Mai 10

David Hockney, Die Tate zu Gast

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Bucerius Kunst Forum Hamburg vom 1. Februar – 13. September 2020, herausgegeben von Kathrin Baumstark und Andreas Hoffmann mit Texten von Helen Little, Gregory Salter, Lukas Schepers, Uwe M. Schneede und der Herausgeberin

Bucerius Kunstform, Hamburg / Hirmer Verlag, München, 2020, ISBN 978-3-7774-3537-4, 220 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 28,6 x 22,8 cm, € 39,90 (D) / € 41,10 (A) / SFR 48,70 (CH)

Wenn die David Hockney-Ausstellung im Bucerius Kunst Forum Hamburg mit knapp 100 Arbeiten aus der Tate nicht durch die Corona-Pandemie unterbrochen worden wäre, wäre sie am 10. Mai 2020 zu Ende gegangen. Jetzt ist sie nach ihrer Wiedereröffnung am 7. Mai bis zum 13. September 2020 verlängert und gibt    damit die Gelegenheit, sich vor den Originalen ausgiebig mit den zentralen Aspekten von Hockneys Werkentwicklung und seiner Sicht auf Mensch und Welt auseinanderzusetzen (vergleiche dazu die Videos David Hockney in Hamburg / Tate zu Gast https://www.youtube.com/watch?v=cwPvGUnzdgQ und David Hockney im Bucerius Kunstforum Hamburg https://www.youtube.com/watch?v=DtGGXzNHby8). 

Der von Katharina Baumstark und Helen Little verantwortete klassisch gestaltete Katalog setzt mit der Lithografie ›Woman with a Sewing Machine‹ von 1954 ein (vergleiche dazu https://www.tate.org.uk/art/artworks/hockney-woman-with-a-sewing-machine-p13001) und schließt mit der fotografischen Zeichnung auf Papier ›In the Studio‹ von 2017 (vergleiche dazu https://www.google.de/search?sxsrf=ALeKk03XIhI1neWYkfIctCTMOZpJButO-A:1589017765311&source=univ&tbm=isch&q=david+hockney+in+the+studio&sa=X&ved=2ahUKEwj8rMW7wKbpAhWAShUIHYD_DBA

QsAR6BAgDEAE&biw=1588&bih=915#imgrc=uQ7naLA_FkL5GM und https://www.tate.org.uk/art/artworks/hockney-in-the-studio-december-2017-t15144). Dazwischen liegen seine nach seinem Amerika-Aufenthalt von 1961 entstandene Serie von 16 zweifarbigen Radierungen ›A Rake’s Progress‹ (vergleiche dazu https://www.tate.org.uk/art/artworks/hockney-a-rakes-progress-65348), seine ›Illustrations for Fourteen Poems from C. P. Cavay‹ (vergleiche dazu https://www.tate.org.uk/art/artworks/hockney-illustrations-for-fourteen-poems-from-cp-cavafy-65477) und seine Hauptwerke ›Mr and Mrs Clarc and Percy‹ von 1970 (vergleiche dazu https://www.tate.org.uk/art/artworks/hockney-mr-and-mrs-clark-and-percy-t01269) und ›My Parents‹ von 1977 (vergleiche dazu https://www.tate.org.uk/art/artworks/hockney-my-parents-t03255).

Der 1937 in Bradford, Yorkshire geborene Hockney erscheint als experimentierfreudiger und ein Leben lang an neuen Techniken interessierter Künstler, der sich mit seiner Homosexualität auseinandersetzt und Fragen wie der stellt, wer er ist, wie er Raum, Zeit, Perspektive und zwischenmenschliche Emotionen auf Leinwand und Papier in zwei Dimensionen erfahrbar darstellen und wie er Betrachter in seine Bildräume einbeziehen kann. Er setzt auf Stilvielfalt und verwehrt sich dogmatischen Festlegungen. Seine am 15. November 2018 in der New Yorker Filiale von Christie’s für den damaligen Weltrekord von 90 312 500 Dollar versteigerte 213,5 x 305 cm große Malerei ›Portrait of an Artist‹ von 1972 mit seinem früheren Partner Peter Schlesinger am Rand eines Swimmingpools hätte er sich trotz seiner auch sonst für seine Werke erzielten Höchstpreise selbst nicht leisten können (vergleiche dazu https://www.youtube.com/watch?v=Ke5xQpcOuJg). Aber an der Zuschreibung „der teuerste lebende Künstler“ ist ihm nichts gelegen. Wichtiger ist ihm, dass die astronomischen Preise „einem Bild Schutz und sorgfältige Pflege garantieren. Wer Millionen ausgibt, will, dass sein Anlageobjekt in bestmöglicher Verfassung bleibt, um es zu gegebener Zeit mit maximalem Profit weiterverkaufen zu können. Für den Künstler ist das ein beruhigendes Gefühl. Ich habe meine Bilder von Anfang an so gut gemalt, dass sie lange leben. Die Farben auf meinen frühen Bildern sehen immer noch gut aus, weil ich schon damals mit Farben umzugehen wusste. Mischt man zum Beispiel zu viel Weiß bei, ändern sich mit den Jahren die Farben“ (David Hockney im Gespräch mit Sven Michaelsen. In: Süddeutsche Zeitung Magazin Nummer 11 vom 13. März 2020 S. 17). 

Hockney wusste schon mit elf, dass er Künstler werden wollte. „Woher ich diese Selbstgewissheit nahm, weiß ich nicht, aber es führte dazu, dass ich mich nie groß um die Meinung von Professoren, Kritikern und Kuratoren geschert habe. Mein Vater war sein Leben lang Buchhalter und alles andere als ein Revolutionär, aber er schärfte mir schon in meiner Kindheit ein, ich solle nichts darauf geben, was die Nachbarn über mich sagen. In den Sechzigern malte jeder abstrakt, nur ich nicht, denn etwas in mir sagte, die abstrakte Malerei werde bald an ihr Ende kommen. Dass ich statt konform zu malen meinen eigenen Weg ging, lag auch am Eigensinn meines Vaters“ (David Hockney im Gespräch mit Sven Michaelsen, a. a. O. S. 21). Im Atelier fühlt er sich auch noch im Alter wie 30. „Wenn ich es verlasse, fühle ich mich wie 82, griesgrämig und von Wehwehchen geplagt. Auch diese Diskrepanz treibt mich jeden Morgen ins Atelier. Verlöre ich die Fähigkeit zu malen, brächte ich mich wahrscheinlich um wie mein Freund R.B. Kitaj. Er hatte Parkinson. Der qualvolle Albtraum eines Malers ist, dass seine Hände zu zittern beginnen. Das wäre mein Ende […]. Nach meinem Eindruck sterben die meisten Alten an Langeweile. Gänsehaut und Freudentränen sind für sie bloß noch Worte. Ihre Neugier ist erloschen, und die leere Routine ihres Alltags führt zu Überdruss und Trostlosigkeit. Ich dagegen will immer noch überrascht werden und Entdeckungen machen, weil ich die Welt schön und aufregend und geheimnisvoll finde. Ich male seit meiner Kindheit, aber ich weiß nicht, was mein Pinsel in der nächsten Sekunde tun wird“ (David Hockney a. a. O. S. 22).

ham, 9. Mai 2020

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