Hrsg. von schnittpunkt und Joachim Baur

Edition Museum | Band 48, transcript Verlag, Bielefeld, 2020, ISBN 978-3-8376-5270-3, 313 Seiten, 2 Schwarzweiß- und 55 Farbabbildungen, Broschur, Dispersionsbindung, Format 22,5 x 14,8 cm, € 29,00

1970 ist der von dem deutschen Kunsthistoriker, Historiker und Museumsdirektor Gerhard Bott herausgegebene Band »Das Museum der Zukunft« mit 43 Beiträgen aus der Museumspraxis und benachbarten Gebieten erschienen. So hat der Kunstgeschichtler und Professor für neuere und neueste Kunstgeschichte in Heidelberg Peter Anselm Riedl über »Das Museum der Zukunft« (vergleiche dazu http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/765/1/Riedl_Das_Museum_der_Zukunft_1970.pdf), der polnische Kunstgeschichtler Jerzy Banach über »Aufgaben des Museums in der Zukunft«, der damals neue Direktor der Staatsgalerie Stuttgart Peter Beye über die »Aufgaben des Museums in der Gegenwart« und der „Denker im Dienst, Künstler ohne Werk und Kunstprofessor Bazon Brock über »Das Museum als Arbeitsplatz« geschrieben.

„Noch heute lohnt es, den Band in die Hand zu nehmen, weil sich darin einige hellsichtige Gedanken finden. Vor allem gibt er viel über den Diskurs rund um das Museum um 1970 preis und zugleich Einblick in die längeren Linien heutiger, oft nur scheinbar neuer Debatten und Positionen. Die Idee unseres Bandes ist es, das Anliegen der historischen Publikation genau 50 Jahre nach ihrem Erscheinen reflektierend zu wiederholen“ (Joachim Baur, Martina Griesser-Stermscheg, Christine Haupt-Stummer, Renate Höllwart, Beatrice Jaschke, Monika Sommer, Nora Sternfeld und Luisa Ziaja S. 11). Die 43 neuen knappen Beiträge aus der Museumspraxis sowie aus Theorie, Bildung, Kunst und Architektur sind konkrete Visionen oder entwerfen Utopien eines Museums der Zukunft. Manche sehen das kritisch, andere enthusiastisch, einige nüchtern, einzelne auch dystopisch, im Stil essayistisch, künstlerisch oder wissenschaftlich. Die Zielrichtung der Reflexion kann dabei natürlich – wie damals – nichts anderes sein, als die Gegenwart, die in den Vorstellungen der Zukunft diskussionsfähig wird. Die Zukunft ist allerdings auch nicht mehr das, was sie einmal war“ (Joachim Baur, Martina Griesser-Stermscheg, Christine Haupt-Stummer, Renate Höllwart, Beatrice Jaschke, Monika Sommer, Nora Sternfeld und Luisa Ziaja a. a. O.).

Der Band erschließt sich wohl am besten von Joachim Baurs Beitrag »Das Museum der Zukunft. Ansätze einer Archäologie« her, der den Band abschließt (vergleiche dazu und zum Folgenden die Seiten 281 – 296). Baur erinnert unter anderem an den am 28. Februar 1889 am Brooklyn Institute of Arts and Science von dem gelernten Ichtyologen George Brown Goode gehaltenen Vortrag »The Museums of the Future«, in dem Goode das Museum als große Anschauungsmaschine, als Anstalt der Lehre mithilfe von Auge und Objekt für alle Schichten konstruiert. Nach Lucian Hölscher wird die Zukunft um 1890 entdeckt und von der Vergangenheit und Gegenwart aus sowohl programmatisch von einem angestrebten Ziel her als auch prognostisch entworfen. „Diese Spannung von Prognose und Programm wird deutlich in der … Gegenüberstellung von Albert Robida und George Brown Goode. Wo jener – satirisch überspitzt, doch aus Entwicklungen seiner Zeit abgeleitet – imaginiert, wie ein zukünftiges Museum aussehen wird, entwirft Goode ein Programm, wie ein Museum der Zukunft ausgelegt sein soll“ und wird dabei als liberaler Reformer des 19. Jahrhunderts erkennbar (Joachim Baur S. 285). 1906 erscheinen Eugen Kalkschmidts Fragen an das Museum der Zukunft in einer Flugschrift des Dürerbundes, 1909 Filippo Tommaso Marinetti futuristisches Manifest: Beide bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Vorstellungen vom Tod des Museums und seiner Zukunft. 

Beim Schreiben seines Beitrags im Pandemiejahr 2020 fragt Baur, ob das Museum 130 Jahre nach Goode und 50 Jahre nach den »Grenzen des Wachstums« immer noch dem Primat des Wachstums verhaftet ist. „Mehr Museen, größere Häuser, wachsende Sammlungen, mehr zu bespielende Fläche? Hat es Goodes Programm der disziplinierenden Bildung verwirklicht, perfektioniert, übersetzt, über Bord geworfen? Hat es sich gewandelt? … Hat das Museum gut 100 Jahre nach Kalkschmidt seinen Charakter als ›Repräsentationsstätte der Bildungsschuster‹ hinter sich gelassen und sich von der Sehenswürdigkeit zur ›Arbeitsstätte einer wirklichen Bildung entwickelt? Ist es lebendig geworden und geblieben? Wer oder was lebt darin, nach welchen Regeln? Hat es … eine verständliche Sprache gefunden …? Ist es schon oder noch Verteiler von Informationen …, jetzt auch mit digitalen Tools? Wie steht es um den demokratischen Impetus seiner Arbeit, das leichte, schnelle Agieren, ohne Pomp und Prätention? Gelingt diese Haltung heute, ohne sie auszuspielen gegen sinnliche Erfahrungen und die Vielschichtigkeit der Dinge? Schafft das Museum Räume der Vermittlung, Vernetzung und Versammlung …, in denen und durch die es sich zentriert? …

Ich schreibe diese Zeilen in Zeiten von Bildersturm und Denkmalsturz. In einem Moment, da Statuen alter weißer Männer und steinerne Manifestationen eines tiefsitzenden strukturellen Rassismus … nahezu plötzlich fallen? In dem die Relevanz und Virulenz, die Macht und Bedeutung von Repräsentation in aller Öffentlichkeit augenscheinlich wird. In dem sich Museen leicht anschließen … und zugleich schwer zu kämpfen haben mit ihrer Tradition, den Strukturen, Praktiken und Privilegien, in denen sie groß und mächtig geworden sind. Hat das Museum da eine Zukunft? Welche und auf welcher Seite? Oder ist es jetzt als nächstes richtig dran? … Was ist es, das Museum der Zukunft heute?“ (Joachim Baur S. 290 f.).

Aus seinen Antworten, die die Antworten der 43 Beiträge aufnehmen und spiegeln, seien folgende zitiert:

„Ein Vorbild für das Funktionieren einer Gesellschaft; ein Raum, um Utopien zu entwickeln, völlig barrierefrei, mit kostenlosem temporären Wohnrecht …

ein Ort der Faszination des Körperhaften, des Intuitiven und Atmosphärischen, offen für die Sphären anderer Genres und grundlegend mobil … 

ein Museum, das kein Museum mehr ist, weil es fraktiversal bricht mit der Logik der Repräsentation …

postmigrantisch, antirassistisch, radikaldemokratisch, partizipativ

ein Commons, Gemeingut

eine Agora des 21. Jahrhunderts, ein Ort der Verhandlung von Öffentlichkeit, der Platz bietet für Konflikte, für Solidarität, für Gleichheit in aller Verschiedenheit … 

ein Rückzugsort, immersiver und illusionsstärker als jede Hometechnik es erlaubt; angeschlossen an allmächtige Algorithmen, Substitut einer zerstörten Welt …

eine Sammlung von Hinterlassenschaften auf dem Mond …

ein (virtueller) Dorfplatz, mit lebendigen Performances und unvermitteltem Kontakt zwischen Künstler❊innen und Publikum

ein Ort des Respekts und der Empathie

an unborn ghost

an instrument of care …

die fahrlässig geschleifte Bastion eines aufgeklärten säkularen Universalismus 

ein Raum, in dem die ›Pädagogik der Unterdrückten‹, die queere, indigene, antiimperialisitische, antikapitalistische, dekolonial feministische und antirassistische Pädagogik gelehrt, diskutiert und praktiziert wird

eine Zeitmaschine, die eine andere Zeit einläutet, indem sie normative Zeitlichkeit durchkreuzt …

ein Möglichkeitsraum …

eine Ruine, ein Versprechen, eine Baustelle, to do“ (Joachim Baur s. 292 ff.).

ham 14. April 2021

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