Kerber Verlag Bielefeld, 2017, ISBN 978-3-86678-719-3, 352 Seiten, 143 Farb- und 25
Schwarzweißabbildungen, Hardcover gebunden, Format 21,5 x 16,4 cm, € 38,00

Der 1973 in Stuttgart geborene André Butzer ist schon während seines Grundstudiums an der Hochschule für
Bildende Künste Hamburg durch seine aus dem überkommenen Rahmen fallenden Bilder, sein
eigenständiges Urteil und seine existentielle Konsequenz aufgefallen. Bei der Abschlussprüfung nach der
Grundlehre kam es zu einem Disput innerhalb der Prüfungskommission, „da sich Franz Erhard Walther von
Butzers Bildern eingeschüchtert“ fühlte, was zur Folge hatte, dass Butzer 1996 nach nur zwei Semestern
wegen »Unbelehrbarkeit und fehlender Bereitschaft zur Ausbildung« der Hochschule verwiesen wurde
(Christian Malycha S. 22). Die darauf von ihm und anderen gegründete autonome und anti-institutionelle
Akademie Isotrop, in der sich über 20 Künstlerinnen und Künstler wie Abel Auer, Gudny Gudmunsdottir,
Marcel Hüppauf, Markus Selg, Jonathan Meese und, lose assoziiert, John Bock gegenseitig ausgebildet
haben, hat das weitere Hochschulstudium mehr als ersetzt und wohl auch mit dazu beigetragen, dass Butzer
zu einem der am eigenständigsten agierenden Köpfe im gegenwärtigen System Kunst und einem der
international einflussreichsten Künstler geworden ist (Vergleiche dazu auch http://www.stuttgarternachrichten.
de/inhalt.andr-butzer-bin-kein-maler-bin-kuenstler.d7818158-7ada-4726-9de1-
d7e864f3ec82.html abgerufen am 24.4.21017).

Sein zwischen Massenkonsum und Massenvernichtung aufgespannter Science-Fiction-Expressionismus
(vergleiche dazu https://www.google.de/search?
q=andr%C3%A9+butzer&tbm=isch&imgil=KYuw6OCyfxoHyM%253A%253BYteWoGTxGBmJnM%253
Bhttp%25253A%25252F%25252Fwww.artfacts.net%25252Fde%25252Fkuenstler%25252Fandrbutzer-
5125%25252Fprofil.html&source=iu&pf=m&fir=KYuw6OCyfxoHyM%253A%252CYteWoGTxGB
mJnM%252C_&usg=__SnpXh66iQRBzR348E_PnwTIXD6Q%3D&biw=1656&bih=936&ved=0ahUKEwi
w94jGlr3TAhVCXBQKHaU9AVAQyjcIigE&ei=k_r9WPDhMsK4UaX7hIAF#imgrc=KYuw6OCyfxoHyM:,
abgerufen am 24.4.2017) hat in der Akzeptanz der Widersprüche dieser Welt verwirrt und in seinem Hoffen
auf Versöhnung erstaunt und überzeugt. Für Butzer, „der die Verwüstung und sein ungewisses Hoffen auf
Erlösung aus der persönlichen Erfahrung in die erschütterte Struktur des Bildes überträgt“, scheint das
Aufeinandertreffen der Widersprüche der einzige Weg, um »Wahrheit« „hervorzubringen. Eine Wahrheit,
die umfassender und in der Tat sogar ›wahrer‹ ist als das gedankenlose Meinen zur versierten Absicherung
des Alltags, da sie die »zerstörenden und rettenden Widersprüche in ein[em] ästhetischen[n] Konzept«
zusammennimmt. Gleichberechtigt bindet und vereint Butzer die Extreme, um »etwas sichtbar zu machen,
was nicht darstellbar sein kann«, etwas, das kein Vorbild in der vorhandenen Welt besitzt, das man erst
erfinden muss, »weil das Szenario«, dass im Bildganzen nicht allein die ganze Welt aufscheint, sondern
wirklich wieder ›ganz‹ ist, fern »in der Zukunft liegt«“ (André Butzer / Christian Malycha S. 41).

Frühe Publikationen zu seinen Ausstellungen wie der bei Patrick Painter im Jahr 2006 herausgegebene
Katalog André Butzer, Amerikanische Technik im Jahr 2017 demonstrieren in ihrer Übergröße 47 x 34,5 cm
seinen ästhetischen Anspruch (vergleiche dazu http://www.patrickpainter.com/publications/shoppingcart/
b2.html und http://patrickpainter.com/artists/Butzer_Andre/PDF/Butzer-pr0601.pdf, abgerufen am
24.4.2017); spätere Publikationen wie das 2015 zu seiner Ausstellung im Kunstverein Reutlingen bei
Harpune erschienene visuelle Lese- und Künstlerbuch André Butzer nehmen sich durch ihr bescheidenes
Format 16 x 11,2 cm zurück. Deshalb ist es konsequent, dass der von dem Kunsthistoriker Christian
Malycha unter dem Titel Sein und Bild. André Butzer 1994–2014 nach intensiven Gesprächen mit dem
Künstler erarbeitete erste Überblick über das Gesamtwerk von Butzer nicht im Katalog-, sondern im Buchund
damit im Diskursformat erscheint. Malycha geht von Einzelanalysen zentraler Malereien Butzers aus:
Am Anfang steht Butzers Familienbild Ohne Titel, Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm von 1994, am Schluss die
Malerei Ohne Titel, 2015,Öl auf Leinwand, 250 x 200 cm aus der Werkgruppe der N-Bilder: In den NBildern
fragt Butzer mit Hölderlin, ob es auf Erden ein Maß gibt und „antwortet sogleich: »Es gibt keines«.
Das Maß, nach dem er sucht, findet sich weder im Himmel noch auf Erden, ist weder abstraktes Ideal noch
dingliche Geometrie. Einzig im Bild hat es Bestand als ein ungegenständliches Maßnehmen, das jeweils ein
bildnerisches Verhältnis ermisst. Erst im gleichwertigen Bezug von Setzung und Entgegensetzung lässt sich
solches Maß aufstellen. Es ist die malerische Fassungskraft, die einem Bild diese ausgleichende Form zu
geben vermag“ (Christian Malycha S. 321).

In Ohne Titel, 2015,Öl auf Leinwand, 250 x 200 cm scheint das Schwarz übermächtig zu werden und alles in
den Abgrund zu ziehen. In jenem Augenblick „besinnt sich Butzer und lässt das Bild fallen […]. Er gibt der
Überwältigung nach, nimmt sie ernst und ihre Schwere an. Das Schwarz wird schwärzer, das Offene offener,
das Haltlose haltloser. Das Bild stürzt und vergeht. Doch, als es fast vom bodenlosen Schwarz ausgelöscht
wird, reißt hell eine hochragende Lichtbahn auf. Es ist die unscheinbare, mit den Jahren immer winziger und
kümmerlicher gewordene aufrechte Fuge, die Butzer aufzieht und anhebt, um das bildnerische
Gleichgewicht wieder herzustellen. Und selbst im Schwarz ist das Bild hell und lichthaltig. Es erzeugt
spürbaren »Lichtdruck«, vom immateriellen »Eigenlicht der Farbe« hervorgebracht“ (Christian Malycha /
André Butzer S. 334 ff.). Die Bildfigur wird zur Daseinsfigur und das Sein Bild.

Christian Malycha schlägt nun vor, Butzers Bildproduktion zwischen 1994 und 2014 in einem großen Bogen
zu sehen, der sich durch die Formel Sein und Bild beschreiben lässt. Sein und Bild könnte zum einen auf
Martin Heideggers Epochenwerk von 1927 Sein und Zeit verweisen, aber auch auf Johann Gottlieb Fichte
anspielen. Im ersten Fall würde Sein und Bild die Frage chiffrieren, ob sich die Widersprüche des Seins und
die Endlichkeit des Daseins ästhetisch versöhnen lassen und im anderen, ob sich die Bildproduktion und
Bildwelt Butzers aus Fichtes Vorstellung des absoluten Ichs herleiten und ästhetisch denken lässt: Butzer ist
durch seinen Vornamen mit seinem früh verstorbenen gleichnamigen Bruder verbunden und in der Folge ein
Leben lang mit der Frage konfrontiert, wie sich sein eigenes Dasein mit dem des verstorbenen Bruders und
wie sich Sein und Sinn versöhnen lassen, wenn alles Dasein „ein Sein zum Tode“ (Martin Heidegger) ist. Ob
menschliches Dasein verloren (vergleiche dazu André Butzer, Verloren, 1999, Acryl auf Leinwand, 200 x
135 cm, https://www.google.de/search?q=Andr%C3%A9+Butzer+,
+Verloren&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwi8zbW8vr3TAhWBOxQKHbkfAPsQsA
QIKA&biw=1656&bih=936#imgrc=d0z03wvdSrPD_M:, abgerufen am 24.4.2017), in Zellen gefangen
(vergleiche dazu André Butzer, Zelle, 1999, Acryl auf Leinwand, 194 x 200 cm, https://www.google.de/
search?q=Andr%C3%A9+Butzer,+Zelle,
+1999&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwjY6cnSv73TAhXIWxQKHZp1D_UQsAQII
Q&biw=1656&bih=936#imgrc=OqSukjVGf6Tf1M: abgerufen am 24.4.2017), im kosmisch fernen
Nasaheim glücken (vergleiche dazu André Butzer, Nasaheim, 2001, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm,
https://www.google.de/search?q=Andr%C3%A9+Butzer,+Nasaheim,
+2001&tbm=isch&imgil=EEIhKaO19NxnAM%253A%253BAdQZFxrRvwm8GM%253Bhttp%25253A%2
5252F%25252Farchive.haah.de%25252Fenglish%25252Fandre_butzer%25252Fabbildungen%25252Fausste
llung_dez_2001%25252Fnasaheim.html&source=iu&pf=m&fir=EEIhKaO19NxnAM%253A%252CAdQZF
xrRvwm8GM%252C_&usg=__2cnlZpYa8_byB1DpoWtHhw3dmOI%3D&biw=1656&bih=936&ved=0ahU
KEwiaqt2AxL3TAhUBXBQKHZ1OBfkQyjcIOw&ei=Pir-
WJqTG4G4UZ2dlcgP#imgrc=EEIhKaO19NxnAM: abgerufen am 24 4. 2017) oder in Butzers seit 2011
entwickelten N-Bildern ästhetisch versöhnt werden kann (vergleiche dazu
https://www.google.de/#q=André+Butzer,+N-Bilder, abgerufenem 24.4.2017), bleibt zumindest vorläufig
offen. Denn „Der Himmel der ist, ist nicht der Himmel, der kommt, wenn Himmel und Erde vergehen“ (Kurt
Marti).

Wenn die Programmformel Sein und Bild aber auf Fichtes Wissenschaftslehre und seine Vorstellung anspielt,
dass »Alles, was ist« nur für ein urteilendes Ich und nur insofern ist, »als es im Ich gesetzt ist« und außer
dem Ich nichts ist (Johann Gottlieb Fichte), und wenn demnach das Sein im Bild real wird, müsste über die
Kreisstruktur dieser idealistischen Argumentationsfigur und über die bleibende Schwierigkeit diskutiert
werden, wie im Ich das Ganze, das Sein und das Nichts eingefangen werden kann und schließlich und nicht
zuletzt auch über die Frage, ob diese Formel in der Lage ist, ein malerisches Werk zu erfassen, das nicht im
Übergang vom 18. zum 19., sondern im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert entstanden ist.

Gleichwohl gebührt Christian Malycha das Verdienst, eine erste Zusammenschau von André Butzer
zwanzigjährigem malerischen Werk vorgelegt zu haben. Es würde ihn ehren und es wäre in seinem Sinne,
wenn seine These auf Widerspruch stoßen und zum Ausgangspunkt einer weitergehenden Diskussion werden
würde.

ham, 30. April 2017

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