Herausgegeben von Marie Luise Knott, Thomas Brovot und Ulrich Blumenbach mit Beiträgen u. a. von Sibylle Lewitscharoff, Karl-Heinz Ott, Philipp Schönthaler, Monika Rinck, Ulf Stolterfoht und Christian Hansen

Matthes & Seitz, Berlin, 2015, ISBN 978-3-95757-145-8, 336 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag,
Format 20,5 x 13 cm, € 24.90

Martin Luther hat 1512 nach dem Theologiestudium und seiner Promotion zum Doktor der Theologie die Wittenberger Bibelprofessur von seinem geistlichen Mentor und Ordensoberen Johannes von Staupitz übernommen und sie bis zu seinem Lebensende beibehalten. „Theologischer Doktoreid und Professur verpflichteten Luther, wie alle theologischen Professoren des Mittelalters, auf die heilige Schrift als höchsten Gegenstand der theologischen Lehre. Luther begann seine Lehrtätigkeit mit einer Vorlesung über die Psalmen“ (Reinhard Schwarz, Luther. In: RGG, vierte Auflage Band 5 L-M, Tübingen 2002, Sp. 560). Fünf Jahre später veröffentlicht er neben seinen 95 Disputationsthesen gegen den Ablass eine Übersetzung der sieben Bußpsalmen mit einer auf Deutsch abgefassten Auslegung. 1521 überträgt er auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche. Es erscheint am 21. September 1522 ohne seinen Namen in einer Auflage von 3000 Exemplaren als Septembertestament und am 19. Dezember 1522 in einer stilistisch revidierten Neuauflage als Dezembertestament. 1530 erscheint sein Sendbrief vom Dolmetschen und im September 1534 die zusammen mit Freunden erarbeitete erste Wittenberger Vollbibel: Biblia / das ist die gantze Heilige Schrift Deudsch. Dank seiner selbstbewussten übersetzerischen Position wird er mit der im Wortlaut von ihm
verantworteten Vollbibel zum Mitbegründer der neuhochdeutschen Schriftsprache. Nach diversen und unterschiedlich gut gelungenen Überarbeitungen in den letzten 500 Jahren soll die Lutherbibel im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 erneut durchgesehen und an Luthers Sprachfluss angenähert werden.

Im Vorfeld und Kontext dieser Revision hat die Evangelische Kirche in Deutschland Literaten und Übersetzer zu einem Workshop und zur Diskussion der Doppelfrage eingeladen, ob Übersetzer von Literatur anders auf Luthers Sprache blicken als Wissenschaftler und praktische Theologen und wie sich die Herangehensweisen unterscheiden. Die Doppelfrage erwies sich als Glücksgriff, der Workshop als Ausgangspunkt des detailreichen und höchst spannend zu lesenden vorliegenden Bands. Er gehört zu den besten Publikationen auf dem Weg zum Reformationsjubiläum. „Angestiftet vom Deutschen Übersetzerfonds, nehmen […] acht Literaturübersetzer in Forschungsbeiträgen einzelne Aspekte von Luthers Sprachkunst unter die Lupe – mit großem Gespür, feinen Gehör und viel Sinn fürs Feinstoffliche. Sieben Schriftsteller schaffen sich eigene Zugänge zu Luthers Sprache. Der erste Teil Dem Luther aufs Maul geschaut […] widmet sich Luthers Sprachgewalt […]. Josef Winiger untersucht darin den humanistischen
Geist und führt ein in Luthers übersetzerische Kunst. Martina Kempter erkundet den »Sitz im Leben« der berühmten Lutherstellen […]. Selbst bei Übersetzungen aus dem Hebräischen, so nimmt Anne Birkenhauer den Faden auf, komme ihr immer wieder der Lutherton in den Sinn […]. Der zweite Teil […] Und haltet mir meinen Groove zugute konzentriert sich auf das von Luther geschaffene Klangreich. Susanne Lange befragt Luthers subtile wie wagemutige Kompositionen in Satzbau und Rhythmus und empfiehlt am Ende ihren Übersetzerkollegen, ruhig mal »dem Luther aufs Maul zu schauen«. Eveline Passet erkundet die Frage: Wer redet eigentlich im Buch Hosea – Gott oder der Prophet? […]. Der dritte Teil […] Wie eine Rohrdommel weitet den Blick“ (Marie Luise Knott, Thomas Brovot, Ulrich Blumenbach S. 12 f.) diskutiert die Stilmittel der aus den Psalmen hervorgegangenen Psalmlieder und fragt nach dem Kunstcharakter von Luthers Hiobübersetzung. Man kann gespannt sein, wie viel selbstbewusster Übersetzergeist in die Revision der Lutherbibel von 2017 einfließen wird und wie viel Anlehnung an Martin Luther.

ham, 13.1.2016

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