Akten der Kongresse in Würzburg vom 16. bis 18. Oktober 2014 und in Wien vom 17. bis 18. März 2015,
herausgegeben von Karlheinz Dietz, Christian Hannick, Carolina Lutzka und Elisabeth Maier mit Beitragen
unter anderem von Christoph Dohmen, Giuseppe Ghiberti, Alexander Rausch und den Herausgebern

Das Östliche Christentum, Neue Folge Band 62, Echter Verlag, Würzburg 2016, ISBN 978-3-429-04199-1,
883 Seiten, 88 Farbtafeln mit zahlreichen Abbildungen, dazu zahlreiche schwarzweiße Abbildungen und
Illustrationen, Hardcover gebunden, Format 24,4 x 17 cm, € 69,00

Dem Vatikan gilt das Grabtuch von Turin als „Ikone“, nicht als „Reliquie“. Gleichwohl hört der Streit um die
Frage nicht auf, ob die 4,37 Meter lange und 1,11 Meter breite, heute in einer Seitenkapelle des Turiner
Doms aufbewahrte und von vielen Gläubigen als Grabtuch Jesu verehrte Ikone mit der Ganzkörperabbildung
eines Gekreuzigten ein Produkt des Glaubens, eine Fälschung oder das originale Tuch ist, in dem der
Gekreuzigte in das Felsengrab in Jerusalem gelegt worden ist. Die Argumente gehen hin und her und seit die
Datierung ins Mittelalter selbst von maßgeblichen Spezialisten bezweifelt wird, scheinen die Befürworter der
Echtheit wieder einmal Oberwasser bekommen zu haben. Wenn es aber das historische Leichentuch mit dem
wie auch immer auf das Tuch gekommenen Abbild Jesu wäre, müsste erklärt werden, warum dieses
Kreuzigungsbild, das sein Antlitz zeigt, so spät und gleichsam am Ende einer Entwicklung in der
Überlieferung erscheint, an deren Anfang es doch eigentlich historisch und typologisch stehen müsste.

Auch die im Ostkirchlichen Institut an der Universität Würzburg und in Wien veranstalteten internationalen
Kongresse mit mehr als 25 Gelehrten aus zehn Ländern haben die Frage nach der Historizität letztlich nicht
beantworten können. Dafür sind aber die Möglichkeiten deutlicher geworden, wie es in der Ostkirche zur
Verehrung der nicht von Menschenhand gemachten Bildern Jesu Christi und zur Verehrung des Turiner
Grabtuchs gekommen sein und wie die „Acheiropoieta“ mit dem Turiner Grabtuch zusammenhängen
könnten.

Karlheinz Dietz führt in seiner durchaus subjektiven Zusammenfassung der Kongresse unter anderem aus,
dass gegen einen antiken Ursprung des Turiner Grabtuchs weder die Auslegung der Evangelien noch der
Textilienbefund angeführt werden können. „Da die Frage der Bildentstehung offen ist und das Objekt selbst
zeigt, dass ein großer Teil seiner Geschichte dunkel bleibt […], bietet die Radiokarbondatierung des Leinens
ins Mittelalter nur einen Zugang neben anderen […]; er ist mithin nicht isoliert von den übrigen
Annäherungsmethoden zu betrachten […]. Bis heute ist das Turiner Grabtuch mit vormodernen Mitteln nicht
herstellbar […], weshalb es sich naheliegt, es mit der Überlieferung der ›nicht von Hand gemacht‹
Christusbildern zu vergleichen. Die Darstellung Christi wurde von alttestamentlichen Vorbehalten gegen
Kultbilder nicht verhindert […] und hat frühzeitig Eingang in liturgische Programme gefunden […]. Zum
einen ging es beim antiken Schauen nicht um einen nur optischen, sondern um einen ganzheitlichen Vorgang
[…], zum anderen ist der inkarnatorische und soteriologische Aspekt der Christusikone von Gewicht
[…].“ (Karlheinz Dietz S. 57 f.). Von der Wiener Tagung hält Dietz fest, dass das Grabtuch von Turin
abhängig von der Echtheitsdiskussion ein für die Exegese und den Glauben bedeutsames Objekt ist. „Das
johanneische Sudarium Christi könnte […] eine Kinnbinde gewesen sein […]. Der Zusammenhang von
Sindon und Mandylion ist nicht gesichert, es bestehen allerdings Berührungspunkte zwischen der
Abgarlegende und der Veronicalegende, und im 12./13. Jh. kommt es auch zu einer engen Berührung der mit
diesen Begriffen bezeichneten Realien […]. Seit dem 12. Jahrhundert erlebte das Veronica genannte Bild
einen rasanten Aufstieg vom sakralen Objekt zum wichtigsten Kultbild der Stadt Rom […]. Typologisch
ähnelt es dem Mandylion […]. Seit etwa der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bekam die Veronica
zunehmend Konkurrenz durch das erstmals um 1355 im Westen aufgetauchte Grabtuch […]. Die heute in
Rom verehrte […] Veronica ist mit großer Wahrscheinlichkeit identisch mit der schon im Spätmittelalter
gezeigten Reliquie“ (Karlheinz Dietz S. 63).

ham, 11. Februar 2017

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