Theiss Verlag / WBG Darmstadt, 2016, ISBN 978-3-8026-382-7, 608 Seiten, 41 schwarzweiße Abbildungen,
Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 23,5 x 16,5 cm, € 38,00 (D)

Wenn man David I. Kertzer folgt, hat sich Papst Pius XI. von Mussolini zum Steigbügelhalter des
Faschismus machen lassen, um Italien rekatholisieren und den von ihm unterstellten Einfluss der Juden,
Protestanten und Freimaurer zurückdrängen zu können. Beide kamen 1922 an die Macht, der Papst als
Bibliothekar und Gelehrter, Mussolini als antiklerikaler, gewaltbereiter und ein Leben lang von
Frauengeschichten umgetriebener Egomane. Beide lehnten die Demokratie ab, standen für totalitäre
Konzepte und verlangten totalen Gehorsam, der eine im Staat, der andere in der Kirche. Beide haben sich
gegenseitig benützt. Und beide waren Judenfeinde, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven.

Der von Hans Woller in seiner Mussolini-Biografie zwingend herausgearbeitete Antisemitismus Mussolinis
ab den 1920er Jahren wird von Kertzer übergangen (vergleiche dazu Hans Woller, Mussolini. Der erste
Faschist, Verlag C.H.Beck 2016); dafür weist er um so klarer nach, dass Pius XI. in der Tradition des
katholischen Antijudaismus stehen geblieben ist. Nach Kertzer hat sich Pius XI. nur für zum Katholizismus
konvertierte Juden interessiert, nicht aber für die Juden selbst. „Der Papst war nicht der moralische Führer
der Welt, sondern der katholischen Kirche. Die Juden waren gewissermaßen nicht sein Problem […]. In
katholischen Publikationen wie der vom Vatikan kontrollierten Civiltà Cattolica liest man bis in die 1940er-
Jahre, dass die Juden den christlichen Staat bekämpfen, dass sie Christen ausbeuten, dass man gegen sie
vorgehen müsse, dass es der größte Fehler war, ihnen Bürgerrechte einzuräumen. All diese Argumente
gehören wesentlich zum modernen Antisemitismus. In der Civiltà Cattolica findet man dieselben
Ritualmord-Abbildungen wie im Stürmer“ („Der erste Stellvertreter“. David I. Kertzer im Interview mit
Hans-Joachim Neubauer. In: Zeit online vom 30.9. 2016; http://www.zeit.de/2016/41/der-erste-stellvertreterdavid-
i-kertzer-historiker-papst-pius-xi-xii/komplettansicht, abgerufen am 8.11.2016). Insofern kam das
Bekenntnis von Pius XI. „Geistlich sind wir alle Semiten“ im Jahr 1938 ebenso zu spät wie seine noch vor
seinem Tod am 10. Februar 1939 vorbereitete, aber nicht mehr gehaltene Rede, in der er sich mutmaßlich
von Mussolini distanzieren wollte.

Die erst 20 Jahre später in Auszügen und erst seit 2006 im vollen Wortlaut zugängliche Ansprache war aber
„keineswegs die machtvolle Anklage des Regimes, die Mussolini befürchtet hatte […]. Der Papst beklagte
sich über die Versuche, seine Ansprachen totzuschweigen oder falsch wiederzugeben und warnte die
Bischöfe, bei Gesprächen mit »den sogenannten Hierarchien« der Regierung auf der Hut zu sein. »Seid
vorsichtig, liebe Brüder in Christo, und vergesst nicht, dass es oft Zuschauer und Informanten gibt (man kann
sie auch Spitzel nennen), die euch aus eigenem Antrieb oder auf Befehl belauschen, um euch zu
belasten« […]. Dann beklagte er »jene Pseudokatholiken, die sich freuen, wenn sie glauben, sie hätten eine
Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Bischöfen oder besser noch zwischen einem Bischof und dem
Papst gefunden«. Er drängte die Bischöfe, nie etwas am Telefon zu sagen, das nicht bekannt werden sollte
[…]. Pius XI. beklagte kurz die Verfolgung der Kirche in Deutschland und geißelte jene, die sie leugneten.
Seine Schlussbemerkungen enthielten seine wichtigste Botschaft: Er sah mit Freuden dem Tag entgegen, an
dem »alle Völker, alle Nationen, alle Rassen, alle verbunden und blutsverwandt in der großen
Menschheitsfamilie« sich in dem einen »wahren Glauben« vereinigen würden“ (David I. Kertzer S.379 f.).
Gemeint war wohl er katholische Glaube.

Wer die mit fast 200 Seiten Anmerkungen bewehrte Abhandlung als Protestant durchgearbeitet hat, wird sich
an dem im Protestantismus mit großer Selbstverständlichkeit gepflegten basisnahen Gemeindeprinzip und
den freiheitlichen und demokratischen Impulsen freuen, die Luther, Zwingli und Calvin in die Kirchen- und
Weltgeschichte eingebracht haben. Er wird es begrüßen, dass Luthers Antijudaismus endlich wahrgenommen
und im Zuge der Reformationsdekade auf breiter Basis aufgearbeitet wird. Dass es im Vatikan wie in allen
Kirchen menschlich zugeht und dass die Kirchen Teil der Welt sind, bleibt davon unberührt.

Am 11. Februar 1932 hatte Pius XI. bei seiner ersten und einzigen persönlichen Begegnung mit Mussolini an
die Lateranverträge von 1929 erinnert und die Missionierung der Protestanten als wichtigsten
Tagesordnungspunkt stark gemacht. „Er sagte dem verblüfften Mussolini, der dies nicht als wichtigsten
Punkt der Tagesordnung erwartete, die protestantische Missionierung »macht in fast allen Diözesen Italiens
Fortschritte, wie ich aus einem Bericht der Bischöfe erfahre. Die Protestanten werden immer kühner und
sprechen von ‚Missionen‘, die sie in Italien organisieren wollen«. […]. Mussolini wies darauf hin, dass in
Italien nur 135 000 Protestanten lebten, davon 37 000 Ausländer – eine verschwinden kleine Menge unter 42
Millionen Katholiken. Er gab zu, es gebe nur wenige Protestanten, hielt die Bedrohung aber trotzdem für
groß. Er überreichte dem Duce einen langen Bericht über diese Frage. Im Lauf der nächsten Jahre
bombardierte er den Diktator immer wieder mit der Forderung, die Protestanten zurückzudrängen“ (David I.
Kertzer S. 198).

Am 31. Oktober 2016, also über acht Jahrzehnte später, wurde Papst Franziskus vom Lutherischen Weltbund
zu einer Predigt in der Lutherischen Kathedrale von Lund eingeladen. Anlass war das 50-jährigen Jubiläum
des Lutherischen Weltbunds. Franziskus hat in seiner Predigt das gemeinsame Gedenken der Reformation als
neue Chance für einen gemeinsamen Weg zwischen Lutheranern und Katholiken bezeichnet (vergleiche dazu
http://de.radiovaticana.va/news/2016/10/31/die_papstpredigt_in_der_kathedrale_von_lund/1268965,
abgerufen am 8.11.2016). Das lässt hoffen, dass er die Rekatholisierungsvorstellungen von Pius XI. ein für
alle Male hinter sich gelassen hat. Womöglich begreift er die konfessionelle Ausdifferenzierung sogar wie
der Protestantismus als Freiheitsgewinn und nicht als Zerstörung der Einheit der Kirche. Wenn er sich am
Reformationstag 2017 auch noch gegen alle Widerstände in Rom nach Wittenberg einladen ließe, stünde er
in der Tradition von Johannes XXIII. und ginge noch einen Schritt über ihn hinaus. Johannes XIII war
Nachfolger von Pius XII. „Bis heute hat man der Rolle von Eugenio Pacellis im Italien der Vorkriegsjahre
wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Sein Verhältnis zum faschistischen Regime und seine Rolle dabei, den
alten und reizbaren Pius XI. an allem zu hindern, was die Zusammenarbeit des Vatikans mit dem Regime
stören könnte, ist seltsamerweise im Dunkeln geblieben. Pius XII., Eugenio Pacelli, starb 1958. Sein
Nachfolger Johannes XXIII. berief das Zweite Vatikanische Konzil ein und änderte den Kurs der Kirche
dramatisch. Juden wurden nicht länger dämonisiert, interreligiöses Verständnis geschätzt, nicht verachtet.
Religions- und Redefreiheit galten nun als positiv. Seit den aufregenden Jahren des Zweiten Vatikanischen
Konzils sind sowohl Johannes XIII. als auch das Konzil selbst bei jenen in der katholischen Kirche
umstritten, die sich nach der alten Zeit sehnen. Pius XII. ist ihr Held gewesen, der Verteidiger der ewigen
Wahrheiten der Kirche. Sein Vorgänger Pius XI. ist dagegen fast vergessen“ (David I. Kertzer S. 408).

ham, 8. November 2016

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