Borwin Bandelow

Wer hat Angst vorm Bösen Mann?

Warum uns Täter faszinieren
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2013, ISBN 978-3-498-00666-2, 450 S., Hardcover gebunden mit Lesebändchen und Schutzumschlag, Format 22 x 14,5 cm, € 19,95 (D) / 20,60 (A)

Im Spiel antworten Kinder auf die Frage des Fängers „Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?“ mit „niemand!“ und auf die weitere Frage „Und wenn er kommt?“, „Dann laufen wir davon“. Und sie tun es dann auch. Sie rennen zu der abgesprochenen Linie, dem Tor oder der Wand und schlagen sich frei.
Der Mediziner und Psychologe Borwin Bandelow ist davon überrascht, dass die aus dem Kinderspiel bekannte und scheinbar normale Regel zwischen Täter und Opfer immer wieder außer Kraft gesetzt scheint und dass „uns“ Täter faszinieren. Deshalb versuchen der Rowohlt Verlag und sein Autor die umfangreiche Recherche über Verbrechen, Mord, Vergewaltigung und Terrorismus in dem Titel „Wer hat Angst vorm Bösen Mann? Warum uns Täter faszinieren“ zu bündeln und durch spritzige Kapitelüberschriften wie „Satans sympathische Seiten“, „Sexsklaven“ und „Apokalyptische Narzissten“ zu interessieren. Im Kern geht es einmal um die Frage, wie es Tätern gelingen kann, andere über die eigenen Abgründe zu täuschen. Und dann um die Frage, wie sich die Täter ihre Taten zurechtlegen und was dabei in ihren Köpfen vorgeht. „Ist es Manipulation, Hypnose oder Gehirnwäsche, wenn intelligente, lebenserfahrene und ausgeglichene Menschen von Übeltätern getäuscht werden? Und wie ist es zu erklären, wenn sich ganze Völker von gewissenlosen Diktatoren irreleiten, erniedrigen und unterjochen lassen? … All diesen geschickten Verführern ist gemeinsam, dass sie, obwohl sie schlecht, erbärmlich, unheilbringend, niederträchtig, hassenswert, abscheulich oder diabolisch erscheinen, die Fähigkeit haben, andere Menschen zu vereinnahmen, sie auszunutzen und sie Dinge tun zu lassen, die sie nicht wollen. Wir fallen leichtgläubig auf ihre Tricks herein, verehren sie mit aufopfernder Liebe, Begeisterung, Ekstase und leidenschaftlicher Zuneigung. Wir sind folgsame Opfer ihrer Manipulation und ihrer Kunst der Willenslenkung…. es geht um die Faszination des Bösen. Es geht um des Menschen Hörigkeit“. Und es geht um die Frage, was sich im Kopf von Individuen abspielt, „die Spaß daran finden, andere Menschen zu entführen und zu foltern oder … Kinder in einen Keller sperren, um sie zu missbrauchen und zu quälen?“ (Borwin Bandelow).

Bandelow findet seine Antworten im Gespräch mit den Tätern und mit Zeitzeugen. So recherchiert er etwa über den Prostituiertenmörder Jack Unterweger und sucht die Juristin Astrid Wagner auf, die „Unterweger 1992 als Juristin in Graz im Gefängnis besucht und selbst ein Buch geschrieben hat: ‚Mörder Dichter Frauenheld‘, in dem sie anzweifelt, dass er wirklich der Täter war. Nach ihrer Ansicht habe die Justiz einen überführten Täter für viele ungelöste Fälle vorweisen wollen, und die Presse habe ihn vorverurteilt, um mit der Sex-and-Crime-Story Kasse zu machen. >>Ja<<, räumt Astrid Wagner heute ein, >>ich war damals etwas fanatisiert. Ich war eine junge Juristin, und er verkörperte dieses Klischee, dass er das Opfer ist, der Arme, um den man sich kümmern muss…<< >>Und hat er mit Ihnen geflirtet…?<< >>Ja, auf sehr feine Art, es waren da diese subtilen Bemerkungen, diese kleinen dezenten Anspielungen. Das hat mir als Frau gefallen…<<… >>Vielleicht hat er damit aber auch Ihr Mitleid erregt?<< >>Ja, natürlich, das hat er<<, antwortet Astrid Wagner. >>Es gab da eine Fangemeinde, einen Kreis von Frauen, die sich seiner

angenommen haben. Eine Schauspielerin zum Beispiel, eine ganz tolle Frau, die hat dieses Zarte in ihm gesehen und das unschuldige arme Opfer. Es wird aber auch Frauen gegeben haben, die es faszinierend fanden, dass er Prostituierte ermordet hat… Frauen suchen sich oft Männer, die verheiratet oder unerreichbar sind, wie Pfarrer oder welche, die im Gefängnis sind. Die können ja nicht weglaufen. Und man kann ihnen Briefe schreiben und sich Emotionen hingeben. Es gab da unzählige Frauen, die sich um Unterweger gekümmert haben. Da war ein Bürgerstöchterl aus schwerreicher Familie … Eine reiche Dame, eine Unternehmersgattin… Eine Klosterschwester… Sogar ein Mann, ein norwegischer Pfarrer. Des weiteren eine Künstlerin aus Linz…“ (Borwin Bandelow). In seinem Prozess in Granz habe Unterweger sich als geläuterter Krimineller dargestellt und das Gericht gebeten, ihn nicht mehr nach seinen früheren Taten zu beurteilen. Nach seinem Gutachter Reinhard Haller war er ein begnadetere Psychologe, ein exzellenter Beobachter und ein zumindest leidlicher Schauspieler. Er suchte nicht Sex, sondern das Töten. Wie kann aber, fragt Bandelow „ein Mensch so offenbar charmant, einfühlsam und anziehend wirken, dessen Seele aus purem Menschenhass besteht? Der Schlüssel für diesen Widerspruch liegt im Wesen einer >>antisozialen Persönlichkeitsstörung<<. Diese psychische Störung war einerseits der Hintergrund für seine abscheulichen Taten, erklärt aber zugleich auch seine unglaubliche Fähigkeit, andere Menschen zu faszinieren. Solche Menschen schaffen es, ihre Umwelt zu spalten – sie nehmen die eine Gruppe für sich, die andere gegen sich ein. Sie sorgen auf geheimnisvolle Weise dafür, dass sich die beiden Parteien streiten, um davon zu profitieren“ (Borwin Bandelow).

Bei anderen Fällen wird eine primär narzistische, eine primär paranoide oder eine asoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Bei der im Alter von zehn Jahren von dem Elektromechaniker Wolfgang Priklopil am Stadtrand von Wien verschleppten Natascha Kampusch spielt neben der überlebensnotwendigen Identifikation des Opfers mit dem Erpresser offensichtlich das Mitgefühl eine zentrale Rolle. „Natascha nannte ihren Peiniger >>Wolfi<<. Sie freute sich auf die gemeinsamen Mahlzeiten. Sie war ihm unendlich dankbar, als er mit ihr Geburtstag und Weihnachten feierte. Sie schenkte ihm Schokoladenplätzchen zu Silvester. Sie schätzte es, wenn er ihr Schulaufgaben gab und dabei half. Er bastelte und malte mit ihr. Sie empfand euphorische Dankbarkeit, als er sie zum Sonnenbaden in den Garten ließ… Nach mehreren Jahren im Verlies lockerte Priklopil die Gefangenschaft. Natascha durfte zunächst in den Garten, dann fuhr er mit ihm zu einem Baumarkt oder einer Drogerie. Das ungleiche Pärchen verbrachte sogar einen gemeinsamen Skiurlaub“ (Borwin Bandelow). Warum Natascha Kampusch nicht floh, erklärt Bandelow so: „Es ging ihm darum, seinen Macht-Lust-Gewinn weiter zu maximieren. Sein Druckmittel war die Angst: Er drohte ihr bei diesen Ausflügen, sie und allel Umstehenden zu töten, wenn sie um Hilfe rufen würde. Und er hatte oft genug bewiesen, dass er konsequent und brutal vorgehen würde. … Aber offenbar war es nicht allein die Einschüchterung, die sie lange davon abhielt, zu fliehen. Natascha entwickelte so etwas wie ein Mitgefühl mit Priklopil. Sie musste davon ausgehen, dass er ins Gefängnis kommen oder sich suizidieren würde. Im letzteren Fall wäre sie an seinem Tod mitschuldig. Natascha phantasierte sogar, dass sie sich selbst sofort umbringen würde, sollte ihr die Flucht gelingen. Später sagte sie, sie habe geweint, als sie hörte, ihr Entführer hätte sich vor einen Zug geworfen. Sie nannte ihn eine verlorene arme Seele und meinte verzeihend, dass er psychisch schwer krank gewesen sein musste“ (Borwin Bandelow).

ham, 02.07.2013

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