Jan 29

Der frühe Dürer

Von Helmut A. Müller | In Rezensionen, Sachbuch Kunst

Der frühe Dürer
Hrsg. von Daniel Hess und Thomas Eser zur gleichnamigen Ausstellung vom 24.05. – 02.09.2012
im Germanischen Nationalmuseum mit Beiträgen unter anderem von Beate Böckem, Stephanie
Buck, Michael Roth, Thomas Schauerte und den Herausgebern
Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg, 2012, ISBN 978-0-500-97037-9, 604 S.,
zahlreiche s/w- und Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 27,5 x 23 cm, € 34,50
(Museumsausgabe)

Die Ausstellung ‚Der frühe Dürer‘ steht in einer langen Reihe großer Dürer-Ausstellungen im
Germanischen Nationalmuseum seit 1871 und integriert jüngere, historiografische
Verständnismodelle wie die der >>Konstellationsforschung<< oder des >>Spatial Turn<<,
„welche weniger die konkrete Einzelperson als >>historische Größe<< oder den exakten
Zeitpunkt als historisches Ereignis untersuchen, sondern vielmehr Ereignisraum und soziales
Umfeld als historisch ebenso wichtige Faktoren würdigen. Untersucht werden dabei sowohl
Beziehungen und Interaktionen von Menschen in einem bestimmten geografischen Raum als auch
die gezielte Konzeption und Wahrnehmung dieses Raumes und eines Personengeflechts, also die
Selbstdarstellung etwa in Biografie, Topografie und Chronistik. Auf den >>frühen Dürer<<
bezogen bedeutet dies eine besondere Berücksichtigung der Rolle der Stadt Nürnberg, die sich in
der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts dem Verständnis ihrer Bewohner nach zum >>Quasi
Centrum Europae<< aufschwang. Eine solche Stadt brauchte Helden, Dürer und Celtis boten sich
hierfür in geradezu idealer Weise an. Beim mikroskopischen Blick auf die Burgstraße, an deren
oberen Ende Dürer aufgewachsen ist und seine wesentlichen Prägungen erfahren hat, kommt nicht
nur ein einzigartiges kulturelles und ökonomisches Klima zum Vorschein, sondern lässt sich auch
ein enges Netzwerk der unmittelbar um und mit Dürer agierenden Personen ermitteln. Dürers
berühmte Bezugspersonen Anton Koberger, Michael Wolgemut, Agnes Frey oder Willibald
Pirckheimer waren als Taufpate, Lehrer, Ehefrau und Freund zunächst seine Nachbarn gewesen,
die nicht zuletzt dieser Raumkonstellation wegen in direkte Beziehung zu ihm traten und dann
seine Lebensentwürfe und Karrieremöglichkeiten prägten. Wohl kein anderer Künstler seiner Zeit
konnte sein Leben so bewusst zwischen und mit den Karriere-Möglichkeiten eines Handwerkers
und Künstler-Unternehmers, Hofkünstlers oder Buchautors modellieren. Mit seinen frühen
moralisierenden Einblattdrucken, ersten antiken Stoffen und Porträts bediente er gezielt und
geschickt neue Nischen im städtischen Kunst- und Medienbedarf… Der Werdegang des >>frühen
Dürers<< folgt darin auf weiten Strecken den Rollenmustern früher Medien-Unternehmer der
Post-Gutenberg-Ära. In dieser Deutung sind seine frühen Drucke keine selbstlosen Zeugnisse oder
Medien idealistischer Freundschaftspflege oder Antikenbegeisterung, sondern gezielt als
Verkaufsgüter für den Absatz bestimmt gewesen. Wie bei vielen seiner Burgstraßen-Nachbarn war
solch früher unternehmerischer Erfolg Voraussetzung für eine spätere kontemplativ-humanistische
Bestätigung“ (Daniel Hess / Thomas Eser). Dürers Frühwerkszeichnungen und Landschaftsstudien
können dann nicht mehr länger die für diese Zeit fehlenden biografischen Angaben ersetzen und
auch nicht mehr als Skizzen einer am Darstellungsort gepflegten Naturbeobachtung gelten. „Sie
studieren nichts, sondern demonstrieren etwas, sind keine spontanen Skizzen, sondern kalkulierte
Muster. Sie sind nicht aus einem künstlerischen Impuls, aus einem Naturerlebnis heraus
entstanden, sondern mit großer Sorgfalt und Akribie weit weg von der tatsächlichen Natur
konstruiert worden“… Sie sind „>>Exempla<< für die leere Werkstatt“ (Thomas Eser). Auch der
Topos von Dürer als dem ersten autonomen nachantiken Künstler und Pionier der
Landschaftsmalerei kommt ins Wanken. „Sicherlich hat Dürer konsequenter als seine Vorgänger
topografische Studien und Naturerscheinungen dargestellt und gesammelt. Er ist aber keineswegs
der >>erste Landschaftsmaler<<… In der Tat optimiert er die technisch-handwerklich
anspruchsvolle Druckgrafik in einem Quantensprung, etwa, was die Realitätsnähe von Bildraum,
die Erzähldramatik und differenzierte Körperlichkeit des Dargestellten betrifft.. Allerdings deuten
sich diese darstellerischen Innovationsmöglichkeiten in Einblattdruck und Buchillustration
fränkischer Werkstätten schon um 1490 an… In der Tat hat keiner vor Dürer derart konsequent
Werk für Werk mit Monogramm oder Signatur versehen. Allerdings war nicht erst mit Dürers
>>AD<< die Copyright-Sicherung erfunden… Fränkische Zeichner und Maler signieren bereits
vor Dürer. Statistisch ist es korrekt, das knappe Dutzend mythologischer Blätter, mit dem Dürer
seit 1497 den Druckgrafikmarkt bedient, als Meilenstein der Antikenrezeption nördlich der Alpen
zu bewerten… Über die Mediengrenzen hinaus geblickt, zeigt sich jedoch, dass >>Antike<< im
Nürnberger Inkunabelsortiment bereits seit 1490 Thema war und Dürer mit seinen Einblattdrucken
lediglich ein Themenfeld aufgriff, zu dem vorherige Buchprojekte gescheitert waren…“ (Thomas
Eser). Aus diesem Blickwinkel erscheint Dürer als Handwerker, der auf Autoritätsgewinn aus ist,
lokal agiert, aus taktischen Gründen die Grenzen des damaligen Reiches berührt und einen Blick
über die Grenzen wagt, sich aber bewusst für ein Leben als lokaler Akteur in Nürnberg
entscheidet.

Weitere Essays des kaum auszulotenden Forschungsbandes beschäftigen sich mit Dürer in
Straßburg, der Vorstellung von der Natur als vollkommener Lehrmeisterin der Kunst und im
Verständnis von Autonomie in Dürers frühen Zeichnungen. Das Katalogteil widmet sich unter
anderem Dürers Selbstdarstellungen und der Tradition der Ego-Dokumente in der
spätmittelalterlichen Stadt, den sakralen Gemälden und der Frage ‚Was ist Kunst?‘. Die von
Thomas Esser im Anhang aufbereiteten ‚Materialien für eine Dürer-Matrix von 1471 bis 1505‘
erlauben eine nach dem heutigen Stand der Forschung wahrscheinliche Chronologie der frühen
Jahre.
(ham)

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