Bruno Preisendörfer

Hat Gott noch eine Zukunft?

Glaube – Alltag – Transzendenz
S. Hirzel Verlag Stuttgart, 2013, ISBN 978-3-776-2286-6, 231 S., Hardcover gebunden, Format 21,5 x 13,4 cm, € 19,80 (D) / 20,40 (A) / SFR 27,70

Der später durch sein Programm der Entmythologisierung bekannt gewordene liberale Theologe Rudolf Bultmann hat 1925 in seinem gleichnamigen Aufsatz gefragt, welchen Sinn es hat, von Gott zu reden. Er antwortet, dass solches Reden überhaupt keinen Sinn hat, wenn man unter „von Gott“ reden „über Gott“ reden versteht. Er begründet sein Urteil mit dem Hinweis, dass solches Reden in dem Moment, wo es geschieht, seinen Gegenstand verliert. „Denn wo überhaupt der Gedanke >>Gott<< gedacht ist, besagt er, dass Gott der Allmächtige, d.h. die Alles bestimmende Wirklichkeit sei. Dieser Gedanke ist überhaupt nicht gedacht, wenn ich über Gott rede“ (Rudolf Bultmann). Im weiteren führt er aus, dass man über Gott so wenig sinnvoll reden kann wie man über Liebe und in abstrakten wissenschaftlichen Sätzen über Gott reden kann. Man könne auch nicht aus Gott reden, weil man sich dann an dessen Stelle setze. Deshalb muss, so Bultmann, wer von Gott reden will, von sich selber reden. Dann aber bestehe die Schwierigkeit, dass man auch dieses eigentlich nicht kann, weil Gott der ganz andere ist. Für Bultmann löst sich die Schwierigkeit dann, wenn man auf seine menschliche Verfasstheit, auf seine Existenz schaut, und sich eingesteht, dass man als Mensch gar nicht anders kann, als von Gott zu reden. „Es kann hier nur ein Müssen gemeint sein, das freie Tat ist; denn solche allein geht aus unserem existentiellen Sein hervor; in solcher allein sind wir selbst und sind wir ganz. Solche Tat ist Gehorsam; denn Gehorsam bedeutet, sich einem Müssen in freier Tat“ zu fügen (Rudolf Bultmann).
Der 1957 in Unterfranken geborene, in einem Benediktiner-Internat bei Würzburg sozialisierte Germanist, Politikwissenschaftler, Soziologe und heute als Schriftsteller in Berlin lebende Bruno Preisendörfer scheint Rudolf Bultmanns Aufsatz im Kopf zu haben, wenn er in der Einleitung seines Buches „Hat Gott noch eine Zukunft?“ schreibt, dass es in diesem Buch „um Gott in der Welt, nicht über Gott und die Welt“ geht. „In diesem Buch steht er im Zentrum. Insofern nämlich, als untersucht wird, wie Gott in der Welt und unter den Menschen lebt. Genauer, aber auch riskanter formuliert: Wie wird Gott von den Menschen in der Welt gelebt? Was fangen sie mit ihm an, wenn sie glauben? Was geschieht, wenn Gott nicht im Himmel oder in der Ewigkeit verschwindet, sondern vom Glauben der Menschen im Alltag lebendig gehalten wird?“ (Bruno Preisendörfer). Preisendörfer will diese Fragen anders als der fromme Liberale, anders als Bultmann als ein mit einer gewissen „religiösen Musikalität“ Begabter und von der Auffassung her beantworten, dass jeder Mensch ein „Verlangen nach Transzendenz“ hat. „Gewöhnlich wird Transzendenz mit etwas Außeralltäglichem in Verbindung gebracht, mit etwas, für das der moderne Mensch mit seiner Geschäftigkeit keine Zeit hat, und das ihn

allenfalls in Form von Feiertagsgefühlen anweht. Dieses Buch setzt sich über die Trennung von Transzendenz und Alltag hinweg, es geht … um Gott in der Welt“ (Bruno Preisendörfer). Gott zeigt sich Preisendörfer in der Welt unter anderem im „Star- und Heiligen“- Kult von Fußball- und von religiösen Größen wie Johannes Paul II. und in der Beobachtung, dass sich Theologie und Biologie in der von Wissenschaft und Technik bestimmten westlichen Moderne auch noch 300 Jahre nach der Aufklärung um die Deutungshoheit streiten. „Immer dann, wenn der Deutungsstreit zwischen Religion und Wissenschaft neu aufflackert, wie im Fall der Weltanschauungskontroverse zwischen Evolutionstheorie und Schöpfungsmythos, zwischen natürlicher Selektion und göttlicher Ordnung, zwischen Genetik und Genesis – immer dann nehmen besonders dogmatische Wissenschaftler priesterliche Züge an, während besonders moderne Priester ernüchternd wissenschaftlich tun… Wie auch immer: Der Glaube versetzt Berge. Und die Wissenschaft weiß, dass der Prophet zum Berg gehen muss, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt“ (Bruno Preisendörfer).

Die in fünf Abteilungen mit erstaunlichem theologischen Hintergrundwissen eingängig vorgeführten alltagsreligiösen Phänomene wie die Sehnsucht nach Schutzengeln, der Streit um die Frage, ob das menschliche Erbgut beliebig veränderbar ist oder nicht und die Zumutungen ernsthaften Betens läuft auf die Doppelfrage hinaus, ob Gott in der säkularen Gesellschaft eine Zukunft hat oder nicht und wie weltlich diese Gesellschaft tatsächlich ist. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass auch der Schriftsteller Preisendörfer um trennscharfe Festlegungen seiner Hauptbegriffe Gott, Glaube und Transzendenz nicht herumkommt und es sich rächt, dass er dies unterlassen hat. Immerhin wird nach der Lektüre des Buches deutlich, dass es bei der Frage nach der Zukunft Gottes nicht um die systematische Frage nach den letzten Dingen, beim Stichwort Glaube um keinen religionstheologische Ausdifferenzierungsversuch und beim Stichwort Transzendenz allenfalls um die von Thomas Luckmann so genannten kleinen Transzendenzen gegangen ist. Vielleicht hätte Preisendörfer deshalb sein Buch besser mit der Frage überschreiben sollen, ob das Christentum eine Zukunft hat. Auf diese Frage hat er eine klare Antwort. Anders als für Richard Rorty läuft für Preisendörfer nicht das Christentum als Ganzes auf sein Ende zu, „sondern nur seine westeuropäische Variante… Zweitausend Jahre lang wurde das Christentum europäisch dominiert… Diese Epoche geht zu Ende. Das Christentum der Zukunft wird außereuropäisch sein – oder es wird nicht sein… Wir Europäer mit unseren gezähmten religiösen Institutionen haben vergessen, dass Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten gegen den Widerstand des Klerus erfochten wurden. Auf diesem Feld wird auch die geistige Frontlinie der Zukunft liegen: radikal weltlich ausgelegte Freiheit – oder Christentum“ (Bruno Preisendörfer). Er selber, so Preisendörfer am Schluss, will nichts dazu beitragen, dass das westliche Christentum überlebt. Preisendörfer im Originalton: „Aus der Perspektive des laizistischen Antiklerikalen ist nur eine leere Kirche eine gute Kirche. Die Gläubigen, denen das zu weltlich ist, täten gut daran, ihre Kirchen wieder zu füllen. Ich persönlich, um das zum Schluss zu bekennen, kann dazu keinen Beitrag mehr leisten“ (Bruno Preisendörfer).

ham, 27.05.2013

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