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Cornelia Schleime, Ein Wimpernschlag

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 25.11.2016 – 24.4.2017 in der Berlinischen Galerie /
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur im Rahmen der Verleihung des Hannah-
Höch-Preises des Landes Berlin 2016. Herausgegeben von Thomas Köhler und Stefanie Heckmann für die
Berlinische Galerie mit Texten von Claus Löser, Annelie Lütgens, Kim Mildebrath und der Herausgeber

Berlinische Galerie / Kerber Verlag Bielefeld, 2016, ISBN 978-3-7356-0293-0,152 Seiten, 124 farbige und
28 schwarzweiße Abbildungen, Broschur, gebunden, Format 27 x 23 cm, € 35,00 (D) / 36,00 (A) / 42,70
CHF

Der erste Hinweis auf Cornelia Monika Petra Schleime kam von dem Stuttgarter Avantgarde-Galeristen
Hans-Jürgen Müller und liegt 20 Jahre oder mehr zurück. Cornelia Schleime sei eine sehr gute Malerin und
Zeichnerin, so Müller damals. Er hat sie wohl in den ersten 1980er Jahren bei seiner Recherche für die im
Hessischen Landesmuseum in Darmstadt gezeigte Sammlung Tiefe Blicke kennengelernt und sie später, wie
der Titel ihres Reisetagebuchs von 1996 zeigt, in sein von ihm und seiner Frau Helga auf Teneriffa
vorangetriebenes Projekt Atlantis-Mariposa eingeladen. Ich habe Cornelia Schleime 1995 oder 1996
zusammen mit meiner Frau in ihrem damaligen Berliner Atelier besucht und wir haben eine Ausstellung für
Ende 1997 im Hospitalhof Stuttgart unter dem Titel Junges Gemüse abgesprochen. Eindrücklich in
Erinnerung noch heute ihr Hund, der ihr Atelier offensichtlich als sein Revier betrachtet hat. Gezeigt hat sie
im Hospitalhof ihre in New York auf extrem schmalen, 240 Zentimeter hohen Hochformaten gemalten
Ölbilder von Porree, Gelben Rüben und anderem Gemüse, ihre mit Asphalt- und Schellack in den
Oberflächen fertig gemalten und zugleich aufgebrochenen Kinder- und Frauenporträts in Acryl, ihre ersten
Nonnen und eine umfangreiche Serie von Zeichnungen von Frauenköpfen mit überlangen Zöpfen. Im
Interview mit Christiane Bühling vom 16. Oktober 1996 notiert sie, dass diese Zöpfe, die bis auf den Boden
reichen, und der überlange Porree mit ihrem Hang zur Übertreibung, zum Ironischen und zum Theatralischen
zu tun haben und dass ihre scheinbar zusammenhanglosen Themen durch ihren subjektiven Ausgangspunkt
verbunden sind, der meist aus dem persönlich Erlebten entsteht (vergleiche dazu http://www.corneliaschleime.
de/text/interview-mit-der-künstlerin-christiane-bühling-1996, abgerufen am 8.12.2016).

Dass das Gesamtwerk der 1953 in Ostberlin geborenen Künstlerin weit mehr als Zeichnungen und Malerei
umfasst, belegt die ihr jetzt aus Anlass der Verleihung des Hannah Höch-Preises in der Berlinischen Galerie
eingerichtete Retrospektive (vergleiche dazu http://images.google.de/imgres?imgurl=http://
www.berlinischegalerie.de/fileadmin/_migrated/pics/Museum-
Berlin_Cornelia_Schleime_Die_Nacht_hat_Fl%25C3%25BCgel_726x378.jpg&imgrefurl=http://
www.berlinischegalerie.de/museum-berlin/kunstpreise/hannah-hoech-preis/
&h=378&w=726&tbnid=QqQmpoUCZc-
FzM:&vet=1&tbnh=90&tbnw=173&docid=gN6sh5V1zwd3KM&usg=__eASFysWrepwEPZ7N5DUxdn4t3
b8=&sa=X&ved=0ahUKEwiRnd73l-fQAhWDzRoKHRMrAyEQ9QEIQjAH und die Bilderstrecke zur
Ausstellung unter https://www.google.de/search?q=Cornelia+Schleime,
+ein+Wimpernschlag&biw=1620&bih=884&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwjTr4D_
9ebQAhVICMAKHaybDgkQsAQIOg, abgerufen am 8.12.2016). Zwar können aus ihrem nach ihrer
Übersiedlung nach Westberlin im Jahr 1984 weitgehend verlorenen Frühwerk nur diverse Abzüge von ihren
Körpermalaktionen und ihren Bondage- und Selbstinszenierungen in Silbergelatinepapier, ihre Super-8-
Filme, frühe Künstlerbücher und einige persönliche Fotografien gezeigt werden. Ihre frühen Malereien, ihre
Postkartenbilder wie das in der Sammlung Tiefe Blicke gezeigte 210 x 119 cm große Bild Ohne Titel, 1983,
160 Fotopostkarten übermalt und ihre Horizonte-Bilder wie die Arbeit Gelber Horizont, 1985, Tusche auf
Japanpapier, kaschiert auf Stoff, 140 x 140 cm fehlen (vergleiche dazu Tiefe Blicke, herausgegeben vom
Verein der Freunde und Förderer des Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Köln 1985, S. 333ff.). Aber
selbst Einzelbilder wie die im Katalog abgebildete Arbeit Der Osten ist grau, der Westen hat auch etwas
Farbe, 1986, Tusche auf Japanpapier, kaschiert auf Vlies, 145 x 145 cm, rufen zusammen mit den frühen
Filmen, Fotografien und der ironischen Brechung ihrer Bespitzelung durch die Stasi in der Arbeit Bis auf
weitere gute Zusammenarbeit, 1993, 15 Fotografien auf Siebdruck, je 100 x 70 cm, Schleimes damalige
Stimmung glaubwürdig in Erinnerung: „Ich sehe einen haufen vom staat geschützter maler, ich sehe sie
gelangweilt, programme absolvieren, dieses monochrome gutfunktionierende wesen wird in uns nach farben
verlangen, nach bildern, wir werden uns an die grenzen des kitsches bewegen, um dieses grau zu
beleben“ (Cornelia Schleime im Juni 1983. Nach Eckart Willen, Der Osten im Westen. In: Tiefe Blicke, a. a.
O. S. 196).

Ihre Arbeit Der Osten ist grau zeigt einen fiktiven Teil der Berliner Mauer mit in der Art von Graffitis
skizzierten Akten und Halbporträts in Schwarz, Grau und Gelb auf meliertem rosa-grauem Grund. Zwischen
den Figuren die Zeile Der Osten ist grau, der Westen hat auch etwas Farbe. Ein roter Strich grenzt die
Mauer nach oben und zum Osten ab. Dahinter ein aufgewühlter weißer Farbfluss mit sechs teilweise
übermalten, kurz angesetzten roten Strichen und hinter dem Fluss eine aneinander gefügte ocker-graue und
eine etwas kürzere graublaue Betonmauer mit einem Affenporträt. Der weiße Farbfluss könnte für den
früheren Todesstreifen zwischen der deutsch-deutschen Grenze stehen, die Betonmauern für die
zugemauerten Häuser an der Westgrenze Ostberlins und der Affe dafür, dass Schleime durch ihren einstmals
besten Freund Sascha Anderson und seine Spitzeldienste zum Affen gemacht worden ist. Aber das ist nur
eine von vielen möglichen Deutungen.

Über Cornelia Schleime, ihre Malerei, ihre Zeichnungen und die Frage, warum sie im Westen ihre
Körperaktionen, Performances und ihre Super-8-Filme nicht mehr weitergeführt hat, ist viel geschrieben
worden. Das braucht an dieser Stelle nicht wiederholt zu werden. Dafür sei abschließend an das selten
berichtete biographische Detail erinnert, dass sie in der DDR auf Wunsch ihrer Großmutter insgeheim
katholisch erzogen worden ist. Sie trägt das nicht vor sich her. Aber man kann ihrem von hoher
Menschlichkeit und tiefer Spiritualität geprägten Werk diesen Hintergrund abspüren. Ihre ersten
Zeichnungen hat sie im Religionsunterricht gemacht. „Ich erinnere mich an meine erste Zeichnung, die ich
gemacht habe, es war im Religionsunterricht, wir sollten das Paradies zeichnen, und da habe ich Löwen,
Mäuse, Tiger, Katzen und Schafe und alles im friedlichen Miteinander gezeichnet. Vielleicht habe ich mir
diese kindliche Vorstellung bewahrt, den romantischen Blick, daß das Große mit dem Kleinen kann, und daß
diese gegensätzlichen Dinge miteinander sind, ohne sich zu zerstören“ (Cornelia Schleime im Interview mit
Christiane Bühling a. a. O.). Ihre Nonnen- und Papstbilder lassen die von ihr empfundene Nähe, vielleicht
sogar eine Art Verwandtschaft zwischen sakraler und künstlerischer Existenz erahnen: „Meine ersten
Bildvorstellungen entstanden in der Kirche, angeregt durch die Biblische Geschichte. An Dramatik ist sie
kaum zu übertreffen. Die Diktatur hat aber ihre eigenen bescheidenen von Propaganda geprägten
Bildvorstellungen. Als ich einmal eine Frau mit hängendem Kopf zeichnete, sagte man, so sieht keine Frau
im Sozialismus aus und riss das Blatt von der Wand. So wie ich meinen eigenen Bildern folgte, folgte
Wojtyla den Prinzipien seines Glaubens. Die Diktatur wollte beides nivellieren. Wojtyla lebte im von den
Deutschen besetzten und später kommunistischen Polen in der Illegalität, als Steinbrucharbeiter, Poet,
Theaterkünstler, Literaturprofessor, wie auch während seiner priesterlichen Ausbildung beim Erzbischof von
Krakau Sapieha, die nachts in Kellergewölben stattfand. Tagsüber arbeitete er zu dieser Zeit als
Friedhofswächter. Auch viele Künstler im Osten arbeiteten im Schutzraum der Friedhöfe, wenn sie ihre
Autonomie bewahren wollten. Bei mir waren es Pferdestall, Aktmodell, Gebäuderestauration und
Ausstellungsaufsicht. Nachts begann für mich die eigentliche Arbeit“. (Cornelia Schleime im Interview mit
Christiane Bühling. In:http://www.cornelia-schleime.de/text/interview-mit-der-künstlerin-christianebühling-
2003).

Gefragt, ob ihr Papstbild eine kritische Hommage an den Stellvertreter Gottes sei, ob sie sich von den
Ritualen der Katholischen Kirche distanziert habe und ob sie von der Beständigkeit ihrer Werte fasziniert sei,
antwortet sie: „Die Rituale der Katholischen Kirche haben mich immer fasziniert, aber ich fühlte mich ihnen
nie gewachsen. Ich litt unter ihnen. Die Gemütszustände von Demut und Extase blieben mir fremd, da sie auf
Kommando geschehen sollten. Die Töne, die sich beim Singen hochschraubten, als wollten sie das Dach der
Kirche abdecken, waren nicht für meine Stimmlage gemacht. Nur die Reinigung nach der Beichte empfand
ich als wohltuend. Danach konnte ich wieder neuen Unsinn machen. Dennoch möchte ich diese Erfahrung
nicht missen. Ich denke schon, Mystik und Spiritualität können von der zu Ende gehenden Moderne nicht
ersetzt werden. Der Papst mit seinen Inszenierungen ist der berühmteste Popkünstler. Er ist der populärste
Kritiker gegenüber den Auswüchsen der Moderne, bedient sich aber ihrer Mittel, um sie noch wirkungsvoller
in die Schranken zu weisen. Die Vertreterstimme Gottes erschallt mit neuestem HighTech-KnowHow der
Medienwelt, um bei der Weihnachtsansprache 2002 die düstere Botschaft zu verkünden: »Gott
hat sich vom Menschen abgewandt«! Ein folgenschwerer Satz gegen Ende seines Pontifikats?
Eine letzte Warnung an die Welt? Dieser Papst wird unterschätzt. Wir können ihn nicht am Zeitgeist messen
wollen — er vergeht. Der Papst ist einer anderen Zeitrechnung verpflichtet“ (Cornelia Schleime, a. a.O). Das
Werk von Cornelia Schleime auch.

ham, 9. Dezember 2016

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