Deutsche Verlagsanstalt München, 2021, ISBN: 978-3-421-05406-7, 346 Seiten, zwei Landkarten, ein Orts- und ein Personenregister, Hardcover mit Schutzumschlag, Format 22 x 14 cm, € 34,00 (D) / € 35,00 (A) / CHF 46,90

Dan Diner untersucht in seiner Anatomie des Zweiten Weltkriegs die Expansion des Weltenbrands nicht wie sonst üblich von Deutschland aus und damit vom Westen nach Osten beziehungsweise von Osten nach Westen, sondern aus dem Blickwinkel des globalen Südens und damit von Süden nach Norden. Damit kommt der Yishuv, das jüdische Palästina als nord-westlicher Zipfel des britischen Herrschaftsbereichs in Asien ebenso in den Blick wie der indische Subkontinent, der Indische Ozean als maritime Drehscheibe für die Imperial Defence und die alliierte global ausgelegte Logistik. Nach dem zuletzt an der Hebräischen Universität in Jerusalem und an der Universität Leipzig lehrenden renommierten Historiker Dan Diner ging die größte Bedrohung der jüdischen Bevölkerung und des jüdischen Gemeinwesens in Palästina vom gleichzeitigen Vordringen der deutschen Wehrmacht in Nordafrika und in Südrussland zwischen Mai und November 1942 aus.

Diese Bedrohungslage spiegelt sich auch in der vom 9. bis 11. Mai 1942 im Biltmore Hotel in New York als außerordentlicher Zionistenkongress stattfindenden Biltmore-Konferenz. Ein Ende des Krieges war damals noch nicht abzusehen. Der Hoffnung, dass in Europa eine zweite Front eröffnet werden könnte, erteilte der amerikanischen Vizepräsidenten Henry A. Wallace eine klare Absage. Dafür sei es noch zu früh. „Statt einer Wende zum Guten befürchtete er eine drastische Verschlechterung der Lage für das Bündnis der ›Vereinten Nationen‹, wie sich die Alliierten damals zu nennen begannen. Ein japanisches Vorgehen gegen Alaska, ja gegen die amerikanische Nordwestküste sei nicht auszuschließen, womöglich begleitet von deutschen subversiven Aktionen in Lateinamerika. Hitler stehe ein Zeitfenster von etwa zwei Jahren offen, das er, eine unabwendbare Niederlage vor Augen, werde nützen können, um sein Zerstörungswerk mit allen Mitteln zu vollenden. Erst 1944 … werde die amerikanische Kriegsproduktion einen Stand erreicht haben, der den Sieg der Alliierten über die Achsenmächte bringen werde … Tatsächlich sollte sich jenes Zeitfenster von zwei Jahren … mit der alliierten Invasion in der Normandie im Juni 1944 schließen. Dass diese zwei Jahre mit der Kernzeit des sogenannten Holocaust zur Deckung kommen würden, konnte damals“ kaum jemand wissen (Henry A. Wallace in der New York Times vom 9. Mai 1942 nach Dan Diner S. 15 f.). „Zwar war allenthalben bekannt, dass seit dem Überfall auf die Sowjetunion, seit ›Barbarossa‹, entsetzliche Verbrechen in Form von Massakern an der jüdischen Bevölkerung verübt wurden, nicht aber, dass damit ein systematisch exekutierter Genozid begonnen hatte“ (Dan Diner S. 16). 

Auf der Biltmore-Konferenz wurde die von David Ben Gurion spätestens seit 1940 aktiv betriebene Abkehr der zionistischen Bewegung von Britannien und ihre Hinwendung zu Amerika offenkundig. Chaim Weizmann verlor an Autorität, Ben Gurion gewann. Programmatisch wurde entschieden, dass nach dem Krieg ein jüdischer Staat gegründet werden sollte und dass man an einer diese Gründung legitimierenden Friedenskonferenz beteiligt sein wollte. Dies aber erforderte die Aufstellung einer jüdischen Armee. Dafür diente der große Krieg als Folie. Die Rede war von zehntausenden jüdischen Soldaten. „Indes weckt das Pochen darauf, eine solche Armee sei ausschließlich in Palästina oder in dessen Nachbarschaft bereitzustellen, Zweifel an der Bestimmtheit einer solchen Absicht. Zwar wurde ständig darauf hingewiesen, der Kampf gegen Hitler und für eine demokratische Weltordnung sei oberstes Gebot … Gleichwohl zielten die gehäuften Wortmeldungen … zugleich auf die Zeit nach dem Weltkrieg – auf einen Krieg [um Palästina] nach dem Krieg … Das Vorhaben der Gegenwart wie das Vorhaben der Zukunft verschmolzen. Ein Vorrang des einen über den anderen wird freilich dann erkennbar, wenn der Einsatz solcher jüdischen Einheiten auf ferner liegenden Kriegsschauplätzen explizit ausgeschlossen wird“ (Dan Diner S. 25 f.). Das Angebot einer aufzustellenden jüdischen Armee den Schutz Palästinas zu überlassen, wiesen die Briten als Danaergeschenk zurück.

Neben der Frage nach einer jüdischen Armee wurde auch das Schicksal der europäischen Juden breit diskutiert. So malte Weizmann das für damalige Vorstellungen ungeheuerliche Ausmaß von fünfundzwanzig Prozent toter Juden in Ost- und Mitteleuropa an die Wand; er rechnete mit zwei bis drei von fünf Millionen überlebenden, entwurzelten und heimatlosen Juden, „a floating population between heaven and hell, not knowing, where to turn“ (Chaim Weizmann nach Dan Diner S. 29). Andere wie Nahum Goldmann mutmaßten, dass sich die Katastrophe als weitaus dramatischer erweisen könnte; aber auch er hielt Gerüchte für übertrieben, dass im Warschauer Ghetto täglich an die 800 Juden getötet würden. Ben Gurion schließlich sprach zwar von einer „complete physical extermination“ und einer „complete and total annihilation“, war aber im selben Atemzug davon überzeugt, dass das jüdische Volk überleben werde: „Die Hitlers kommen und gehen – der Judenhass, die Judenfeindschaft bleibt. Um sich dieser Bedrohung zu entziehen …, gelte es, die Anstrengungen auf die Etablierung einer jüdischen Heimstätte, eines jüdischen Staates zu konzentrieren“ (Dan Diner S. 33f.).

Auf dem 22. Zionistenkongress Ende 1946 in Basel sollte ein Bericht erklären, weshalb die Nachrichten über die Vernichtung der Juden in Europa erst so spät zur Kenntnis genommen worden waren. Die damalige Erklärung: „Der Yishuv habe sich, solange die seine Existenz bedrohende Gefahr einer deutschen Invasion bestand, den aus Europa stammenden Meldungen nicht stellen können; das sei erst mit dem Ausgang der Schlacht von El-Alamein, der Wende bei Stalingrad, der anglo-amerikanischen Landung in Nordafrika sowie dem Übergang Darlans zu den Alliierten in Algier möglich gewesen“ (Dan Diner S. 281). Nach Diner reicht diese Erklärung aber nicht tief genug, „um zu verstehen, warum der Einschnitt des Schreckens, jene vom Frühjahr bis Herbst 1942 anhaltende Furcht, weder ins kollektive Gedächtnis eingegangen noch ihrem unbestreitbaren historischen Wert entsprechend berücksichtigt worden ist. So kommt jenem Zeitabschnitt der Charakter einer Lakune zu, einer Lücke in der Erinnerung, herbeigeführt durch verschiedene, sich je verstärkende Ursachen. Eine dieser Ursachen liegt in der Ereignisfolge des Geschehens begründet: Als mit dem Vormarsch der Panzerarmee Afrika in der Westlichen Wüste die existentielle Gefährdung der jüdischen Heimstätte ihrem Höhepunkt zustrebte, war im Yishuv die Kenntnis von der ›Endlösung‹ als einer absoluten, einer systematischen Vernichtung aller Juden und überall nicht vorauszusetzen. Ein solches Wissen trat just zu dem Zeitpunkt ein, als die Gefahr gerade abgewendet worden war. Die Zeitspanne der allergrößten Gefahr, Mai bis November 1942, war von einem ›Noch nicht‹ (des einzutretenden Wissens) und einem ›Nicht mehr‹ (des drohenden Geschehens) bestimmt.

Hinzu tritt eine Dimension von geschichtsphilosophischem Rang: Sie rührt an das Verhältnis von Telos und Kontingenz. Mit Telos stehen Vorstellungen in Verbindung, in denen Eretz Israel die Bedeutung eines Hortes des Schutzes und der Sicherheit vor den Unbilden der Verfolgung auch und gerade angesichts dessen zukommt, was sich zeitgenössisch vor aller Augen abspielte. Da aber im Augenblick des größten aller Schrecken nicht das Land, nicht Eretz Israel, Leben und Überleben des Yishuv zu sichern vermochte, sondern lediglich eine von außen herangetragene glückliche Fügung, nämlich der Triumph der britischen Waffen über die Achse in der Westlichen Wüste, eine mögliche Katastrophe verhindert hatte, war bei aller Freude und Erleichterung über den Ausgang der Schlacht ein Grundpfeiler eigenen Selbstverständnisses beschädigt worden. Dies dürfte derart unerträglich gewesen sein, dass das mit der Chiffre ›El-Alamein‹ verbundene, unhintergehbare Geschehen der kollektiven Vergessenheit anheimfiel“ (Dan Diner S. 282 f.). Das Überleben des Yishuv war zudem auch noch von Hitlers Entscheidung begünstigt, die Sowjetunion mit einem Vernichtungskrieg zu überziehen, „in dessen Verlauf die wesentlichen Bereiche jüdischen Lebens auf dem Kontinent vom Malstrom des Holocaust erfasst wurden. Dessen mörderisches Ausgreifen verlief, in Umkehrung der Vormarschrichtung der deutschen Wehrmacht, schematisch betrachtet von Ost nach West“ (Dan Diner S. 283). 

Vor diesem Hintergrund nimmt sich die Errettung des Yishuv wie ein Zufall aus. Schließlich stand Hitler vor den Toren des Landes und er hat nicht nur beabsichtigt, die Diaspora zu vernichten, „›sondern das Judentum als Ganzes, alle Juden und überall. Der reine Zufall hat uns gerettet‹“ (Yaakov Zerubavel nach Dan Diner S. 285). 

„Innerjüdisch betrachtet, ist der Staat Israel ein Zwitter. Dem langfristig angelegten, sich anfänglich behutsam entwickelnden zionistischen Projekt war der Zweite Weltkrieg unerwartet in die Quere gekommen; gleichwohl haben gerade dessen Folgen zur Gründung des Staates geführt. Hervorgegangenen ist Israel insofern aus zwei Momenten: aus dem zionistischen Vorhaben, das bei anfänglicher britischer Förderung und britischem Schutz quasistaatliche Strukturen legen konnte, sowie aus dem existentiellen Druck jüdischer Überlebender und Flüchtlinge, die den Friedhof Europa hinter sich zu lassen beabsichtigten. Der im und auf den Zweiten Weltkrieg folgende Niedergang der europäischen Imperien, der Prozess der Dekolonisierung ebenso wie der chronisch gewordene arabisch-israelische Konflikt brachten es mit sich, dass sich die Juden aus den arabischen wie islamischen Ländern in ihrer Mehrheit letztendlich im jüdischen Staat wiederfinden sollten. 

Dass all jene jüdischen Schicksalsstränge im Projekt Israel zusammenliefen, war den zionistischen Gründungsvätern des jüdischen Gemeinwesens nicht unwillkommen. Gleichwohl gehen sie einen Kompromiss ein, indem die Vorstellung von ›Erlösung‹ wesentlich zugunsten eines profanen jüdischen Territorialismus in Palästina zurückgenommen worden war. Die Überlebenden und Flüchtlinge, dem politischen Zionismus gegenüber meist fremd oder agnostisch eingestellt, waren nach dem Geschehen des Holocaust allein von dem Wunsch beseelt, unter Juden zu leben“ (Dan Diner S. 292 f.).

ham 16. März 2021

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