Studien zu Kirche und Israel. Kleine Reihe 1, herausgegeben von Alexander Deeg, Beate Ego, Hanna Liss,
Christoph Markschies und Ralf Meister

Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2017, ISBN 978-3-374-04424-5, 128 Seiten, Broschur, Format 19 x 12
cm, 15,00 €

Der Dialog zwischen evangelischen Christen und Juden ist auch noch 500 Jahre nach dem Thesenanschlag
durch Martin Luthers antijüdische Schriften und ihre antisemitische Wirkungsgeschichte zumindest
angesäuert, wenn nicht gar bleibend vergiftet. Es hat sich zwar herumgesprochen, dass Luther in seinem
Antijudaismus ein Kind seiner Zeit war, sich die klassische Zweiteilung von Luthers Schriften in eine eher
judentumsfreundliche frühe und eine ausgesprochen judentumsfeindliche späte Phase reformationshistorisch
nicht aufrechterhalten lässt und trotzdem zwischen Antijudaismus und Antisemitismus unterschieden werden
muss. Gleichwohl gibt es gewichtige Stimmen, die fragen, ob die fünf „solus-“ bzw, „allein“-
Formulierungen, die die evangelischen Konfessionsfamilien nach dem 19. Jahrhundert kennzeichnen, nicht
verborgene Restbestände des Antijudaismus transportieren und deshalb dem Dialog zwischen Judentum und
Christentum im Wege stehen.

Christoph Markschies begründet in der vorliegenden Publikation, dass die Formeln sola scriptua, „allein
durch die Schrift“, solus Christus, „Christus allein“, sola gratia, „allein durch die Gnade“, sola fide, „allein
durch den Glauben“ und die für alle anderen grundlegende Formel solo verbo, „allein durch das Wort“ zwar
die reformatorische Theologie gültig zusammenfassen, aber im jüdisch-christlichen Dialog auf das Ganze der
Schrift, auf den Juden Jesus, auf das Ganze der göttlichen Gnadenzusage und auf die Fülle dessen, was im
Judentum und in der weltweiten Ökumene unter „Wort Gottes“ verstanden wird, hin ausgelegt werden
müssen. „Will man […] die Formel sola gratia […] vor dem Hintergrund des christlich-jüdischen Gesprächs
bedenken, so muss man jede Profilierung gegen ein angeblich jüdisches ›gesetzliches Denken‹ vermeiden
und sich um präzise Nachzeichnung jüdischer Theologien der Thora bemühen“ und als tota gratia
weiterdenken. „Will man […]die Formel sola fide […] mit Blick auf das christlich-jüdische Gespräch
explizieren, so könnte man sich beispielsweise mit […] Martin Buber“ über ein eher am hebräischen Begriff
ämät orientiertes jüdische und ein eher am griechischen Begriff pistis orientiertes christliche
Glaubensverständnis auseinandersetzen. Man könnte diesen Zugriff aber auch „zum Anlass nehmen, auch
hier einen nicht in hebräische und griechische Dimension verkürzten Glaubensbegriff zu entwickeln: tota
fides“ (Christoph Markschies S. 80).

Solo verbo wäre von der ganzen Bibel her auszulegen, „die als mündlich gepredigtes Wort im religiösen
Unterricht und im häuslichen Leben präsent sein sollte, aber selbstverständlich oft nur in Teilen rezipiert
wird, im Judentum wie im Christentum […]. Der gemeinsame Nenner der hier entfalteten Überlegungen ist
[…], dass eine schlichte Reduktion von Kernbeständen christlicher Theologie der falsche Weg ist, um in
Angesicht des Judentums und im Gespräch mit jüdischen Glaubenden christliche Theologie zu
betreiben“ (Christoph Markschies S. 81). Die Einheit der einen Bibel gibt es nur in Vielfalt: „Die Kirchen der
weltweiten Christenheit lesen das Alte Testament in […] mehreren Textgestalten und Übersetzungen, die sich
nicht ausschließen, sondern eine harmonische Symphonie bilden […]. Wenn die christliche Seite in den
jüdisch-christlichen Dialogen diese besondere Verbindung von Einheit und Pluralität aufmerksam
wahrnimmt, ist sie für das Gespräch mit dem Judentum bestens vorbereitet und wird davon reich profitieren
können“ (Christoph Markschies S. 82).

ham 13. Oktober 2017

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