Deutscher Kunstverlag Berlin München, 2017, ISBN 978-3-422-07391-3, 112 Seiten, 53 meist ganzseitige
und teilweise mehrteilige Abbildungen, Klappenbroschur, Format 20 x 15 cm, € 16,90

Christian Welzbacher vertritt in seinem lesenswerten Überblick über Moscheen-Bauten in den letzten Jahren
in Ländern wie Frankreich, Deutschland, England, Italien, Dänemark, Spanien und den Niederlanden die
These, dass sich parallel zur Entwicklung eines Euro-Islams auch eine europäisch-islamische Architektur
herausbilden sollte. Das Stichwort Euro-Islam geht auf den deutschen Politikwissenschaftler syrischer
Herkunft Bassam Tibi zurück, der den Begriff 1991 in die Debatte geworfen und sich immer neu darüber
gewundert hat, dass sein Anliegen so wenig Unterstützung erfährt. Für Tibi bräuchte es in Europa einen
Reformislam und damit so etwas wie eine islamische Reformation, um die Entwicklung von
Parallelgesellschaften zu vermeiden (vergleiche dazu Andrea Seibel, „Deutschland ist immer noch kein
normales Land“. In: Welt digital vom 04.07.2018: https://www.welt.de/debatte/article156781355/
Deutschland-ist-immer-noch-kein-normales-Land.html).

Analoges sollte nach Welzbacher auch für die Architektur gelten, zumal für Moscheenbauten seit dem Bau
des Felsendoms in Jerusalem (692 –692, vergleiche dazu https://www.google.de/search?
q=felsendom+in+jerusalem&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwiR-4jN5s3ZAhUOzqQ
KHakCDq8QsAQIWA&biw=1897&bih=935) nur die mit dem Mihrab (vergleiche dazu https://
www.google.de/search?
q=mihrab&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwiTzf_p0cvZAhUExRQKHWbYAYwQsA
QIRA&biw=1656&bih=93) angezeigte Ausrichtung des zumeist querrechteckigen oder zentralisierten Baus
nach Mekka, die qibla, und eine Kanzel, der Minbar (vergleiche dazu https://www.google.de/search?
q=&tbm=isch&tbs=rimg:CY6jEn6ooWGxIjiQEtZuUo23Bw8_1m2lyS7VNhdl2ForsPugSU4AWgHJKE6ca
TOKG9SWqLwWRv3DJiPhMb486fSWR5CoSCZAS1m5SjbcHEQGayCNSH1zaKhIJDzbaXJLtU0RipMtqqwsWvUqEgmF2XYWiuw-
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tbo=u&sa=X&ved=2ahUKEwix_JHE08vZAhVI
ORQKHY7VBr4Q9C96BAgAEBk&biw=1656&bih=935&dpr=1), verbindlich sind. Angezeigt wird die
Gebetsrichtung durch eine halbrunde Konche, „in der der Vorbeter, der Imam, Platz findet. Freitags, zum
Mittagsgebet, wenn sich nach der Vorschrift alle männlichen Muslime in der Moschee versammeln, predigt
er von einer kleinen Kanzel, dem Minber. Mehr als diese Grundausstattung braucht die Moschee ihrem
Wesen nach nicht. Denn sie genügt einem pragmatischen, funktionalen Konzept, das auf den
gemeinschaftlichen Vorgang des Betens ausgerichtet ist. Von diesem rituellen Vorgang aus – der in seinem
Wesen ortsgebunden ist und beispielsweise auch unter freiem Himmel stattfinden kann – ist das
Moscheegebäude konzipiert. Ein spezifisches Aussehen oder ein Baustil sind weder im Koran, der
Offenbarung, noch in der Sunna, den Handlungsanweisungen des Propheten, niedergelegt. Auch den
Gedanken einer Weihestätte, die Bau und Überbau durch die Anwesenheit des Metaphysischen verbindet,
kennt der Islam nicht. Die Moschee ist kein ›Gotteshaus‹, sondern eine Versammlungsstätte“ (Christian
Welzbacher S. 13).

Für ihr Äußeres gelten dagegen andere Maßstäbe: Hier geht es um den Symbolcharakter im Stadtraum, um
Repräsentation, um Manifestation und um ein Minimum an Infrastruktur. „Dass ein Bethaus allein für sich
steht, ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil der Imam einen Büroraum haben muss, in dem er mit den
Mitgliedern seiner Gemeinde spricht. Ein modernes Bad, das den historischen Brunnen ersetzt, ist nötig, weil
sich die Gläubigen vor dem Gebet waschen müssen […]. Und […] Räume für den Koranunterricht, einen
Kinderaufenthalt, Platz für eine Frauengruppe, für Bücher, für Geselligkeit oder das Totengedenken. Mit den
ersten repräsentativen Freitagsmoscheen, angefangen mit der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem und der
Omayyadenmoschee in Damaskus (706 –715) fand das religiös-soziale Programm der Dschami zu einem
weitgehend verbindlichen Raumkonzept. An diesem Grundschema, der Typologie, hat der Islam auch dort
nicht gerüttelt, wo er im Zuge seiner Verbreitung neuen kulturellen Einflüssen ausgesetzt war. Das
Basisschema aus Qibla, Mihrab und Minber ist überall auf der Welt gleich“ (Christian Welzbacher S. 16).
Aber bei aller typologischen Konstanz gibt es doch von den zeitlichen, kulturellen, klimatischen
Rahmenbedingungen, von den Mentalitäten und von den Gewohnheiten der Bauherren und Nutzer abhängige
eigenständige Entwicklung im Dekor, im Stil und in der Konstruktion. „So gesehen erscheint es
unvermeidlich, dass eine neue Moschee in Dänemark anders aussieht als ein Bauwerk, das vor fünfhundert
Jahren in der Türkei entstand“ (Christian Welcher S. 17).

Dass sich bei Neubauten im abendländischen Kerneuropa trotzdem immer wieder „romantisierende“
Bauformen durchsetzen, liegt unter anderem an der Querfinanzierung aus den Herkunftsländern der in
Europa lebenden Muslime. Neue Wege wurden dagegen 1964 von Cengiz Bektaş mit der in Bagdad
gebauten Etimesgut Camii (vergleiche dazu unter anderem http://www.mimarizm.com/makale/etimesgutcami-
cengiz-bektas_113496), mit der von Emre Arolat in Istanbul gebauten und 2013 eröffneten Sancaklar
Camii (vergleiche dazu etwa https://www.google.de/search?
q=emre+arolat+sancaklar+camii&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwiVudjsc3ZAhXP16QKHYqvBsMQsAQIMA&
biw=1897&bih=935) und dem 2005 von Alen Jasarevic in Penzberg
gebauten Islamischen Zentrum (vergleiche dazu etwa http://www.islam-penzberg.de/?p=282) beschritten:
Jasarevics Ziel war es, „den kommenden Generationen das passende Gebäude zu schaffen. Das kann keine
Kopie sein, weder von einer Kirche, noch von einer althergebrachten Moschee. Die zeitgenössische Moschee
muss in Deutschland einen eigenständigen Typus darstellen. Das Forum in Penzberg ist ein Versuch, einen
neuen Weg zu gehen. Dass er der richtige oder einzig wahre ist, will ich nicht behaupten. Sehen Sie, ich bin
hier aufgewachsen und fühle mich in Deutschland sehr wohl, habe aber noch meine bosnisch-muslimischen
Wurzeln, aber ich will auch gerne der Gesellschaft hier zeigen, dass wir mithalten können, dass wir innovativ
sein können, und dass wir unseren Glauben nicht als etwas Althergebrachtes verstehen, sondern als etwas,
was sich ständig entwickelt und dadurch auch solche Gebäude schaffen kann“ (Alen Jasarevic nach Christian
Welzbacher S. 64 f.).

Treibende Kraft war neben dem Planer der aus Mazedonien stammende Imam Benjamin Idriz. „Er begriff
den Moscheenbau als programmatisches Musterprojekt eines dezidiert europäischen Islam und suchte
entsprechende Verbündete: unter den Mitgliedern seiner eigenen Gemeinde […] genauso wie im Ort
Penzberg, das neben der traditionellen katholischen Prägung auch über eine evangelische Kirche verfügt.
Idriz gelang es, den Islam als dritte wichtige religiös-soziale Kraft zu etablieren, indem er einen offenen
Dialog betrieb und die innovative architektonische Erscheinungsform als symbolisches Merkbild für seine
Initiative nutzte. Begreift man Alen Iasarevics Bauwerk als Fortsetzung einer Entwicklung, die nach dem
Zweiten Weltkrieg in Bosnien und der Türkei begonnen hat, so lässt sich die Penzberger Moschee als
Anzeichen für einen Aufbruch deuten, der die islamische Architektur in ganz Europa betrifft. Die
Initialzündung dieser Entwicklung war sogar noch einige Jahre früher erfolgt: mit dem Wettbewerb für eine
Zentralmoschee im Elsässischen Straßburg im Jahr 2000 […]. Paolo Portoghesi […] konnte den Wettbewerb
zwar mit einem konventionellen Entwurf für sich entscheiden […]. Begeisterung aber löste Zaha Hadids
Vorschlag aus, die die gestalterischen Möglichkeiten islamischer Baukunst aus ganz eigener Perspektive
vorführte“(Christian Welzbacher S. 65 ff.). Der in London praktizierende ehemalige Mitarbeiter von Zara
Hadid Ali Mangera konnte 2015 in Katar die Qatar Faculty of Islamic Studies (QFIS) einschließlich einer
Moschee realisieren (vergleiche dazu http://www.arcstreet.com/2017/11/the-qatar-faculty-of-islamic-studiesby-
myaa-mangera-yvars-architects.html).

Im Ergebnis wird deutlich, dass die Debatte um die neuen Moscheen des Abendlandes nur aus globaler
Perspektive geführt werden kann und dass die Planung einer zeitgemäßen Moscheenarchitektur von ihren
Auftraggebern und der Gesellschaft mitgetragen werden muss, in der sie realisiert werden soll. „Die
gesellschaftliche und damit auch finanzielle Verantwortung sollte in jenem Kontext erfolgen, in dem ein
solcher Bau entsteht. Denn – allgemein gesprochen – jeder einzelne neue europäische Moscheenbau ist eine
öffentliche-kulturelle Aufgabe, eine politisch-soziale Herausforderung für Muslime und Nichtmuslime, die in
der europäischen Gesellschaft zusammenleben“ (Christian Welzbacher S. 109 f.). Für Welzbacher muss die
Mehrheitsgesellschaft deshalb ihre muslimischen Mitbürger in der Organisation und Projektierung ihrer
Bauten unterstützten und auch dafür sorgen, dass sie Imame und Mitarbeiter beschäftigen kann, die in
Europa ausgebildet sind.

ham, 2. März 2018

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