Mrz 22

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Hospitalhof Stuttgart vom 20. Mai bis 1. Juli 2012 in der Brenzkirche Stuttgart. Kuratiert von Helmut A. Müller. Texte von Karl – Eugen Fischer, Dirk Rustemeyer und John Beeson in Englisch.
Edition Taube, Stuttgart in Kooperation mit der Edition Hospitalhof, Stuttgart, 2015, herausgegeben von Helmut A. Müller und Tilman Schlevogt, ISBN 978-3-981 4518-9-4, 104 Seiten, 54 Bilder in Farbe, 13 Schwarz-Weiß-Abbildungen, Hardcover, Titel in Gold geprägt, Bauchbinde, Gebetskarte inliegend, € 29,00

Thomas Meyer hat in seiner 1998 in Berlin veröffentlichten Studie „ Politik als Theater. Die neue Macht der Darstellungskunst“ zwingend herausgearbeitet, dass und wie die neuen technischen Möglichkeiten der Massenmedien die Politik verändern. Zwar gehören theatralische Inszenierungen von Politik wie andere Formen der Kommunikation zu den anthropologischen Konstanten und Inhaber und Bewerber um öffentliche Ämter wissen schon immer um die Wirkung ihrer Auftritte. „ Als Pontius Pilatus sich nach dem Urteilsspruch über Jesus ostentativ die Hände wusch, um seine Unschuld symbolisch sinnfällig zu zelebrieren, erbrachte er eine wohl kalkulierte, in ihren Wirkungen nicht nur das anwesende Publikum, sondern das Publikum über Jahrhunderte beeindruckende politische Inszenierungsleistung ersten Ranges, der nichts fehlte, was zu einer Glanzleistung dieser Gattung gehört“ (Thomas Meyer, die Theatralität der Politik in der Mediendemokratie. In: Aus Politik und Zeitgeschehen B 53/2003, 5.1. 2004, S. 1). Aber unter den Bedingungen der Massenmedien gehen Medien und Politik mehr und mehr ineinander über. Die Medien beobachten die Politik ebenso wie die Politik die Medien und beide ziehen ihre Schlüsse. Der Blick hinter die Kulissen der Macht bleibt für die Öffentlichkeit gleichwohl weitgehend versperrt. Die Handlungsmacht der politischen Akteure wird durch schauspielerische Bühnenstücke verdeckt, in Event – Politik verpackt und in symbolischer Scheinpolitik verborgen. Meyer hat dieses Verdecken, Verpacken und Verbergen in seinem Vortrag „Politik als Theater“ am 25. Juni 1999 im Hospitalhof Stuttgart in folgender Erzählung prägnant chiffriert: Er hat davon berichtet, wie er bei den Vorarbeiten für seine Studie in den politischen Zentren nach der Macht gesucht, sie aber nicht gefunden habe. Er sei von einer Türe der Abgeordneten zur anderen gegangen und habe herauszubekommen versucht, ob die Macht hinter dieser Türe verborgen sei. Man habe ihn aber immer neu von Türe zu Türe weitergeschickt und ihm beschieden, dass sie in diesem Zimmer nicht zu finden sei. Er möge aber weiterforschen.Vielleicht könne er sie auf der nächst höheren Ebene doch noch finden. So sei er schließlich auf der Ebene der Staatssekretäre, der Minister und schließlich und zuletzt auf der Ebene des Kanzlers/ der Kanzlerin gelandet. Aber auch dort sei die Macht nicht zu finden und schon gar nicht dingfest zu machen gewesen. Gefunden habe er nicht die Macht, dafür aber die Inszenierung, die Darstellung von Macht.

Christian Jankowski hat in seiner Performance „Casting Jesus“ nicht nach der Inszenierung der (politischen) Macht, sondern nach der Macht der (religiösen) Inszenierung gesucht, sie in der Anlage und in den Rahmenbedingungen des Castings gefunden und ihre Mechanismen in seinem gleichnamigen Film auf feine und elegante Weise dechiffriert. Jankowski hatte hochrangige Vertreter des Vatikans dafür gewinnen können, in einem Casting unter 13 professionellen Schauspielern denjenigen auszuwählen, der ihrer Meinung nach die Rolle des Gottessohns Jesus am besten darstellen kann. Das Casting fand am 25. Februar 2011 im Complesso Monumentale Santo Spirito in Sassia, Rom statt. Monsignore José Manuel del Rio Carrasco, der Kunstkritiker der Vatikan – Zeitung L´Osservatore Romano Sandro Barbagallo und der Journalist und Geschäftsführer der Kommission für Filmbewertung der Italienischen Bischofskonferenz Massimo Girardi wiesen die Schauspieler an, wie Jesus zu segnen, Krankheiten zu heilen, das Kreuz zu tragen und zu sterben . Die Schauspieler spielten diese Aufgaben auf offener Szene nach. Die Jurymitglieder gaben jeweils ihre Kommentare ab. Und am Schluss wählten sie Robin Mugnaini als geeignetsten Darsteller aus. Jankowski hat die Schauspieler und die Jury beim Casting gefilmt und die Aufnahmen in eine etwa einstündige Zwei – Kanal – Video – Projektion übersetzt. Der eine Kanal zeigt die Schauspieler bei ihren Versuchen, Jesu Reden, Beten, Leben und Sterben kongenial darzustellen, der andere die Jury. Als Zuschauer wird man zum Beobachter der Schauspieler, der Jury und des Beobachters Jankowski, also zu einem Beobachter zweiter und dritter Ordnung. In dieser Perspektive wundert man sich über das Ergebnis des Castings und fragt sich, ob man selber wie die Jury für Robin Mugnaini als Jesusdarsteller votiert hätte. Der Film „Casting Jesus“ wurde unter anderen in den Museen für zeitgenössische Kunst in Tokio und Rom, in der Lisson Gallery, London und in der Brenzkirche Stuttgart gezeigt.

Die jetzt als Buch zur Hospitalhof – Ausstellung in der Brenzkirche Stuttgart vorliegende Publikation verdichtet den Ein – Stunden – Film Jankowskis auf 20 Doppelbilder, die die Schauspieler und die Jury in zentralen Casting-Szenen zeigen. Christian Jankowski fügt ausgewählte Kommentare der Jury – Mitglieder handschriftlich als Bildunterschriften hinzu. Unter der Szene, in der der Schauspieler in der Oranten – Haltung zum Himmel blickt, steht die Bemerkung: „The eyes are very expressiv“. Unter anderen Szenen kann man „He needs more pathos“, „I want Jesus more spontaneous and natural“, „He is wrong, because he´s not suffering“, „He has the face“ und weiter Kommentare lesen. Man erinnert sich an Albert Schweitzers Geschichte der Leben Jesu Forschung und die schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts zwingend nachgewiesene Unmöglichkeit, bei der Suche nach dem historischen Jesus von den eigenen Bildern abzusehen. Jankowski Zwei – Kanal – video steht in dieser Tradition und klärt über die zirkuläre Struktur von Vorannahme und Ergebnis auf. Unter anderem deshalb dürfte die Suche nach angemessenen Jesusdarstellern auch nach dem Entscheid der Jury weitergehen und letztlich ebenso offen bleiben wie die Suche nach den Orten, an denen die politischen Macht zu finden ist.
ham, 16.3. 2015

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