenen,
ins Gefängnis Gesteckten und aufs Land Geschickten der Kulturrevolution haben sich ebenso wenig Bilder
im Gedächtnis festgesetzt wie von den zwischen 15 und 55 Millionen Hungertoten, die der von Mao
zwischen 1958 und 1961 initiierten „Großen Sprungs nach vorn“ gefordert hat. Dass sich diese
Gedächtnislücken nicht dem allfälligen Vergessen, sondern der zentral von der Kommunistischen Partei
Chinas gesteuerten Bildpolitik verdanken, ist eine der Einsichten, die man dem verdienstvollen Katalog
Arbeiten in Geschichte. Zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution entnehmen kann.
Der Katalog stellt die historische Bildwelt der Kulturrevolution den vielfach großformatigen, oft seriell
angelegten zeitgenössischen fotografischen Positionen gegenüber. So verhilft die historische Perspektive zu
einem besseren Verständnis der zeitgenössischen chinesischen Fotokunst.

Die Kulturrevolution der Jahre 1966 bis 1976 hat die bildenden Künste in China in den letzten fünfzig Jahren
wie kaum ein anderes Ereignis geprägt. Mit ihr war eine radikale Abwendung von traditionellen chinesischen
wie auch westlichen Kulturwerten verbunden. Ihre revolutionären Ziele wurden mit Massenkampagnen
enormen Ausmaßes durchgesetzt. Bei der Mobilisierungen und Indoktrination der Massen spielten neben
Plakaten und Wandzeitungen Film und Fotografie eine entscheidende Rolle. Pressefotos wurden nicht nur in
Zeitungen und Illustrierten abgedruckt, sie wurden auch über zentrale Versandstellen für die Wandzeitungen
in ganz China verschickt, dienten als Vorlagen für großformatige Plakate und selbst Gemälde. Die Ästhetik
dieser Bilder prägt noch heute unsere Vorstellung von der Kulturrevolution.

Dabei sind es weniger die im Geheimen gemachten, erst nach 1976 an die Öffentlichkeit gelangten
Aufnahmen der Gewaltexzesse und Bücherverbrennungen, die im Gedächtnis haften bleiben und langsam
rezipiert werden, sondern die offiziellen Bilder der Regierungspropaganda, die unzähligen Fotografien vom
Vorsitzenden Mao und von den Massenversammlungen. „Thematisch zugelassen waren lediglich die Erfolge
des chinesischen Regierungsapparats von der Partei über die Armee […] bis hin zu den lokalen Inhabern der
Macht. Die überaus rigide Kontrolle der Fotografie führte zu einer gewissen Einförmigkeit der formalen
Ausdrucksmittel. Besonders oft eingesetzt wurde die Zentralperspektive, mit deren Hilfe eine Konzentration
auf wenige, einfach verständliche und daher in der Gestalt reduzierte Bildinhalte, bevorzugt vor künstlichen
Hintergründen, gut zu vermitteln war. Die Beleuchtung von der Seite oder von hinten bot sich an, um
dramatische Effekte zu erzeugen. Beliebt war die Darstellung von Personen mit eindeutigen Botschaften, die
Gesichter feierlich lächelnd oder ebenso ernst wie würdevoll in die Ferne gerichtet […]. Die Bildjournalisten
waren angehalten, keine Aufnahmen von öffentlichen Tribunalen und Folterungen durch die Roten Garden
bzw. später durch Partei- und Militärkommissionen zu machen. Die Propagandaabteilungen der
Revolutionskomitees erließen Befehle an die Fotografen, alle Negative abzuliefern. Auf diese Weise blieb
der Bilderpool lange Jahre einseitig und reduziert – bis heute spielen in China Fotografien von den Exzessen
dieser Zeit keine Rolle im öffentlichen Diskurs“ (Ludger Derenthal S. 16).

Die historischen Aufnahmen jener Jahre (vergleiche die auf dem PDF Zeitgenössische chinesische
Fotografie ww2.smb.museum/smb/export/downloadPM.php?id=4692 unter dem Stichwort Fotografien der
Kulturrevolution abrufbaren Bilder) bilden das Fundament für die Arbeiten aktueller Fotografen und
Künstler, die Gruppenporträts, private Fotografien oder Presseaufnahmen bedeutender Ereignisse auf
vielfältigste Art transformieren und in gegenwärtige Bildsprachen übersetzen. So wurde die Aufnahme eines
unbekannten Fotografen, der den 72- jährigen Mao Tse-tung am 16. Juli 1966 beim Überqueren des Jangtse
in Wuhan zeigt, von dem 1980 in Bazhong, Provinz Sichuan geborenen Zhang Kechun aufgegriffen: Er zeigt
in seiner Farbaufnahme Menschen, die den Gelben Fluss mit einem Foto von Mao Zedong überqueren
(vergleiche das auf dem PDF Zeitgenössische chinesische Fotografie ww2.smb.museum/smb/export/
downloadPM.php?id=4692 unter dem Stichwort Fotografien der Kulturrevolution abrufbare Bild Nr. 29).

Nach Wang Huangsheng, dem 1956 geborenen Künstler, Kunstkritiker, Kurator, Direktor des Museums der
chinesischen Kunstakademie CAFAM und Initiator der Fotobiennale Chinas gelten die ›roten‹ Bilder
zunächst „häufig als Darstellungen ›entscheidender Momente‹ in der Geschichte. Sie werden als historische
Belege betrachtet und so von der zeitgenössischen Kunst neu interpretiert. Sha Fei, der bedeutendste
Fotojournalist der frühen Tage der Revolution, sowie Weng Naiqiang […], ein Reporter für große
Farbillustrierte, hielten gewissenhaft die großen Ereignisse fest. Aufgrund der spezifischen zeitlichen und
politischen Hintergründe sowie ihrer Aufgaben im Beruf und ihrer Haltung zeichneten sie sich sowohl durch
ein künstlerisches Einfühlungsvermögen für den entscheidenden Augenblick als auch durch eine meisterliche
Aufnahmetechnik aus. In ihren Arbeiten wird der Augenblick als historisch bedeutsam festgehalten, zugleich
wird Geschichte in ein gültiges Bild verwandelt“ (Wang Huangsheng Seite 28 f. Vergleiche dazu http://
photographyofchina.com/blog/weng-naiqiang). Neben anderen greift auch der 1963 in Harbin geborene
Zhang Dali auf die Bilder dieser Zeit zurück. Seine ‚Zweite Geschichte‘ (vergleiche die auf dem PDF
Zeitgenössische chinesische Fotografie ww2.smb.museum/smb/export/downloadPM.php?id=4692 unter
dem Stichwort Zeitgenössische chinesische Fotografie abrufbaren Bilder Nr. 32 – 41) hinterfragt und enthüllt
anhand scheinbar vertrauter Fotografien der Gesellschaft Sachverhalte, „um uns Geschichte als Kunst zu
zeigen“ (Wang Huangsheng S. 29).

Die ›roten‹ Bilder bieten nach Huangsheng zweitens eine Möglichkeit, „Geschichte nachzuerzählen. Sie sind
Symbole des Kollektivismus – oft sind die historischen Orte oder die vergangenen Vorgehensweisen, die die
Kamera erfasst, selbst Repräsentanten des Kollektivismus“ (Wang Huangsheng S.30). Shao Yinongs Serie
Versammlungshallen (vergleiche die auf dem PDF
Zeitgenössische chinesische Fotografie ww2.smb.museum/smb/export/downloadPM.php?id=4692 unter
dem Stichwort Zeitgenössische chinesische Fotografie abrufbaren Bilder Nr. 17 – 20) können für diesen
Typus des Umgangs mit den historischen Bildern stehen. Fotografen wie Song Yongping zeigen in Serien
wie Meine Eltern / Neues Leben (vergleiche die auf dem PDF
Zeitgenössische chinesische Fotografie ww2.smb.museum/smb/export/downloadPM.php?id=4692 unter
dem Stichwort Zeitgenössische chinesische Fotografie abrufbaren Bilder Nr. 22) schließlich drittens auch
Entwicklungen auf und Künstler wie Wang Youshen versuchen in Serien wie Waschen viertens die Besucher
zum Nachdenken über die Leerstellen der Geschichte bringen (vergleiche die auf dem PDF
Zeitgenössische chinesische Fotografie ww2.smb.museum/smb/export/downloadPM.php?id=4692 unter
dem Stichwort Zeitgenössische chinesische Fotografie abrufbaren Bilder Nr. 27).

Nach Guo Xiaoyan weigert sich die chinesische Regierung auch heute noch, „sich eingehend mit dieser
Zeitspanne auseinanderzusetzen; keine staatliche Kultureinrichtung widmet sich diesem Thema. Es gibt
jedoch keine andere Möglichkeit, als sich mit der Kulturrevolution offen zu beschäftigen. Denn nur so kann
man aus der Geschichte lernen […]. Was kann die zeitgenössische Fotografie tun, um eine Art Wahrheit zu
bewahren? […] Arbeiten in Geschichte ist ein Versuch, dieser Frage nachzugehen“ (Guo Xiaoyan Seite 43).

ham, 15. Januar 2018
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